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M2017
Religiosität und Materialismus als Erscheinungsformen desselben Prinzips
Von Martinus

1. Es gibt keine absolute Anti- oder Irreligiosität
Heutzutage spricht man von religiösen Menschen und materialistischen Menschen. Was ist denn der Unterschied zwischen diesen zwei Arten von Menschen? – Ja, da ist im Prinzip in Wirklichkeit gar kein Unterschied. Beide Arten von Menschen sind in ihrer Einstellung und Auffassung gegenüber dem Lebensmysterium „Gläubige“. Sie glauben nur nicht an dieselbe Lösung dieses Mysteriums. Die religiösen Menschen glauben, dass die Lösung des Lebensmysteriums in höchster Instanz eine allmächtige und allliebende Gottheit ist, die das Weltall von irgendeinem Aufenthaltsort im Himmel aus steuert und lenkt, während der materialistische Mensch glaubt, dass die Lösung des Lebensmysteriums in dem zufälligen Spiel toter Kräfte liegt, und dass die Schicksale aller Wesen ein Resultat dieser Zufälligkeit sind.
Sowohl die materialistischen als auch die religiösen Wesen glauben somit jeweils an „etwas“ und richten ihr Leben nach diesem Glauben ein. Beide Seiten sind also demselben Prinzip unterworfen. Sie können es schlichtweg gar nicht vermeiden, gläubig zu sein, was wiederum dasselbe ist, wie eine Einstellung zum Lebensmysterium zu haben. Ob man nun das eine oder das andere über dieses Mysterium glaubt, ändert absolut nichts am Prinzip. Da dies, eine Auffassung von der Lösung des Lebensmysteriums zu haben, dasselbe ist wie religiös zu sein, sind alle Menschen somit in Wirklichkeit religiös. Eine Vereinigung von Menschen, die glauben, dass die Lösung des Lebensmysteriums aus Zufall und toten Kräften besteht, ist ebenso eine religiöse Sekte oder Bewegung wie eine Vereinigung, die an eine Gottheit glaubt. Materialismus ist also in Wirklichkeit kein Ausdruck für Antireligiosität. Wenn Materialisten aber nicht antireligiös sind, gibt es in Wirklichkeit gar keine absolute Anti- oder Irreligiosität.
Wenn somit alle Menschen religiös sind, wird die Religiosität ein unerschütterlicher Faktor in der mentalen Struktur des Erdenmenschen, ebenso wie die Verdauung, die Atmung und die Drüsenfunktionen unerschütterliche Faktoren in der physischen Struktur des Wesens sind. Religiosität, d. h. die Einstellung des Wesens zum Lebensmysterium, ist somit ein führendes Prinzip in der Entwicklung und Schicksalsbildung des Wesens, ja, sie ist das absolut bedeutendste, denn die Einstellung des Wesens zum Lebensmysterium ist entscheidend für sein Dasein und Lebenserleben.
2. Das Lebensmysterium macht all das aus, wovon ein Lebewesen umgeben ist
Was ist denn das Lebensmysterium? – Das Lebensmysterium macht all das aus, wovon ein Lebewesen überhaupt umgeben sein kann. Alles, was unter die Begriffe Natur, Universum, Sonnensysteme und Milchstraßen, Mikrokosmos, Zwischenkosmos sowie Makrokosmos fällt.
Aufgrund der zunehmenden Entwicklung des entgegengesetzten Pols im Wesen entsteht jene Erweiterung des Bewusstseins des Tieres, die es anfangen lässt, über seine eigene Existenz und Identität sowie die seiner Umgebung zu spekulieren. Und hier, wo die Dinge noch automatisch und instinktmäßig funktionieren, beschäftigt sich das Wesen in Wirklichkeit nur mit der psychischen Seite des Lebensmysteriums oder der Natur und Umgebung. Hier glaubt es, dass alles aus Lebensäußerungen, aus den Manifestationen lebendiger, kosmischer Wesen, Götter und Teufel besteht. Alles ist Lebensäußerung.
Diese Seelenverfassung, alles als Leben zu sehen, enthüllt uns die Tatsache, dass der Gottesbegriff nicht das Resultat von Spekulation ist, dass er keine menschliche Erfindung oder ein Fantasieprodukt ist, sondern etwas Instinktmäßiges, etwas dem Wesen Angeborenes – ein Rätsel, ein Mysterium, für das das Wesen eine Lösung braucht. Er ist ebenso angeboren wie die physischen Organe des Wesens und wird erst später vom Wesen analysiert und erkannt. Dass die Wesen aufgrund der Entwicklung der Intelligenz jenen instinktmäßigen Zustand verlassen und mit diesem neuen Sinn beginnen, die materialistische Seite des Weltalls wahrzunehmen und zu erkennen, ist ganz natürlich.
Da aber die materialistische Seite des Weltalls lediglich ein anderer Aspekt derselben Sache ist, ist das Wesen in Wirklichkeit immer noch ein Gottesverehrer, weil die materialistische Seite des Weltalls in Verbindung mit der psychischen Seite den Organismus und das Bewusstsein der Gottheit darstellt. Das weiß der Materialist zunächst jedoch nicht. Doch nach und nach ermüdet er an der physischen Forschung und ihren Erfahrungen, ermüdet an Maß- und Gewichtsergebnissen, da diese keine Anleitung oder Richtschnur bezüglich seines Schicksals bieten.
Schritt für Schritt dringt so das Bewusstsein oder die Mentalität des materialistischen Menschen immer tiefer in psychische Bereiche vor, bis zur wirklichen Wahrheit dahinter. Und mit dieser Erfahrung stellt sich das Wesen wieder auf die lebendige Gottheit ein, doch nun ist diese Einstellung nicht mehr vom Instinkt getragen, sondern zu detailliertem, wirklichem Wissen geworden. Und das Wesen wird schließlich die Gottheit mit wachem, tagesbewusstem Verstand erleben, so wie man andere Lebewesen erlebt. Das Lebewesen kann niemals von Gott verlassen sein. Womit es sich auch immer beschäftigt – es ist religiös, es hat mit der Gottheit zu tun. Alles wird zu guter Letzt zu einer lebendigen Korrespondenz und damit zu einem wachen, tagesbewussten Zusammensein mit Gott.
Manuskript für den Vortrag, den Martinus am 27. April 1952 im Martinus-Institut gehalten hat. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Anne Wedege. Vom Rat gutgeheißen am 7. März 2024. Artikel-ID: M2017. Übersetzung für DE-Kosmos 2026-2: Vincent Stadlmair.

© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk

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