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M1295
Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern
Von Martinus

 
Hier habe ich ein kleines Bild mitgebracht, das Sie sicher alle aus H.C. Andersens Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ kennen. Das Bild zeigt einen natürlichen Übergang beim Tod. Das Mädchen ging barfuß und sollte Streichhölzer verkaufen. Da sie aber keine hatte verkaufen können, getraute sie sich nicht mehr zurück nach Hause. So setzt sie sich mit ihren Streichhölzern in eine kleine Nische an einer Hausecke. Sie ist nahe am Erfrieren und zündet daher ein Streichholz an. Und da sieht sie nun alles, was sich ein kleines Kind wünschen kann. In seinen einfachen Gedanken stellt sie sich keinen Himmel und dergleichen vor, sondern vielmehr das, was sie hier in ihrem kleinen kindlichen Dasein versteht, und weil es eben Weihnachten war, sieht sie den schönsten Weihnachtsbaum. Sie sieht ihn geistig. Sie merkt nicht, dass sie friert. Wenn das Streichholz aber ausgeht, kommt sie wieder zu Bewusstsein. Sie bekommt in dieser Vision auch ein prächtiges Weihnachtsmahl und es endet damit, dass sie den Menschen sieht, der sie am liebsten gehabt hatte, ihre verstorbene Großmutter, und das Mädchen sagt: „Nimm mich mit hinauf zu Gott, nimm mich mit dort hinein“, denn die Vision verschwindet jedes Mal wieder, wenn das Streichholz ausgeht und sie sozusagen wieder zu Bewusstsein kommt. Aber dann nimmt die Großmutter wirklich „das kleine Kind auf ihren Arm“, wie es so schön heißt, und „führt das Kind hinauf zu Gott“.
Das ist eine wunderschöne kosmische Analyse des Todes eines solchen kleinen Kindes. Da ist nichts von einem Fegefeuer oder bösen Zuständen. Das kleine Kind erlebte, dass seine Wünsche erfüllt wurden, sobald es die physische Welt losließ. Und so wird es sein, nicht bloß für das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern, sondern auch für einen erwachsenen Menschen, der ohne Bitterkeit und Bosheit in seinem Wesen stirbt. Es ist ganz normal, ein solch schönes Erlebnis zu haben, dass man von lieben Verwandten – oder wer sonst zum Schutzengel dieses Menschen geworden ist – empfangen wird. Die Großmutter war zum Schutzengel des kleinen Mädchens geworden, da sie diejenige war, die es am meisten mochte, als sie noch hier auf der Erde lebte.
Das ist ein wundervolles Bild von H.C. Andersen; er hat sozusagen fast eine kosmische Vision gehabt, denn diese hohen dichterischen Erlebnisse sind mit dem kosmischen Erleben verwandt. Sollte das eine Fantasie sein, ja, dann ist es eine Fantasie, die die lebendige Wirklichkeit erzählt.
Sie fanden also das Mädchen am nächsten Tag. Sie war erfroren. So wie H.C. Andersen es jedoch beschreibt, ist ihr der eigene Tod sicher ebenso vorgekommen, wie Tausenden anderen kleinen Kindern, die sterben. Selbstverständlich kann es auch Kinder geben, die Fegefeuer erleben, wenn sie in einem unglücklichen Zustand leben und entsetzt und verängstigt sind, wenn sie sterben. Aber es wird ihnen augenblicklich geholfen, weil sie weinen und unglücklich sind. Denn sobald dieser Wendepunkt eintritt, wo man Hilfe sucht, wo man fühlt, dass man Hilfe braucht, ist sie auch schon da, dann können die Schutzengel eingreifen – aber nicht vorher. Das ist ein wunderbares Bild vom Tod; einen solchen schönen Tod bekommen alle Menschen, die nicht böse sind, die nicht während eines Wutanfalls, die nicht mitten in einem Ausbruch von Zorn oder von Hass erfüllt sterben. Sie alle werden das erleben, was sie sich wünschen. Es wird ihnen so ergehen, wie sie es gerne hätten. Ja, das dürfen sie schlichtweg erleben, und später werden sie in eine Zone geführt, in der sie selbst auf die gleiche Weise Schutzengel und Helfer sein können.
Anhand eines Farbfotos aus seiner Diasammlung erläutert Martinus das Bild „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ im Vortrag „Das ewige Weltbild, 6. Kurs, 3. Vortrag [‚Grandkursus‘, Abschnitt 481]“ im Martinus-Institut, Donnerstag, den 19. Januar 1956. Artikel-ID: M1295. Dieser Auszug aus dem Vortrag erschien zum ersten Mal im dänischen Kosmos Nr. 10, 2005 anlässlich des 200. Geburtstags von H.C. Andersen am 2. April 2005. Bearbeitung der Bandaufzeichnung durch Ole Therkelsen. Vom Rat gutgeheißen am 17.09.2005. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2026-2 von Vincent Stadlmair.

© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk

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