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M2585
Die Ehe
Von Martinus

Heute Abend möchte ich zu Ihnen über die Zone sprechen, in der der irdische Mensch lebt. Sie wissen, dass ich diese Zone „die Zone der unglücklichen Ehen“ nenne, und ich möchte deshalb zu Ihnen über die Prinzipien sprechen, die diese Zone zu einer so schmerzhaften machen, wie es der Fall ist.
1. Die Zone der unglücklichen Ehen und das Polprinzip
Das Problem ist ein tiefgehendes. Um es vollständig erfassen zu können, müssen wir unser Bewusstsein auf dasjenige richten, was wir das „Tierreich“ nennen, da wir hier den Ursprung all jener Prinzipien finden, die ich in diesem Vortrag beleuchten will. Es gibt in allen Lebewesen ein Prinzip, das die Entwicklung des gesamten Bewusstseinslebens durch alle mentalen Abschnitte trägt, ein Prinzip, das bedingt, ob unser Schicksal hell oder dunkel sein soll. Dieses Prinzip ist das Polprinzip. Dieses Polprinzip besteht aus zwei Elementen, die Sie alle kennen: dem maskulinen und dem femininen. Im Tierreich ist das Dasein so eingerichtet, dass diese zwei fundamentalen Begriffe in speziellen Wesen zum Ausdruck kommen. Es gibt Wesen, die nur im femininen Pol bewusst sind, die sogenannten „Weibchen“, und Wesen, die nur im maskulinen Pol bewusst sind, die sogenannten „Männchen“. Das volle Verständnis für die Ursache dieses Umstandes können Sie nur bekommen, wenn Sie sich darauf einstellen, dass alles Leben einem großen göttlichen Plan auf eine solche Weise folgt, dass das, was Sie im Augenblick mit Ihren physischen Sinnen wahrzunehmen vermögen, nicht die gesamte Entfaltung dieses Plans zeigt, sondern nur einen Ausschnitt desselben. In dem Abschnitt des göttlichen Weltenplans, der im „Tierreich“ zum Vorschein kommt, werden wir also Zeugen zweier Wesenstypen, die mit Eigenschaften ausgestattet sind, die der jeweils andere Part nicht besitzt. Wir sehen einen Wesenstyp, der mit Willensstärke und Machtbegehren ausgestattet ist, einen Typus, der herrschen will, den maskulinen Typ, und wir sehen einen Typus, bei dem sich das Entgegengesetzte geltend macht, einen, der am glücklichsten ist, wenn er dem anderen unterworfen sein kann, vom anderen beschützt wird, den femininen Typ.
2. Die glückliche Ehe
Diese beiden Wesensarten kommen im Tierreich zu ihrer höchsten Kulmination, wohlgemerkt in dem Abschnitt des Tierreichs, in dem der irdische Mensch noch nicht in Erscheinung getreten ist. Wenn ich das so stark betone, dann deshalb, weil wir uns hier innerhalb des mentalen Bereichs befinden, wo der Begriff, den Sie als „Ehe“ kennen, in Wirklichkeit in seiner glücklichsten Ausprägung kulminiert. In dieser Zone hat das „Männchen“ keine anderen Interessen als seine Partnerin und den Nachwuchs. Beide Partner sind hier nur an der Erhaltung der Art interessiert. Wir sehen, dass sie, indem sie so ausgestattet sind, genauso zueinander passen, wie man sich vorstellen kann, dass Zahnräder in einer Maschine oder einem Uhrwerk ineinandergreifen. Je vollkommener diese Zahnräder sind, desto vollkommener läuft die Maschine. Dasselbe ist im Tierreich der Fall. Etwas Schöneres und Vollkommeneres, als wir hier erleben, kann man sich nicht vorstellen. Die Wesen in dieser Zone leben vollkommen glücklich. Sie haben keine Sorgen und Nöte, wie sie Menschen haben. Sie häufen keinen Besitz an und machen sich keine Gedanken um ihre soziale Position.
Selbstverständlich erleben diese Wesen Widerstände und Unannehmlichkeiten und müssen permanent in einem angespannten Kampf ums Dasein leben, aber alle Formen von Widerstand sind in dieser Zone von äußerer Natur, sind mit der Erhaltung der Art verbunden. Im Gegensatz hierzu sehen wir, dass die Leiden des irdischen Menschen nicht allein äußerer Natur sind, nicht allein mit dem täglichen Brot zu tun haben, sondern dass sie auch innerer Art sind, nämlich sogenannte seelische Leiden, die das Tier nur erst zu ahnen begonnen hat.
3. Eine Verschiebung im Polprinzip des einzelnen Menschen verursacht mentale Leiden
Beim irdischen Menschen verhält es sich de facto so, dass die seelischen Leiden die rein physischen bei weitem in den Schatten stellen. Die Hauptursache dafür ist, dass die Entwicklung vom Tierreich bis dahin, wo sich der irdische Mensch befindet, eine Verschiebung im Polprinzip des einzelnen Menschen bewirkt hat. Der gewöhnliche Mensch tritt nicht länger als absoluter Mann und absolute Frau in Erscheinung. Wenn wir die Entwicklung des Polprinzips verfolgen, sehen wir, dass dieses Prinzip bis zu einem bestimmten Punkt ein vollkommenes Glück für die Lebewesen bedeutet. Aber an diesem bestimmten Punkt tritt eine Veränderung ein. Sie kennen diesen Punkt unter dem Namen „Sündenfall“. Hier taucht das Interesse daran auf, von der „verbotenen Frucht“ zu genießen. Für viele Menschen ist der Sündenfall ein Begriff, der an etwas Sexuelles geknüpft ist. Da das Erleben eines sexuellen Verhältnisses jedoch normalerweise göttlicher Natur ist, kann es nichts mit „Sünde“ zu tun haben. Es gibt allerdings noch eine andere Art von „Sünde“, und das ist die, über die ich gerne zu Ihnen sprechen will. Ich hoffe, dass es mir gelingen wird, Ihnen dieses Problem auf eine solche Weise darzulegen, dass Sie durch meine Worte beginnen können, ein Bild von der Daseinsform, in der Sie leben, zu bekommen und dadurch viele der Dinge, die Sie erleben, besser verstehen können.
4. Die einpoligen Tiere leben ein glückliches Leben, bis die Sättigung davon und die Sehnsucht nach Wissen sie im großen Kreislauf des Lebens weiter voranbringt
Wenn die Tiere in einem vollkommenen Zustand leben, besagt dies, dass ihr Bewusstsein ganz automatisch den Gesetzen folgt, auf denen ihr Leben beruht. Die Kraft, die diese Wesen aneinander bindet, ist ein reiner Paarungstrieb, dessen Ursprung sich in dem klaren Gegensatz zwischen den zwei Wesenstypen offenbart. Wenn Sie die Vögel singen hören, drückt dieser Gesang eine überwältigende Freude am Dasein aus. Und bei der Beobachtung des Tierreichs werden Sie eben sehen, dass das Tier draußen in der Natur, sobald sich eine Gelegenheit bietet, eine mächtige Lebensfreude entfaltet. Wie armselig würde sich unser eigenes Dasein gestalten, wenn aller Vogelgesang plötzlich verstummte? Aber nicht nur der Vogelgesang erzählt uns von der Schönheit und Vollkommenheit im Tierreich. Wenn Sie die Formen, in denen die Tiere auftreten, untersuchen, werden Sie sehen, dass jede einzelne dieser Formen ein lebendiges Zeugnis göttlicher Schöpfung und Voraussicht ist. Sie werden sehen, dass diese Formen genial an die Gebiete angepasst sind, in denen die einzelnen Tierarten leben sollen. Und Sie werden sehen, dass jede Form nicht nur mit Farben ausgestattet ist, sondern auch in Farbkombinationen erscheint, die mit der höchsten Form von Harmonie und Schönheit identisch sind. Ohne die Fähigkeit, über die Dinge zu reflektieren, leben die Tiere auf diese Weise vollständig im Kontakt mit den Gesetzen, auf denen ihr Dasein beruht. Es ist zwar richtig, dass das Hauptgesetz in dieser Zone das „Recht des Stärkeren“ ist, und dass jedes einzelne Wesen sozusagen von Tod und Untergang bedroht ist, aber dieser Tod bereitet dem einzelnen Tier nicht auf dieselbe Art Sorgen, wie wir diesen Begriff auffassen. Es geschieht erst unmittelbar im Augenblick des Untergangs, dass das Tier von einem überwältigenden Schrecken ergriffen wird, der sich im Todesangst-Schrei entlädt. Im täglichen Leben entfaltet sich das Tier im instinktiven Kontakt mit den Gesetzen seiner Zone und es entfaltet besonders in der Paarungszeit eine ungehemmte Lebensfreude. Ohne von inneren seelischen Belastungen beschwert zu sein, lebt das Tier innerhalb seines begrenzten Bereichs ein glückliches Leben.
Wie ich Ihnen aber bereits gesagt habe, erreicht dieser Glückszustand seine Grenze. Diese Grenze kommt da zum Vorschein, wo in der Tiefe des Bewusstseins des Tieres eine neue Sehnsucht geboren wird, nämlich die Sehnsucht Bescheid zu wissen. Im selben Augenblick, in dem das Tier beginnt, über sein eigenes Dasein nachzudenken, ist es nicht länger ein vollkommenes Tier. Dieser Übergang von der eigentlich tierischen Zone zu einer neuen Zone ist in der Bibel in der Erzählung vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ beschrieben. Diesen Baum durfte man nicht anrühren. Berührte man ihn, würde das kein Glück bringen. Es ist richtig, dass „Adam“ und „Eva“ aus dem „Garten des Paradieses“ vertrieben wurden. Aber diese Vertreibung war keine Strafe oder Manifestation göttlicher Rachsucht. Die Erzählung symbolisiert einen Entwicklungsprozess, der sich immer noch vor unseren Augen abspielt. Der irdische Mensch ist noch immer auf der Flucht aus dem „Garten Eden“.
Die Hauptursache für diese Flucht war also die Sehnsucht des Tieres, Bescheid zu wissen. Kein Lebewesen kann jemals ewig glücklich sein, wenn es immer dasselbe erlebt – das Lebenserleben folgt einem großen Hunger- und Sättigungsprinzip. Sie sehen das im Kleinen im Bezug auf Ihre Leibspeise. Müssten Sie sich ausschließlich davon ernähren, würden Sie schon bald erleben, wie Sie sich davon ebenso abgestoßen fühlen, wie Sie sich vielleicht im Augenblick davon angezogen fühlen. Wenn einmal alle Wünsche erfüllt und alle Begierden befriedigt wurden, stellt sich ein gewaltiges Verlangen nach Veränderung ein – so ist der Lauf des Lebens. Es musste also auch für den tierischen „Adam“ und die tierische „Eva“ der Zeitpunkt kommen, an dem sie sich nach einer anderen Form des Lebenserlebens sehnten. Diese Sehnsucht war die Kraft, die sie aus dem „Paradiesgarten“ vertrieb. Sie begannen „vom Baum zu essen“, sie begannen, „Wissen“ zu erwerben. Das erste Wissen bestand darin, dass sie sich „nackt“ fühlten. Diese Nacktheit war keine Scham über fehlende Kleidung, sondern sie fühlten, dass sie begannen, ihre eigene Ohnmacht gegenüber dem paradiesischen Dasein, in dem sie sich befanden, zu empfinden.
5. Als ein verwundeter Flüchtling zwischen zwei Zonen begegnet der Erdenmensch kurzzeitig einem tiergemäßen Erlebnis der „Großen Geburt“, wo alles in göttlichem Licht erstrahlt
Nach dem vollkommenen Paradies kommt ein „Sündenfall“, der ein Keim ist, der in jedes Paradies gelegt ist und den Weg zu einem neuen Paradies bahnen soll. Auf diesem Weg befindet sich heute der irdische Mensch. Der Mensch lebt am „sechsten Schöpfungstag“, er erlebt Gottes Erschaffung des wahren Menschen. Der „Lehm“, aus dem die Gottheit den wahren Menschen erschafft, ist das Tier. Da wir uns mitten im Schöpfungsprozess befinden, sehen wir, dass der Erdenmensch in Wirklichkeit ein Mittelding zwischen zwei Zonen darstellt. Er ist kein richtiges Tier mehr, aber er ist auch noch kein richtiger Mensch. Er ist, wie ich im Livets Bog geschrieben habe, ein verwundeter Flüchtling zwischen zwei Zonen. Der irdische Mensch genießt noch immer vom Baum der Erkenntnis. In diesem seinem unfertigen Zustand ist er gleichsam eine Art Doppelwesen. Sein Bewusstsein ist in zwei Teile gespalten. Innerhalb des sexuellen Bereiches ist er immer noch dem tierischen Paarungstrieb unterstellt. Dieser Trieb existiert als eine Art Urtrieb im Bewusstsein der Erdenmenschen, und er bedingt ihr Interesse am Partnerprinzip und ihre Abhängigkeit davon. Aber ihr Bewusstsein hat auch einen anderen Teil, einen Teil, den das Tier nicht hat. Sie haben realistisches Wissen, Kenntnisse und eine ganze Reihe von Interessen, die das Tier überhaupt nicht kennt, und die nichts mit Fortpflanzung und Ehe zu tun haben. Diese neue Interessenssphäre besteht in der Bewunderung des irdischen Menschen für ganz andere Dinge als gerade den Ehepartner. Dies bedeutet in Wirklichkeit, dass der Ehepartner die Bewunderung, die er bisher uneingeschränkt genoss, mit anderen Dingen teilen muss. Es bedeutet also, dass eine Frau nicht länger erwarten kann, ihren Mann voll und ganz zu „besitzen“, ebenso wenig wie ein Mann weiterhin damit rechnen kann, seine Frau voll und ganz zu „besitzen“.
Der irdische Mensch hat somit eine Interessenssphäre, die bedingt, dass er ein Tier ist, und eine neue Seite, eine neue Interessenssphäre, die zeigt, dass er auf dem Weg ist, ein anderes Wesen zu werden, ein wahrer Mensch. Die Erdenmenschen haben in ihrem Bewusstsein einen Urzustand, der degeneriert, und eine Seite, die sich in der Entwicklung befindet, und es ist klar, dass diese zwei Zustände im Konflikt stehen, dass sie Kümmernisse hervorrufen müssen. Aufgrund ihres ererbten Urzustands und der daraus folgenden sexuellen Einstellung verlieben sie sich in ihren jungen Jahren. Hier entfaltet sich der Urzustand in Reinkultur; das Begehren nach dem entgegengesetzten Geschlecht erfüllt das gesamte Bewusstsein. Wenn der verliebte Mensch auf Gegenliebe stößt, erlebt er eine göttliche Begegnung mit dem „Paradies“. Da begegnet der Erdenmensch einem tiergemäßen Erlebnis der „Großen Geburt“, d. h. einem inneren mentalen Gleichgewichtszustand, wo alles in einem göttlichen Licht erstrahlt. Diese totale glückliche Vereinigung macht das aus, was wir eine glückliche Ehe nennen. Aber diese Verliebtheit ist normalerweise nicht von Dauer. Es ist schon ungewöhnlich, Menschen zu treffen, die z. B. seit 40 Jahren permanent ineinander verliebt sind. Es ist vielmehr so, dass das Leben die Kulmination der Verliebtheit als eine vorübergehende Erscheinung erwiesen hat. Dieser Kulmination hat man die Bezeichnung „Flitterwochen“ gegeben. In diesen Flitterwochen erlebt der Mensch einen letzten Gruß aus dem strahlenden Paradies einer entschwundenen Zone.
6. Die innerste Ursache der Eifersucht ist die unbekannte Zwillingsnatur in unserem Ehepartner
Wenn sich der irdische Mensch dem dreißigsten Lebensjahr nähert, sind seine Bewusstseinsorgane voll entwickelt. Etwa zu diesem Zeitpunkt beginnt sich seine neue Interessenssphäre ernsthaft bemerkbar zu machen, und dann fangen die Schwierigkeiten an, in Erscheinung zu treten. Es kommt vor, dass der eine Partner eine Seite am anderen Partner entdeckt, die er selbst nicht besitzt, und das kann Anlass zu Eifersucht geben. Viele Menschen sind auf die jeweiligen Interessen des anderen eifersüchtig. Durch unzählige Gespräche mit Menschen, die zu mir kamen, hatte ich Gelegenheit, diese Dinge zu beobachten und zu sehen, welche Sorgen und seelischen Krisen sie hervorrufen. Es ist mir ein Anliegen, auf diese Dinge hinzuweisen, damit Sie dadurch Ihren Ehepartner besser verstehen lernen. Seinen Ehepartner zu verstehen bedeutet, dass man seine oder ihre Denkweise versteht. Es ist wichtig für Sie, verstehen zu lernen, dass Sie sich durch die Heirat mit einem Menschen verbinden, der außer seinem Interesse an Ihnen auch eine Interessensseite in seinem Bewusstsein hat, die Sie nicht betrifft. Meine Arbeit möchte Sie darüber aufklären, dass Sie sich, wenn Sie eine Ehe eingehen, in Wirklichkeit mit einem „Zwillingswesen“ vermählen. Dieser Zwillingsbegriff hat nichts mit dem physischen Körper zu tun. Jeder Mann hat ebenso eine „Zwillingsschwester“ in seinem Bewusstsein, wie jede Frau einen „Zwillingsbruder“ in ihrem Bewusstsein hat. Sie bringen auf diese Weise einen Zwilling mit in die Ehe – etwas, worüber sich nur die wenigsten im Klaren sind. Dieser Zwilling ist die eigene menschliche Interessenssphäre. Diese neue Interessenssphäre spaltet das Bewusstsein der Menschen in zwei Teile. Der eine Teil ist der, den sie aus dem Urzustand im Tierreich mitbringen und der klar geschlechtlich bestimmt ist, der andere Teil ist der werdende Mensch in ihnen. Wir haben heute die Gelegenheit, ein ungeheuer großes Entwicklungsgebiet auf diesem Feld zu beobachten und wir können da sehen, wie das sexuelle Prinzip einer sehr großen Verwandlung, einer Degeneration gegenüber seiner ursprünglichen Form, ausgesetzt war. Wir werden Zeugen dessen, dass es Menschen mit Neigungen in Richtung ihres eigenen Geschlechts, dass es kinderlose Ehen, untreue Ehepartner usw. gibt, kurz, eine zunehmende Abweichung von dem sexuellen Glück, das wir sich im eigentlichen Tierreich entfalten sahen.
Aber was sagt die Kirche zu alldem? Sie behauptet, dass diese Handlungen „sündhaft“ sind, und gibt Ratschläge und Regeln, wie man sie bekämpfen soll. Dass diese Ratschläge und Regeln über lange Zeit eine große Bedeutung hatten und notwendig waren, ist über jeden Zweifel erhaben, sie konnten das Anwachsen der ehelichen Unvollkommenheiten jedoch nicht verhindern. Die Kirche steht in Wirklichkeit der mentalen Verschiebung, die innerhalb des sexuellen Lebens vor sich geht, machtlos gegenüber. Wenn ein Interesse wächst, wird es die eheliche Einstellung schwächen, was zu Auswirkungen führt, die für die Ehe nur schädlich sein können. Ohne zu wissen, was wirklich vor sich geht, verurteilt der unwissende Mensch diese Vorgänge als Teufelswerk, eine Einstellung, die weder liebevoll ist noch irgendeine Lösung für dieses ernste Problem bietet. Wir können im gegenwärtigen Augenblick nicht unser gesamtes Dasein überblicken. Wir müssen, um überblicken zu können, was wir hier sehen, zu einem höheren Stadium kommen. Ein solches Stadium haben wir da, wo der irdische Mensch diesen Entwicklungsprozess vollendet hat und in das wahre Menschenreich gelangt ist. Im Lichte jenes Erlebens, das ich den Prozess der „Großen Geburt“ nenne, kann das Lebewesen den mentalen Verwandlungsprozess, der sich während der Wanderung vom Tier zum Menschen vollzieht, klar beobachten. Hier kann es sich in seinem eigenen Bewusstsein all jene Stadien wieder in Erinnerung rufen, die es auf dieser langen Reise zurückgelegt hat, und sich aus seinem eigenen inneren selbsterlebten Wissen heraus einen Überblick über das zurückgelegte Feld verschaffen.
7. Der Verliebtheitsdrang wird immer mehr in die Jugendjahre zurückgedrängt
Ich habe Ihnen schon gesagt, dass es in jedem Lebewesen zwei Pole gibt, einen maskulinen und einen femininen, jeder mit seiner speziellen Aufgabe. Sie sollen die Voraussetzung für die Entfaltung des höchsten Daseinsprinzips schaffen: der Liebe.
Auch wenn es Ihnen im Augenblick fantastisch erscheint, müssen Sie Ihr Bewusstsein darauf einstellen, dass Sie als unsterbliche Wesen einmal in einem Zustand gelebt haben, in dem diese beiden Pole in Ihrem Bewusstsein in einem ausbalancierten Zustand existierten. Sie waren zu diesem Zeitpunkt weder ein männliches noch ein weibliches Wesen, sondern vielmehr ein Gleichgewichtswesen, und Ihr Lebenserleben bestand aus kulminierendem Licht und kulminierender Seligkeit. Da aber kein Seligkeitserleben, wie unfassbar großartig es auch sein mag, das Kontrastprinzip des Daseins erschüttern kann, das in Form von Sättigung und Hunger die ewige Entwicklung vorantreibt, kam also ein Zeitpunkt, an dem Sie selbst, gesättigt vom Licht und Gleichgewicht, das Gegenteil begehrten. Dieses Begehren bewirkte eine Spaltung zwischen den beiden Polen in Ihrem Bewusstsein. Von der Geburt dieses Begehrens bis hin zur Kulmination des Tierreichs nahm die Erinnerung an die Existenz des einen Pols ab. Dieser Prozess vollzog sich innerhalb des unermesslichen Entwicklungsabschnitts, den Sie in meiner Arbeit als die absteigende Bahn der Entwicklungsspirale kennengelernt haben. Innerhalb dieses Bereichs erlebt das Lebewesen jene Spaltung seiner Mentalität, die Sie im Tierreich ausgedrückt sehen und die Sie in Ihrem eigenen Wesen kennen, jene Spaltung, die dem zu Grunde liegt, dass Sie nun als „Mann“ und „Frau“ erscheinen, als die äußere sichtbare Manifestation dieser Polkonstellation, in der also entweder das Männliche oder das Weibliche im Bewusstseinsleben die Vorherrschaft hat. Als Folge der Stellung dieser beiden Pole zueinander entsteht im Bewusstsein des Menschen eine Tendenz, die Sie als „Fähigkeit, sich zu verlieben“ kennen. Wenn ein Mensch von Verliebtheit beherrscht wird, glaubt er oft, dass er „Liebe“ erlebt. Das tut er nicht. Verliebtheit ist vielmehr ein konzentriertes Erlebnis „parteiischer Liebe“, die etwas ganz anderes ist als das universelle Gefühl, aus dem heraus die größten Schöpfungsakte der Welt stattgefunden haben. Verliebtheit ist ein Prozess, der stattfindet, um das Fortbestehen der Art zu sichern. Aber gleichzeitig erleben die Wesen, die von ihr durchdrungen sind, ein Seligkeitsempfinden göttlicher Art. Die Voraussetzung für das Erleben von Verliebtheit ist jedenfalls, dass es zwei Wesen gibt. Ein jedes dieser zwei Wesen ist für sich eine Art „Halbwesen“, dessen Glück in der Begegnung mit dem fehlenden Teil besteht. Der Mann ist in seinem femininen Pol nicht bewusst, und die Frau ist in ihrem maskulinen Pol nicht bewusst. Es gibt somit eine Hälfte des Lebens, die der Mensch in seinem einpoligen Zustand nicht kennt. Dieser Zustand liegt der Anziehung zwischen den Geschlechtern zugrunde, weil der Gegenpart eben genau das hat, was man vermisst. Nach dem, wovon man selbst zu viel hat, hat man kein Verlangen. Was man hingegen selbst nicht in Vollkommenheit besitzt, bewundert man.
Indem aber die neue Interessenssphäre in den Wesen allmählich zunimmt, untergräbt sie ihren Drang, sich zu verlieben. Während das Tier beständig den Verliebtheitsdrang in Form von rhythmisch wiederkehrenden Brunstperioden erlebt, sehen wir beim irdischen Menschen, wie derselbe Drang immer mehr auf die Jugendjahre zurückgedrängt wird. Mit jedem Leben, um das der irdische Mensch „älter“ wird, sehen wir, wie sich dieser Drang immer frühzeitiger wiederholt. Es kommt ein bestimmtes Stadium in den reinen Jugendjahren, in dem man das eheliche Prinzip bis zur Vollkommenheit erlebt. Es beseelt das ganze Bewusstsein, weil es eine Wiederholung darstellt. Das Wesen hat noch nicht die geistige Vollkommenheit erreicht, bis zu der es sich in seinem vorherigen Leben entwickelt hatte. Da es jedoch von diesem tatsächlichen Umstand nichts weiß, ist es davon überzeugt, dass die im Augenblick empfundenen Gefühle von lebenslanger Art sind, und geht die Ehe ein. Daher das alte Sprichwort: „Je früher man heiratet, desto früher bereut man’s!“
8. In der neuen Weltkultur lernt man, sich mit der femininen Seite des Mannes und der maskulinen Seite der Frau vertraut zu machen, bevor man die Ehe eingeht
In der neuen Weltkultur muss man die Menschen darin unterweisen, ihre eigene Natur kennenzulernen. Man muss ihnen beibringen, was in der Ehe erforderlich ist, und welche Voraussetzungen der irdische Mensch hat, um eine glückliche Ehe führen zu können. Denn dieses Problem ist nicht dadurch gelöst, dass man eine Heiratsurkunde bekommt und den Segen entweder kirchlicher oder staatlicher Institutionen erhält. Das Tragende in einer Ehe ist die seelische Verbindung. Ist sie vorhanden, so ist die Heiratsurkunde im Grunde genommen überflüssig. Bei den heutigen Verhältnissen lebt eine ganze Menge Menschen in einer „falschen“ Ehe, aber auf Basis einer Urkunde, und gar nicht so wenige in einer echten, aber ohne Urkunde. Die Ursache dafür, dass die Ehe nicht zu dem wird, was sich die Partner jeweils erhofft haben, liegt also in der Nichtübereinstimmung zwischen dem „Zwillingspaar“, das die Partner in die Ehe mitgebracht haben. Können sich diese beiden Zwillinge nicht einigen, was bedeutet, dass die geistige Grundlage für das gemeinsame Glück nicht vorhanden ist, wird es im Allgemeinen noch am liebevollsten sein, die eingegangene Verbindung aufzulösen. Freilich lebt der irdische Mensch in einer Welt, die besonders auf diesem Gebiet von alten Traditionen durchsäuert ist, deren Last eine glückliche Lösung der entstandenen Probleme oft unmöglich macht. Da werden wir in Zukunft mit einer glücklicheren und freieren Auffassung dieser Verhältnisse leben. In der Zukunft werden alle jungen Männer und Frauen lernen, dass man einen anderen Menschen nicht „besitzen“ kann. Dieses Wissen wird zu einer ganz anderen Einstellung zur Ehe führen als der, die Sie jetzt kennen, welche ja die Ehe gerade als ein prosaisches Eigentumsverhältnis versteht.
Wenn ein Ingenieur ein Bauwerk errichten soll, muss er Überblick besitzen, um es vollkommen gestalten zu können. Wenn zwei Menschen in einer Ehe zusammenleben sollen, müssen sie ihr eigenes Inneres kennen, damit ihnen die Schöpfung, die sie im Begriff sind, zu verwirklichen, glücken kann. Sie müssen beide wissen, dass jeder von ihnen etwas von einem Mann und etwas von einer Frau in sich hat. Wenn man von vornherein bereit ist, die „Frau“ zu tolerieren, die der Mann mit in die Ehe bringt und die aus all seinen Interessen besteht, die nichts mit der Ehe zu tun haben, und wenn man ebenso von vornherein bereit ist, den „Mann“ zu tolerieren, den die Frau mitbringt und der ebenfalls aus den Interessen besteht, die sie außerhalb der Ehe hat, dann kann man diese Verbindung eingehen. Das heißt also, dass man von Anfang an mit der femininen Seite des Mannes und der maskulinen Seite der Frau vertraut sein muss. Das ist die absolute Bedingung dafür, dass moderne Menschen mit Aussicht auf Erfolg eine Ehe eingehen können.
9. Die ehelichen Reibungen bewirken von Leben zu Leben eine Sättigung des ehelichen Hungers
Viele Menschen leben mit der Illusion, dass es hundertprozentige Männer und hundertprozentige Frauen gibt, aber das gibt es nicht. So, wie die Menschen heute auftreten, stellt jeder von ihnen eine Mischung aus beiden Geschlechtern dar. Es gibt Männer mit breiten Hüften und Frauen mit schmalen Hüften, Frauen, die zum Gebären von Kindern sozusagen ungeeignet sind. Ein Studium der Körper zeigt überall, dass diese einer Degeneration in genauer Relation zu der Polverwandlung unterworfen sind, die in unserer Zeit stattfindet. Ein Mann, der seine Fähigkeit, sich zu verlieben, verloren hat, hat die zuvor dafür angewandten Energien auf andere Bereiche überführt. Während das Tier ein direktes Fortpflanzungswesen ohne geistig schöpferische Fähigkeit ist, werden Sie sehen, dass der irdische Mensch den Fortpflanzungsbereich immer mehr zugunsten des schöpferischen Feldes verlässt.
Diese Zustände können dem einzelnen Menschen nicht weggenommen werden. Sie repräsentieren einen Entwicklungszustand und erzählen uns in Wirklichkeit von einem großen Prozess, der sich direkt vor unseren Augen vollzieht, nämlich Gottes Schöpfung des wahren Menschen. Die Ehe zwischen Menschen ist also nicht mehr bloß eine Fortpflanzungsveranstaltung, die auf einem tierischen Paarungstrieb basiert. Sie wird nicht mehr nur eingegangen, um die Art zu vermehren. Sie bringt jetzt eine göttliche Vereinigung zweier Menschen mit einem höheren Zweck zum Ausdruck, als bloß dem, das Bestehen der Art zu sichern. Dieser höhere Zweck ist also die Erschaffung des wahren Menschen. Die Vereinigung macht hier den ??Lehm“ aus, aus dem die Gottheit formt. Wenn etwas von dieser Form „abgeschlagen“ werden muss, tut das weh. Es sind diese Schmerzen, die der irdische Mensch erlebt, wenn er – nachdem er die „Flitterwochen“ passiert hat – plötzlich entdeckt, dass alles nicht mehr ganz so ist, wie er es sich vorgestellt oder erträumt hatte. Bei den meisten Menschen entstehen Reibungen im Zusammenleben mit dem Menschen, mit dem sie sich verbunden haben. Diese Reibungen haben einen Zweck. Sie bewirken von Leben zu Leben eine Sättigung des ehelichen Hungers im Bewusstsein des einzelnen Menschen. Das Resultat dieser Sättigung zeigt sich in der Tatsache, dass eine ständig wachsende Zahl von Menschen die Ehe in einem solchen Maße ausgelebt hat, dass sie nicht mehr heiraten.
Dieser Zustand ist jedoch kein Ausdruck dafür, dass diese Menschen egoistisch geworden sind und sich den Verpflichtungen, die der Verheiratete auf sich nimmt, zu entziehen versuchen. Im Gegenteil, aufgrund schmerzhafter Erfahrungen in früheren Leben hat sich der entgegengesetzte Pol im Wesen dieser Menschen zu einem so hohen Maß an Vollkommenheit entwickelt, dass sich ihr ganzes Bewusstsein darauf eingestellt hat, der ganzen Menschheit zu dienen. In meinem eigenen Bewusstsein besteht Harmonie zwischen dem maskulinen und dem femininen Pol. Diese Harmonie liegt meinem eigenen inneren Gleichgewicht zugrunde und macht es mir möglich, für alle Menschen dasselbe zu empfinden.
10. Der entwickelte Mensch fühlt sich glücklicher beim Geben als beim Nehmen
Wenn Sie sich selbst betrachten, werden sie sehen, dass Sie alle ein Feld haben, das die Ehe nicht betrifft. Sie haben eine stetig wachsende Fähigkeit in sich, künstlerische Erzeugnisse zu bewundern, ja, der künstlerische Drang in Ihnen ist vielleicht schon so groß, dass er einen großen Bereich Ihres Gefühlslebens beherrscht. Diese Gefühle ähneln der Verliebtheit, sind aber keine Verliebtheit, weil sie keinen Besitzanspruch hervorrufen. Sie rufen hingegen die Sehnsucht hervor, das Gleiche erschaffen zu können, wie das, was man bewundert. Bewundert man ein geniales Wesen, wird man sich bei der Sehnsucht ertappen, ebenso sein zu wollen. Wir können sehen, dass das Erschaffen eines Kunstwerks etwas ist, das über einen selbst hinaus Bedeutung hat, es schafft Freude und Inspiration für andere. Die größte Freude im Leben besteht somit nicht darin, ein anderes Wesen zu besitzen, die absolut größte Freude ist die Freude über die Erzeugnisse der eigenen Fähigkeiten. Diese Fähigkeit ist im Bewusstsein des Tieres latent. Das Tier muss besitzen, um sich glücklich zu fühlen; daher die harten Kämpfe in der Paarungszeit. Auch der primitive Mensch muss die Dinge besitzen, um sich glücklich zu fühlen. Aber der entwickelte Mensch ist anders. Er fühlt sich glücklicher beim Geben als beim Nehmen. Bisher hat dieses Prinzip noch keinen Einfluss auf die Ehe gehabt. Hier hat der irdische Mensch über lange Zeit die Illusion vom Eigentumsrecht aufrechterhalten. Aber das Leben untergräbt diese Illusion, und die Menschen befinden sich jetzt in einem Entwicklungsabschnitt, wo sie in immer höherem Maße erfahren werden, dass die Begriffe „Glück“ und „Freiheit“ ganz eng verbunden sind.
11. Was die Ehe von vornherein dazu verurteilt, unglücklich zu sein – oder glücklich
Sie müssen sich in Ihrer Ehe darauf einstellen, dass Ihr Ehepartner keine Kopie von Ihnen selbst ist. Sie müssen verstehen lernen, dass man, nur weil man einen Menschen heiratet, noch kein Recht hat, zu verlangen, dass dieser Mensch sich nur für das interessiert, was einen selbst beschäftigt. Wollen Sie die ganze Liebe Ihres Ehepartners gewinnen, müssen Sie sich bemühen, das größtmögliche Verständnis für seine oder ihre Eigenart zu entwickeln. Sie finden kein Glück bei der entgegengesetzten Verhaltensweise. In längst vergangenen Zeiten war ein Mann ein anderes Wesen, als er es heute ist. Heute ist etwas Neues in sein Wesen eingezogen, und dieses Neue ist also der werdende wahre Mensch. Dieser neue wahre Mensch steht nicht immer im Einklang mit dem gewöhnlichen Ehebegriff. Dasselbe gilt natürlich auch für die Frau. Ein Mann kann eine Zeit lang ein fantastischer Liebhaber sein und dann plötzlich scheinbar seine Einstellung ändern. Hier sollte die Frau klug sein und wissen, dass das, was sie erlebt, nicht unbedingt bedeuten muss, dass die Gefühle des Mannes für sie abgekühlt sind, sondern dass er vorübergehend unter dem Einfluss von Kräften in seinem eigenen Inneren steht, über die er keine Macht hat. Wenn eine Frau das weiß und statt eifersüchtig zu werden, sich bemüht, zu verstehen und Nachsicht zu üben, dann wird sie immer wieder erleben, wie die Gemeinschaft zwischen beiden Partnern weiterwächst. Wählt sie den entgegengesetzten Weg, wird sie sehr leicht erleben, dass sich die Trennung verstärkt. Natürlich kann es zwischen Menschen Umstände geben, die ein weiteres Zusammenleben unmöglich machen, aber viele Konflikte können vermieden werden, wenn man die Realitäten kennt, die ich hier genannt habe.
Sie müssen also lernen, sich darauf einzustellen, dass Sie, je mehr Sie Ihren Ehepartner besitzen wollen, desto mehr die Seite von sich selbst fördern, die dem Tierreich angehört. Mit einer solchen Einstellung in Ihrem Gemüt, ist ihre Ehe von vornherein dazu verurteilt, unglücklich zu werden, denn Ihre Gefühle werden für Ihren Partner dann eher zu einer Fessel als zu einer Inspiration. Im tiefsten Sinne bedeutet dieser Besitzanspruch eine Art „Abtreibung“ des neuen Menschen, der in Ihrem eigenen Inneren geboren wird. Sie wissen, dass Eigentumsrecht und Eifersucht treue Begleiter sind, aber Sie sollten auch wissen, dass Eifersucht mentale Energien zum Ausdruck bringt, die für dasjenige in Ihrem Wesen, was den wahren Menschen repräsentieren soll, nahezu direkt todbringend sind. Viel mehr als eine Fortpflanzungsveranstaltung, ist die Ehe heute eine Schule, in deren speziellem Bereich die Menschen bis zum Überfluss Gelegenheit haben, vom „Baum der Erkenntnis“ zu genießen. Im „Garten des Paradieses“, dem Tierreich, existierte dieser Genuss nicht. In dieser Zone gibt es zwischen den „Ehegatten“ keine Konflikte, hier folgt das Leben ganz automatisch den Gesetzen, die den Glückszustand der Zone bedingen. Aber außerhalb dieser Glückszone gibt es eine andere Zone, und das ist die, welche der irdische Mensch gegenwärtig erlebt. In dieser Zone erlebt das Lebewesen keine Harmonie. Ganz im Gegenteil, könnte man fast sagen, denn das Leben repräsentiert hier in Wirklichkeit die einzige realistische „Hölle“ des Daseins. Weder richtiges „Tier“ noch richtiger „Mensch“, lebt der irdische Mensch hier in einem inneren Konfliktzustand, der nur durch den fortgesetzten Genuss vom „Baum der Erkenntnis“ aufgehoben werden kann, was in Wirklichkeit bedeutet, durch das fortgesetzte Erleben von Schmerz bis zu dem Tag, an dem die Lebensgesetze erkannt sind und der Egoismus damit aus dem Gedankenleben entfernt ist. Aus dem „Paradies“ ausgeschlossen zu werden, ist somit das Gleiche, wie anzufangen, Verstand zu entwickeln. Hierzu trägt die Ehe in beträchtlichem Ausmaß bei. Auf ihrem Gebiet lernt der irdische Mensch durch absolutes Selbsterleben die Wahrheit in dem kosmischen Gebot: „Es ist seliger, zu geben, als zu nehmen!“ Der große Kreislauf der Ehe beschreibt einen Bogen vom Egoismus zur Selbstlosigkeit. Diese Selbstlosigkeit ist der Keim zu einem neuen Paradies, nämlich dem wahren Menschenreich. Davon beseelt zu sein, lieber zu geben als zu nehmen, führt den irdischen Menschen zu einer Form des Lebenserlebens, in der die göttlichen Liebekräfte sein Bewusstsein erfüllen. Im Lichte dieser göttlichen Liebe erfüllt sich Ihr Gemüt mit dem Wunsch, Ihr Möglichstes zu tun, damit das menschliche Element im Gemüt Ihres Ehepartners die besten Wachstumsbedingungen bekommt.
12. Die Meeresbrise vom nahen göttlichen Liebesmeer zu spüren
Sie müssen lernen, sich darauf einzustellen, dass die Schmerzen, die der irdische Mensch in der Ehe erlebt, einen göttlichen Zweck haben. Sie repräsentieren ein Sättigungsprinzip, das wiederum die Voraussetzung für einen neuen „Hunger“ bildet. Dieser Hunger ist die Sehnsucht nach einer Welt, in der das Höchste nicht darin besteht, ein anderes Lebewesen besitzen oder mit Beschlag belegen zu können, sondern vielmehr darin, ihm Freiheit geben und sich über sein geistiges Wachstum freuen zu können. Das Tor zu dieser Welt steht jedem offen, der wirklich das Leben studieren will. Dieses Studium wird einen unweigerlich zu einem viel besseren Verständnis des Ehepartners führen, als vorher. Dieses Verständnis ist der größte Dämpfer für Wut und Eifersucht, den es gibt. Je mehr man vom Leben versteht, desto weniger gibt es, worüber man sich ärgern muss. Wut und Zorn sind unter allen Umständen nur Ausdruck von Unwissenheit.
Wenn ich heute Abend von diesen Problemen zu Ihnen gesprochen habe, dann deshalb, weil es meine Aufgabe ist, einen vollständigen Überblick über diese Entwicklungssphäre zu geben, sodass Sie Einblick erhalten und den Weg erkennen, dem Sie folgen müssen, und dafür die Kraft bekommen. Sie haben gelernt, dass man die rechte Wange hinhalten soll, wenn man auf die linke geschlagen wird. Dieses Prinzip ist richtig, aber schwer zu erfüllen für den, der sozusagen keine Orientierung über die Wege bekommen hat, die die Entwicklung nimmt. Eine Orientierung in diesen Bereichen macht es den Menschen möglich, ihre Ehen in wunderbare Kameradschaften ausklingen zu lassen. Man darf sich nicht gegenseitig an Händen und Füssen fesseln. An dem Tag, an dem Sie über dieses primitive Stadium hinaus sind, werden Sie in göttlicher Harmonie mit demjenigen leben, mit dem Sie sich verbunden haben. Dann sehen Sie die Strahlen eines neuen Paradiesgartens vor sich, dann spüren Sie die frische Meeresbrise des nahen göttlichen Meeres der Liebe.
Nach einem Vortrag, den Martinus am Freitag, den 17. Juli 1942 in der Kosmos-Ferienkolonie gehalten hat. Nach einem stenographierten Referat bearbeitet von Inge Nørgaard und Lisbeth Dam. Abschnittüberschriften von Henrik Hedegaard. Erstausgabe im Kontaktbrief Nr. 25-27, 1942. Artikel-ID: M2585. Bisher nicht auf deutsch erschienen. Übersetzung: Vincent Stadlmair.
Es existiert noch ein anderer Vortrag mit demselben Titel vom 3. Februar 1946 (M2590). Dieser ist zuletzt im DE-Kosmos 3/1993 erschienen.

© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk

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