Martinus-Artikel
 

 

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Wie bekommt man die Kraft zu verzeihen?

- Martinus

 

1. Wenn man Menschen nach juristischen Gesetzen bestraft, übertritt man das kosmische Gesetz zu verzeihen

Durch Christus wurde den Menschen gesagt, daß man seinem Nächsten nicht nur siebenmal täglich, sondern siebenundsiebzigmal täglich verzeihen soll. Das bedeutet in Wirklichkeit, daß es nicht eine einzige Situation gibt, in der man nicht verzeihen soll. Kann es nun auch richtig sein, diesem Lehrsatz zu folgen? Dem modernen intellektuell betonten Menschen genügt es nicht, daß Christus oder eine andere Autorität so etwas gesagt hat. Man will die Logik darin sehen können und dieser Lehrsatz scheint jeglicher Vernunft zu widersprechen. Soll dieser Lehrsatz für die Menschen unserer Zeit akzeptabel sein, so muß er als ein wissenschaftliches Fazit hervortreten, das logisch ist, d.h. in Kontakt mit den Lebensgesetzen. Aber dann müssen die Menschen auch die Lebensgesetze vollkommen kennenlernen, nicht nur die Gesetze, die für die physische Materie gelten, sondern auch die geistigen Gesetze, die hinter der ganzen äußeren Struktur des Universums existieren. Wenn die irdische Menschheit jemals imstande sein soll, eine höhere und humanere Kultur zu entfalten als diejenige, die zur Zeit auf dem Erdball herrscht, dann kann das nur auf der Basis einer genauen Kenntnis der kosmischen Gesetze und einer Lebensentfaltung in Übereinstimmung mit diesen Gesetzen geschehen. Der einzelne Mensch muß lernen, all die sogenannte Logik zu durchschauen, die nur lokal und ohne Verbindung mit den wirklichen Verhältnissen und Erscheinungen des Lebens ist. Aufgrund einer solchen lokalen Logik glauben viele Menschen, daß Christi Lehrsätze, wieder und wieder zu verzeihen, töricht und naiv seien. „Wenn jemand einem anderen Unrecht tut“, sagen sie, „kann man ihm nicht ohne weiteres verzeihen. Er muß bestraft werden, dann hat er Angst, seine falsche Handlungsweise zu wiederholen. Wie soll man sonst dem Bösen beikommen?“ Für eine gewisse Entwicklungsepoche ist es natürlich, daß diese Auffassung der höchste Ausdruck von Vernunft sein müsse, und diese Entwicklungsepoche ist noch nicht vorbei, sie bildet die Grundlage für das rechtliche und politische System der Gesellschaft. Jeder, der auf die Weise Unrecht begeht, daß er juristische Gesetze übertritt, wird nach den Paragraphen des Gesetzes bestraft werden. An gewissen Plätzen der Erde ist die strengste Strafe geradezu Mord, auch wenn das unter der Bezeichnung „Hinrichtung“ oder „Liquidation“ geschieht. Die moralische Institution, die Gesetzes- und Rechtswesen heißt, ist also in gewissen Fällen eine Mörderinstitution, und ihre Morde und übrigen Verhängungen von Strafen sind auch in den sogenannten christlichen Ländern durch die obersten Behörden autorisiert. Aber eine Gesellschaft, deren juristische Gesetze auf einer solchen Moralauffassung basieren, ist in Wirklichkeit keine christliche Gesellschaft. Innerhalb dieses Bereiches ihrer Kultur ist sie heidnisch. Sie ist „kosmisch unterentwickelt“, auch wenn sie in anderen Bereichen noch so viel technische Geschicklichkeit und wissenschaftliche Tüchtigkeit entfalten mag.


2. Die Menschheit kann das Prinzip der Nächstenliebe noch nicht vollauf in ihrer Gesetzgebung manifestieren

Daß etwas unterentwickelt ist, will ja nur sagen, daß es nicht fertig entwickelt ist. Es befindet sich in der Entwicklung, auf dem Weg zu einer höheren Stufe. Und daß eine höhere Entwicklungsstufe noch nicht erreicht wurde, kann nichts und nieman dem vorgeworfen werden. Man kann doch einem Affen nicht vorwerfen, daß er kein Mensch ist, und den Autoritäten in den genannten Gesellschaften kann man nicht vorwerfen, daß sie das Prinzip der Näch stenliebe in ihren Gesetzen und in ihrer Wesensart noch nicht vollauf manifestie ren. Dahin werden sie in einer fortgeschritteneren Entwicklung einmal kommen, und dann werden sie auf ihren heutigen Zustand als unmenschliche Barbarei und unglaubliche Unwissenheit zurückblicken. Aber noch haben sie die Auffassung, daß Mord mit Mord bekämpft werden muß, Zorn mit Zorn und Unannehmlichkeiten mit anderen Unannehmlichkeiten, also das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Man glaubt wirk lich, daß man Krieg mit Krieg und Mord mit Mord abschaffen kann und daß man überhaupt von den Unannehmlichkeiten, die sogenannte Verbrecher der Gesell schaft bereiten, frei werden kann, indem man den Verbrechern Unannehmlichkeiten bereitet. Diese Methoden hat man jahrtausendelang angewandt und doch kommen Krieg, Mord und andere Verbrechen heute nicht weniger vor als vor Jahrtausenden. Es scheint also keine be sonders effektive Methode zu sein, um diese Erscheinungen auszurotten, und es ist ganz natürlich, daß das nicht der Fall ist. Wir wissen doch alle, daß man Feuer nicht mit mehr Feuer löschen kann, son dern mit Wasser, d.h. einem Stoff, der den entgegengesetzten Charakter des Feuers hat.


3. Eine rache- oder strafbetonte Vergeltung kann nicht den Charakter oder die Wesensart des Menschen ändern. Im Gegenteil, man bildet damit noch schlimmere Feinde der Gesellschaft aus

Was hier im Hinblick auf physische Naturgesetze gilt, das gilt in ebenso hohem Maß für geistige Gesetze. Es ist ein ganz anderer mentaler „Stoff“ als Krieg, Haß, Rache und Strafe, der benutzt werden muß, nämlich die Nächstenliebe. Eine rache- oder strafbetonte Vergeltung kann den Charakter oder die Wesensart der Menschen nicht ändern. Im besten Fall kann man mit Macht und Strafe und Hinrichtungen gewissen Menschen eine solche Angst vor der Strafe einflößen, daß sie es aufgrund dieser Angst bis zu einem gewissen Grad unterlassen, ihre angeborene „verbrecherische“ Wesensart zu ent falten. Aber deshalb hat sich absolut nichts an ihrem Charakter geändert. Wenn es plötzlich keine Strafe mehr gäbe, wür den sie ihre für andere Menschen schädliche Wesensart sofort wieder entfalten. Sie sind nur als eine Art dressierte Wesen zu betrachten, die wie Tiere gezwungen werden können, Dinge zu tun, die völlig gegen ihre Natur sind. Eine Gesellschaft, deren Bürger es nur aufgrund der Angst vor Hinrichtung, Gefängnis oder anderen Strafen unterlassen, einander zu schaden, ist keine Kulturgesellschaft in der menschlichen Bedeutung dieses Wortes.

Aber wie können die Menschen denn eine wirkliche Kulturgesellschaft schaffen? Es wird ja noch lange Zeit Menschen auf der Erde geben, die so primitiv sind, daß sie eine Beeinträchtigung der gesunden und natürlichen Entwicklung der Gesellschaft sein werden, weil sie kein Verständnis für die Aufgaben und die Verantwortung haben, die dem einzelnen Bürger natürlicherweise obliegen. Wenn man lernt, das Leben aus der Perspektive der kosmischen Logik zu sehen, wird man verstehen, daß man diese primitiven und unwissenden Menschen nicht ausrotten kann, die wahrscheinlich ihre erste oder eine ihrer ersten Inkarnationen innerhalb des Bereichs der Zivilisation erleben und vorher nur an die Formen von Recht und Gesetz der Naturvölker gewöhnt waren. Der kosmisch unwissende Mensch glaubt, daß man, wenn diese Menschen getötet wurden, mit ihnen fertig ist, was aber gerade ein Zeichen der lokalen Logik ist. Die Wesen hören nicht damit auf, „Verbrecher“ zu sein, weil sie ihren physischen Organismus verlassen. Ihre „Verbrecher mentalität“ ist in der ersten Sphäre der geistigen Welt ebenso lebendig, wie sie es auf der physischen Ebene war. Und auf der psychischen Ebene kommen die primitiven Menschen mit Gleichgesinnten zusammen, mit denen sie sich auf einer Wellenlänge befinden. Sie bilden zusammen eine Sphäre von primitiver, boshafter Mentalität, eine Ansammlung von dem, was man mit einem altmodischen Ausdruck als „böse Geister“ bezeichnen kann, die die Möglichkeit haben, auf solche physischen Wesen einzuwirken, die eine ähnliche Mentalität haben und die sich leicht zu Handlungen „inspirieren“ lassen, die für die gesetzestreuen Bürger ebenso gefährlich sind, wie die der hingerichteten „Verbrecher“ es waren. Rache und Strafe können nur neue Rache und neue Strafe erzeugen. Die bestraften Wesen wollen sich rächen und wollen die Gesellschaft „bestrafen“, deren Gesetze zu begreifen und sich ihnen unterzuordnen sie noch nicht imstande sind. Wenn sie wieder in der physischen Welt inkarnieren, sind sie immer noch auf der verkehrten Seite des Gesetzes, und sie haben in ihren Talent kernen Erfahrungen aus früheren Inkarnationen, die sie vielleicht noch cleverer und gefährlicher machen, weil sie die Fähigkeit haben, ihre Aktivitäten auf eine solche Weise zu tarnen, daß es noch schwerer wird, mit ihnen fertig zu werden als früher. Man sollte innerhalb der Reihen juristischer Spezialisten wissen, daß man mit seinen Urteilen und Strafen oft noch schlimmere Feinde der Gesellschaft geradezu ausbildet, als man vorher hatte.


4. Eine menschliche Kultur kann nur auf der Basis von Nächstenliebe geschaffen werden

Will man eine wirklich menschliche Kultur schaffen, so muß man wegkommen von dem Irrtum, daß Hinrichtungen und Strafe die Mittel sind, auf die eine solche Kultur gegründet werden kann. Natürlich muß sich die Gesellschaft vor gefährlichen und asozialen Individuen schützen, aber der Schutz darf nicht aus Töten und Strafen bestehen. In einigen humaneren Gesellschaften auf der Erde hat man begonnen, mit Methoden zu experimentie ren, die in Zukunft die alten Rechtsmetho den vollständig ablösen werden. Man ist gezwungen, den asozialen Menschen das Recht zu nehmen, sich frei zwischen den anderen Bürgern der Gesellschaft zu bewegen. Aber diese Freiheitsberaubung darf keine entehrende Gefangenschaft sein, sie soll eine Eingliederung in eine innerhalb des Staates für diese Art von Wesen vorhandene Gesellschaft sein. Hier werden sie das Recht haben, Kulturgüter zu erleben; sie werden nicht als Verbrecher angesehen werden, sondern als Lernende in Sachen Kultur und Umgang mit Freiheit. Sie werden in Kontakt mit Lehrern kommen, die sie als Mitmenschen behandeln und nicht als „Verbrecher“ und Gefangene. Viele dieser Lehrer sind selbst einmal auf die ,,schiefe Bahn“ geraten, sind jedoch durch ihr Schicksal auf die Erfahrung und die Liebe im Leben gestoßen, die sie zu genialen Pädagogen auf genau diesem Gebiet gemacht haben. Durch diesen Unterricht werden die Schüler nach und nach imstande sein, sich der Gesellschaft außerhalb anzupassen, und sie werden vielleicht gerade durch die Erfahrungen, die sie nun gemacht haben, nützliche Mitarbeiter bei der Schaffung einer menschlichen Kultur werden.


5. Kein Mensch kann anders sein, als er ist; seine Wesensart ist Ausdruck für seine moralische Entwicklungsstufe

Natürlich zeigt es sich nicht nur im Verhältnis zwischen der Gesellschaft und ihren „Feinden“, daß Rache, Haß und Strafe die Verhältnisse nur noch schlimmer machen als vorher – dasselbe gilt auch, wenn es um das Verhältnis des einzelnen Menschen zu eventuellen Wider sachern oder Feinden geht. Aus einer lokalen Perspektive gesehen scheint es in Übereinstimmung mit Vernunft und Logik zu sein, daß man wütend wird und sich an den Personen rächen oder sie strafen will, die einem Unrecht tun oder intolerant und unangenehm einem selbst gegenüber sind. Aber aus kosmischer Perspektive gesehen ist es vollkommen unlogisch und charakterisiert nur den „Beleidigten“ als eine ebenso primitive und unwissende Person, wie die, die ihn „beleidigt“ hat. Jeder Mensch ist von Menschen umgeben, die auf ganz unterschiedlichen Entwicklungs stufen stehen. Einige sind liebevoll und verständnisvoll und kommen nur selten aus dem Gleichgewicht, andere sind schnell in guter und schnell in schlechter Laune und deshalb mal mehr und mal weniger umgänglich. Wieder andere haben ein Wesen, das es ganz schwierig macht, mit ihnen auszukommen. Keiner dieser Menschen kann jedoch derzeit an derssein, als er ist. Die Wesensart dieser Menschen ist Ausdruck für die moralische Entwicklungsstufe, auf der sie stehen. Sie befinden sich auf einem vorläufigen Höhepunkt in ihrer Entwicklung, und sie sind alle auf dem Weg zu einem humaneren und mehr hochintellektuellen Zustand. Einige repräsentieren das, was man als kosmischen Kindheitszustand oder geradezu als Säuglingszustand bezeichnen kann, andere sind „etwas größere Kinder“ und einige kommen in ein kosmisches „Jugendalter“, in dem sie sich auf dem Weg zu einer größeren menschlichen Reife befinden. Jeder einzelne kann von ihnen allen etwas lernen und es ist kein Zufall, mit wem der einzelne in Kontakt kommt. Seine Umgebung stellt die Werk zeuge dar, die Gott benutzt, um ihn in seinem Bilde zu formen, d.h. ihn zu einem liebevollen Menschen zu entwickeln, der anderen und damit auch sich selbst zu einem leichteren und besseren Leben verhilft.


6. Wenn man versucht, mit Hilfe seiner Intelligenz zu verstehen, daß alle Menschen auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen stehen, bekommt man all mählich die Kraft, allem und jedem zu vergeben

Aber wie bekommt man die Kraft, seinem Nächsten zu vergeben, wenn dieser einen auf die ein oder andere Weise belästigt, einem das Leben schwer macht und für Probleme sorgt? – Indem man versucht, mit Hilfe seiner Intelligenz zu verstehen, daß der Betreffende zur Zeit nicht anders sein kann, als er ist, ebenso wie eine Distel oder Brennessel nicht anders sein kann, als sie ist. Und indem man einsieht, daß dieser „Feind“, wenn er in unsere Nähe gebracht wurde, kosmisch gesehen kein Feind ist, der uns schaden will, son dern nur ein Werkzeug, durch das Gott uns ernten läßt, was wir selbst einmal gesät haben. Und indem man auch versucht, mit seinem Gefühl Sympathie für den Menschen zu empfinden, der nicht weiß, was er tut, und der später ernten muß, was man selbst nun überstanden hat. Wenn also der „Feind“ in Wirklichkeit nicht die Ursache der Benachteiligungen ist und er aufgrund seiner Vergangenheit und im Hinblick auf seine Zukunft zur Zeit nicht anders sein kann, als er ist, hat man doch allen Grund, Christi Gebot zu befolgen und immer wieder zu verzeihen. Wenn man meint, daß man ab und zu nicht die notwendige Nachsicht und Liebe hat, braucht man sich nur auf die Quelle zu konzentrieren, aus der alle Liebe des Universums strömt; dann verschwindet jegliche Wut und Bitterkeit und man spürt, daß der einzige „Feind“, den man hat, das jenige in unserem eigenen Sinn ist, was dem Wachstum und der Aktivität der humanen Fähigkeit entgegenarbeitet.


Dieser Artikel beruht auf dem Manuskript von Martinus zu dem Vortrag, den er am Sonntag, den 16.10.1955, im Martinus-Institut hielt. Das Manuskript wurde von Mogens Møller bearbeitet. Die Bearbeitung wurde von Martinus gutgeheissen.
Dänischer Originaltitel: Hvorledes får man kræfter til at tilgive?
Erstmals veröffentlicht im dänischen Kontaktbrief Nr. 14-15/1958
Übersetzung: Christa Rickus
Deutscher Kosmos Nr. 3/2001
© Martinus Institut 1981
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