M2177
Sympathien, Antipathien und die Liebe
Von Martinus
1. Übertriebene Sympathie und Antipathie sind unlogisch und damit ungerecht
Das meiste im täglichen Leben der heutigen Menschen wird mit Hilfe von Antipathien und Sympathien bestimmt und nicht durch wirkliche Vernunft in Reinkultur. Die Menschen haben weitgehend eine angeborene Neigung, die eine oder andere Art von Menschen nicht leiden zu können. Manche Menschen können religiöse Menschen nicht vertragen, manche können politisch eingestellte Menschen oder Menschen, die der einen oder anderen politischen Richtung angehören, nicht leiden. Wieder andere haben ihre besondere Vorstellung von Schönheit und mögen keine Menschen, die diesem ihrem Ideal nicht entsprechen oder nicht dazu passen, und so können sich alte und hinfällige Menschen oder Menschen, die arm sind und keine besondere soziale Position haben, von solchen Menschen auch keine besondere Sympathie erwarten.
Dagegen haben diese Menschen eine sehr große, ja übertriebene Sympathie für all jene Menschen, die zu ihren eigenen Vorlieben passen, die also mit dem, was sie Schönheit nennen, und mit hoher sozialer Position und Reichtum ausgestattet sind. Und wenn diese Menschen Wesen sind, von denen sie in großem Umfang profitieren können, oder in deren großer materieller Pracht und Herrlichkeit sie sich sonnen können, dann kennt ihre Sympathie für diese Wesen fast keine Grenzen. Ja, diese Sympathie kann sogar bis zur sklavischen Anbetung gehen, ebenso wie die Antipathie im ersten Fall auf die gleiche Weise bis zu Hass und sogar Verfolgung hinabsinken kann. Diese Sympathien und Antipathien sind völlig unlogisch und damit gänzlich ungerecht.
In einer Gesellschaft von solchen Wesen muss die Atmosphäre des täglichen Lebens dementsprechend zu einem mentalen Unwetter mit Erdbeben und Blitzeinschlag, Wirbelstürmen und Sturmfluten werden. Dass die Zeitschriften und Zeitungen einer solchen Gesellschaft im gleichen Ausmaß mit diesen unlogischen Sympathien und Antipathien angefüllt sind und dadurch die Freude und Lebenslust vieler Menschen sabotieren, ist natürlich eine Selbstverständlichkeit. Dass eine Gesellschaft solcher Wesen nur den Krieg aller gegen alle auslösen kann, dürfte hier für den intellektuellen Menschen auch selbstverständlich sein, ebenso wie derselbe intellektuelle Mensch hier die Ursache für die unglücklichen Schicksale der Wesen sieht.
2. Unsere Sympathien und Antipathien bringen andere dazu, eine entsprechende Sympathie und Antipathie zu empfinden
Es sind diese übertriebenen Sympathien und Antipathien, die in besonderem Maße den Stoff für Verleumdung und Klatsch liefern. Mit einer solchen übertriebenen Antipathie bringt man ja Menschen dazu, dieselbe Antipathie gegen deren Objekt zu empfinden wie wir selbst, so wie wir mit unseren Sympathien andere Menschen so weit wie möglich dazu bringen, eine entsprechend übertriebene Sympathie für ihr Objekt zu empfinden.
Es ist also eine von uns praktizierte hochgradig lieblose Verhaltensweise – egal, ob es unsere Antipathien oder unsere Sympathien sind, die uns bestimmen. Verbreiten wir Antipathie, sind wir ja so etwas wie Giftschlangen für diese von uns beeinflussten Mitwesen, und wenn es um unsere Sympathien geht, so handelt es sich hier um eine Art Impfung unserer Mitwesen, denen eine Stimulanz, eine Art aufregendes mentales Narkotikum eingeflößt wird. Beide Formen sind für diese Mitwesen im allerhöchsten Grad ebenso schädlich, wie es die materielle Versklavung durch Narkotika und stimulierende Mittel ist.
Zeige anschließend, wie die Leiden oder die unglücklichen Schicksale allmählich die Mitleidsfähigkeit oder dasjenige im Menschen hervorbringt, was wir die Liebe nennen.
Zeige, wie die Liebe nichts für sich selbst will, wie der Mensch damit den Maßstab für seine sympathische Anlage ändert, sodass zuletzt gar keine Antipathie gegen irgendjemanden oder irgendetwas mehr entstehen kann. Die Liebe ist die normale Sympathie oder das normale Bindeglied zwischen den Lebewesen der höchsten Welten. Das Himmelreich ist also nichts anderes, als unabhängig von allen äußeren materiellen Umständen mit einer lebendigen Sympathie erfüllt zu sein.
Handgeschriebener Zusatz:
Christus demonstrierte diese Sympathie, indem er am Kreuz aussprach: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Manuskript für einen Vortrag, den Martinus am 18. Mai 1952 im Martinus-Institut gehalten hat. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Anne Wedege. Vom Rat gutgeheißen am 3. März 2025. Artikel-ID: M2177. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2026-2: Vincent Stadlmair.
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
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