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M0645
Gottes Geist über den Wassern
Von Martinus

1. Der Glaube an Gott beruht auf einer eingebauten organischen Kraft
Etwas, wovon die Welt in unserer modernen Zeit weit abgekommen ist, ist der Begriff „Gottes Geist“. Der Begriff „Gott“ ist zu etwas geworden, zu dem sich weder die Wissenschaft noch gewöhnliche intelligente Menschen offen zu bekennen wagen, falls man denn überhaupt an diesen Gott glaubt. Im Gegensatz dazu glaubt der noch unentwickelte Mensch, der Naturmensch im Urwald, dass es absolut einen Gott gibt. Es stimmt, dass dieser Glaube nicht wie eine abgeklärte Wissenschaft intellektualisiert ist. Das kann er aber auch unmöglich sein, denn der Mensch der Vorzeit besitzt ja keine besonders entwickelte Intelligenz. Was ist es aber dann, das dem primitiven Menschen diesen festen Glauben gibt? – Es ist eine in seinem Innern eingebaute organische Kraft. Diese Kraft beherrscht nahezu uneingeschränkt sein Vorstellungsleben und bringt dieses Vorstellungsleben dazu, sich in unerschütterlichen Vorstellungen von der Existenz einer Gottheit zu äußern. Aber diese Kraft hat nicht die Aufgabe, diese Vorstellungen in intelligenzmäßigen Analysen darzulegen. Für diesen Prozess ist eine ganz andere Fähigkeit erforderlich, eine Fähigkeit, die erst in einem viel späteren Stadium im Wesen zur eigentlichen Entwicklung kommt. Deshalb basieren die Vorstellungen des primitiven Menschen von der Gottheit nicht auf irgendeiner wissenschaftlichen Grundlage. Das verlangt das Wesen überhaupt nicht. Es ist von einer von dieser organischen Kraft getragenen Überzeugung erfüllt, dass hinter allen Ereignissen der Natur und des Lebens eine höhere, regierende Macht steht.
2. Unterschiedliche Gottesbegriffe
Da es nur eine schwache, anfängliche Intelligenz besitzt, kann es sich Gott nur nach seinem eigenen Bild auf Grundlage der einstweiligen tierischen oder drastischen Erfahrungen vorstellen, die es in seinem primitiven Lebensstadium gemacht hat. Hier kämpfen die Menschen ebenso wie die Tiere um das tägliche Brot oder die Lebensgüter. Das Leben basiert auf Krieg oder Kampf mit anderen Wesen, d. h. den Mitmenschen und den Tieren. Hier gibt es Freunde und Feinde. Hier gibt es Sieger und Unterdrückte. Hier gibt es Häuptlinge, die den Stamm regieren und seinen Kampf gegen andere Häuptlinge und deren Stämme anführen müssen. Aus dieser realen Lebenserfahrung heraus muss sich dieser primitive Mensch seine Vorstellung vom Leben der Gottheit bilden. Woraus sonst sollte er sich seine Vorstellungen bilden können? – Deshalb wird auch seine Auffassung von der Gottheit zu einem Bild, das nach seinem eigenen Leben und Dasein geformt ist. Er stellt sich die Gottheit daher auch nicht als ein einzelnes großes Wesen vor, sondern als eine ganze Reihe von Wesen. Diese Wesen fasst er also als Götter auf. Dass diese Götter ebenso mit Feinden zu kämpfen haben wie die Menschen, halten sie für selbstverständlich. Und sie fassen diese Feinde der Gottheit als Teufel auf. Die Vorstellungen dieser unentwickelten Menschen von den himmlischen oder überirdischen Mächten mussten somit zu einer Wiederspiegelung ihres eigenen irdischen Lebens werden. Und da sich dieses irdische Leben in den verschiedenen Gegenden der Erde, wo sie lebten, natürlich unterschiedlich gestaltete, waren ihre Erfahrungen vom Kampf ums Dasein ebenfalls unterschiedlich. Und da sie sich ihre Vorstellungen von der Gottheit nach diesen Erfahrungen aufbauten, mussten die Gottesbegriffe oder die Vorstellungen der Menschen von der Vorsehung somit ebenfalls unterschiedlich werden.
3. Das Entstehen der Moral
Aber es waren nicht bloß Vorstellungen von der Gottheit oder der Vorsehung, die die innere organische Kraft in den Menschen hervorrief. Sie rief auch eine innere Überzeugung von der Unsterblichkeit hervor. Man glaubte felsenfest daran, dass man das Leben nach dem physischen Tod auf einer geistigen Ebene fortsetzte. Und da ja diese Ebene dieselbe war wie die, auf der die höheren Mächte, nämlich die Götter und deren Feinde, existierten, galt es also, hier auf der Erde so zu leben, dass man in der Gunst der Götter stand, also der stärksten Wesen oder der Sieger über die Wesen, die man als die bösen betrachtete. Dadurch entstand das, was man Moral nennt. Moral ist also eine Verhaltensweise, die auf solchen Lebensregeln basiert, von denen man meint, dass sie den Gottheiten wohlgefällig sind. Und diejenigen, die besonders nach diesen Regeln gelebt hatten, kamen also zu den Göttern, kamen an einen Ort, wo alle ihre Vorstellungen eines idealen Daseins erfüllt wurden, während die anderen an einen Ort kamen, wo sie leiden mussten, weil sie nicht danach gestrebt hatten, den Göttern wohlgefällig zu sein, sondern ihnen vielleicht sogar entgegengearbeitet hatten. Sie mussten dann den Feinden der Gottheiten ausgeliefert werden. Deshalb entstanden die unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. Deshalb wurde der Himmel der Indianer zu den ewigen Jagdgründen, und deshalb wurde der Himmel der Wikinger zu Walhalla, wo man in Saus und Braus mit den Göttern zusammenleben würde, wenn man ein besonders tüchtiger Totschläger gewesen und selbst erschlagen worden war. Und deshalb haben die großen Weltreligionen heute ebenfalls ihre besonderen Idealhimmel, die ausschließlich nach deren unintellektuellen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod aufgebaut sind. Hier geht es ebenfalls darum, sich das Wohlwollen der Vorsehung zu sichern, Sündenvergebung zu erlangen usw., sonst ist man auch hier dem Teufel preisgegeben, ist ewig in eine glühende Hölle verbannt, einem grauenvollen Ort, wo es keine Hoffnung mehr gibt.
4. Die primitive Intelligenz muss ihre Vorstellungen von der Gottheit auf einer künstlichen Logik basieren
Wenn man dem nun näher auf den Grund gehen will, was sich eigentlich hinter dieser ganzen Entwicklungsepoche der Menschheitsgeschichte verbirgt, muss man also von allen diesen besonderen Vorstellungen absehen, die sich die Menschen an den verschiedenen Orten der Erde von der Gottheit oder Vorsehung gebildet haben. Sie basieren alle auf einer unentwickelten oder ganz schwachen Intelligenz, die noch nicht fein-analysieren und wissenschaftliche Analysen erstellen kann. Sie kann bisher lediglich in großen und groben Zügen eine Art künstliche Logik erschaffen, die dem Dasein anscheinend einen Sinn gibt. So scheint es durchaus Sinn zu machen, dass man nach dem Tod eine Art Belohnung erlebt, wenn man in seinem physischen Leben die gängige Moral befolgt hat, und dass man bestraft wird, wenn man ihr nicht gefolgt ist. Man sieht, dass sie genau so viel Intelligenz besaßen, dass sie sich eine Vorstellung vom Leben bilden konnten, in der anscheinend ein logischer Sinn steckte. Und tatsächlich war die Lösung ja auch die vernünftigste Anschauung, die man sich auf der Grundlage der Erfahrungen, über die man auf der damaligen Stufe verfügte, bilden konnte. Dass man sich später in der Entwicklung ein tausendmal größeres Erfahrungsmaterial und eine ausgereifte Intelligenz angeeignet hat, bewirkt natürlich, dass man seine Lebensauffassung noch ganz anders logisch untermauern kann, ja, dass man sie schließlich nicht mehr nur als eine Vorstellung, sondern als eine wirkliche unverrückbare Wissenschaft erleben kann.
5. Der Glaube an eine existierende Vorsehung ist keine menschliche Erfindung
Durch die hier präsentierte Beobachtung können wir also sehen, dass – bevor überhaupt irgendeine Vorstellung von der Gottheit oder der Vorsehung existierte – eine organische Kraft existiert hat, die rein automatisch eine Tendenz im Menschen ausgelöst hat, sich eine Vorstellung von einer Vorsehung oder von Gottheiten als Urheber des Universums zu bilden und ebenso eine Tendenz, einen logischen Sinn im Menschenleben zu finden. Dieser innere Drang dahingehend, dass es eine lenkende Vorsehung hinter der Natur oder dem Universum geben muss, und dass es gleichfalls einen logischen Sinn mit dem Dasein der Menschen geben muss, ist also keine menschliche Erfindung. Er ist, wie wir hier gesehen haben, auf dieselbe Weise wie sein Sehen, Hören und die ganze übrige organische Struktur, das Produkt einer in das Wesen eingebauten organischen Kraft.
Wir sehen, dass alle diese Organe einen Sinn, einen Zweck haben, und dass sie unmöglich entstanden wären, wenn dieser Sinn oder Zweck nicht existierte. So wären niemals Augen entstanden, wenn das Licht nicht existierte. Es wären nie Hörorgane entstanden, wenn kein Laut existierte. Es wären nie Lungen entstanden, wenn die Luft nicht existierte. Sind Herz, Leber, Nieren und Drüsen nicht ebenfalls aufgrund der lebenswichtigen Aufgaben oder Zwecke entstanden, die sie erfüllen müssen? – Glaubt man, sie wären entstanden, wenn diese Zwecke nicht existierten? – Wenn es somit aber überhaupt keine permanente automatische Funktion im Wesen gibt, die nicht auf einer bestehenden Lebensnotwendigkeit im Wesen beruht, warum sollte dann die organische Funktion, die bei absolut allen primitiven Völkern ganz automatisch eine unerschütterliche Überzeugung von der Existenz einer Vorsehung und eine ebenso unerschütterliche Überzeugung davon hervorruft, dass es einen logischen Sinn und Zweck des menschlichen Daseins gibt, nicht existieren? – Es gibt bei dem primitiven Wesen keinerlei Tendenz zu glauben, dass alles aus Zufällen besteht, die zufällig neue Zufälle erzeugen. Es geschieht erst in einem viel späteren Stadium, dass sich diese Tendenz geltend machen kann und in der Folge als eine Entgleisung von der Weltenlogik enthüllt wird.
6. Ohne die Existenz einer Gottheit wäre die Überzeugung von der Existenz der Gottheit sinnlos
Wir sind hier an einem Punkt, wo wir, wenn wir logisch sein wollen, die Auffassung akzeptieren müssen, dass ebenso wenig, wie das Sehen ohne ein zuvor existierendes Licht und genauso das Hören ohne einen zuvor existierenden Laut entstehen könnten, ebenso wenig ein automatischer organischer Antrieb zu einer unerschütterlichen Überzeugung von der Existenz einer Gottheit, zur unerschütterlichen Überzeugung vom logischen Sinn des Lebens und der Überzeugung von einem Leben nach dem physischen Tod entstehen kann, ohne dass es eine Gottheit, einen logischen Sinn des Lebens und ein Leben nach dem Tod auch geben muss. Aus was sollten diese Tendenzen sonst entsprungen sein? – Etwas kann nicht von nichts kommen, ebenso wenig wie etwas zu nichts werden kann. Da es unter den übrigen normalen Funktionen des Wesens nicht eine gibt, die sinnlos, ohne irgendeinen nützlichen Zweck ist, warum sollte dann diese organische Tendenz im unintellektuellen und primitiven Menschen – zur Förderung der Überzeugung von der Existenz einer Gottheit, der Überzeugung von einem logischen Lebenssinn und der Überzeugung von einem Leben nach dem Tod – sinnlos sein, warum sollte sie eine bloße Entgleisung innerhalb der ansonsten so hundertprozentig logischen Schöpfung sein, die die übrigen organischen Funktionen des Wesens aufweisen? –
7. Alle wissenschaftliche Forschung ist eine Suche nach der Lösung des Lebensrätsels
Nun wird man vielleicht fragen, warum diese organisch eingebaute Tendenz später immer mehr verschwunden ist, sodass der moderne intelligente Mensch diese Fähigkeit heute nicht mehr besitzt und überhaupt nicht an irgendeine Vorsehung glaubt? – Aber ist das wirklich so? – Nein, so ist es in Wirklichkeit nicht. Die innere organische Kraft, um das Lebewesen mit der Vorsehung, mit dem Sinn des Lebens und dem Leben nach dem Tod zu verbinden, ist immer noch in unverminderter Stärke im Inneren des Menschen vorhanden. Aber der moderne Mensch hat organisch ein weiter entwickeltes Stadium erreicht als der primitive Vorzeitmensch. Durch den Kampf ums Dasein in vielen Leben hat sich seine Intelligenz entwickelt. Er ist ganz anders in der Lage zu analysieren als der Vorzeitmensch. Deshalb ist diese Fähigkeit jetzt auf den Plan getreten, und er ist mit diesem um ein Vielfaches höheren Analysierungsvermögen imstande, viele der alten und aus einer primitiven Intelligenz entstandenen Vorstellungen von der Lösung des Lebensrätsels über Bord zu werfen. Es ist für ihn entscheidend, dass die Analysen wirkliche unerschütterliche Tatsachen darstellen. Die innere organische Kraft, die früher den Glauben an eine Vorsehung, an den Sinn des Lebens und ein Leben nach dem Tod angetrieben hat, treibt jetzt die Fähigkeit des Menschen an, diese Realitäten als wirkliche Tatsachen zu fordern. Die gesamte wissenschaftliche Forschung mit allen ihren Zweigen oder Fachbereichen ist in Wirklichkeit lediglich eine einzige große Suche nach der Lösung des Lebensrätsels. Und diese Lösung kann nur aus der Vorsehung oder Gottheit, dem Sinn des Lebens und der Unsterblichkeit bestehen.
8. Die Menschen haben nie intensiver nach Gott gesucht als heute
Aber die innere organische Triebkraft im Menschen, die in Verbindung mit ihren äußeren Erfahrungen, ihren Irrtümern und Unvollkommenheiten das Verlangen nach der Lösung des Lebensrätsels hervorruft, wird unweigerlich zur Lösung dieses Lebensrätsels führen. Die Irrtümer bringen den Menschen Leiden. Leiden entwickeln Humanität. Der Kampf ums Dasein entwickelt die Intelligenz und die Intelligenz erzeugt das Verlangen nach der Aufklärung des Lebensmysteriums. So sind die ursprünglichen organischen Tendenzen, um den primitiven Menschen mit der Lösung des Lebensmysteriums zu verbinden, immer noch im Menschen vorhanden, aber um ein Vielfaches verstärkt. Er ist jetzt nicht nur mit dem Instinkt auf der Suche nach Gott, sondern auch mit seiner Intelligenz und seinem Gefühl. Die Menschen haben nie intensiver nach Gott gesucht, als es jetzt der Fall ist, aber sie sind sich dessen nicht bewusst. Sie glauben in vielen Fällen, dass es etwas ganz anderes ist, was sie suchen, was es in Wirklichkeit im gegebenen Augenblick auch ist. Aber dieses Andere kann unmöglich etwas anderes als ein Glied in der Suche sein, das sie passieren müssen, um zu den Feldern geführt zu werden, wo sich die Enthüllung für die Wesen zuletzt als Tatsachen zeigen wird. Die Kraft, die den primitiven Menschen zu einer instinktiven Vorstellung von der Lösung des Lebensmysteriums führte und an Gott band, ist im Begriff, das Lebewesen noch näher an diese Lösung heranzuführen, damit die Vorsehung oder Gottheit, der Sinn des Lebens und die Unsterblichkeit nicht länger nur Hypothesen oder etwas bleiben müssen, das den Hunger der Intellektualität nicht stillen kann, sondern zu wirklichen wach-tagesbewussten physischen Tatsachen werden, sodass der Mensch, anstatt aus dem Glauben zu leben, aus der Wissenschaft oder aus Tatsachen leben wird.
9. Gottes Geist ist hinter dem Bewusstsein aller Lebewesen anwesend
Diese organische Kraft, die den Menschen somit immer noch durch den Instinkt und später durch Intellektualität, Humanität, leitet und ihn dadurch zum Menschen als Abbild Gottes umgestaltet, zeigt uns also einen großen logischen Schöpfungsprozess. Sie zeigt ein besonderes Interesse am Menschen, zeigt, dass sie dazu bestimmt ist, die Menschen zu einem göttlichen Glücksdasein zu führen, in dem Gott, der Sinn des Lebens und die Unsterblichkeit wissenschaftliche Tatsachen sind. Da aber ein Zweck, ein logischer Plan nur als ein Ausdruck existieren kann, durch den ein dahinter existierender lebendiger Urheber zur Tatsache wird, wird somit Gott hier hinter dem Leben und Dasein der Menschen als eine Tatsache sichtbar und die Verwandlung der Menschen wird zu einem Produkt des Bewusstseins dieser Gottheit. Da Bewusstsein jedoch Geist ist, sehen wir hier also, dass hinter dem Bewusstsein aller Lebewesen Gottes Geist anwesend ist und bewirken wird, dass jedes Lebewesen zum Menschen als Abbild Gottes werden wird.
Und so werden die Worte der Bibel wahr, wo es heißt: „Gottes Geist schwebte über den Wassern“.
Manuskript von Martinus zu dem Vortrag vom 25. September 1955 im Martinus-Institut. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Torben Hedegaard. Vom Rat gutgeheißen am 16. Dezember 2022. Artikel-ID: M0645. Übersetzung: Vincent Stadlmair.
Wir machen darauf aufmerksam, dass zwei weitere Artikel mit dem gleichen Titel existieren: Manuskript zu einem Vortrag am 5. Juni 1949 (M0570) und Manuskript zu einem Vortrag am 25. April 1950 (M0572).

© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk

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