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M1056
Gottes Gussform
Von Martinus

1. Viele haben den Glauben an die Existenz Gottes verloren
Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen den Glauben an die Existenz Gottes und damit auch den Glauben an ein ewiges Leben oder ein Leben nach dem Tod verloren haben. Dadurch wird das ganze gewaltige Universum mit all seinen Himmelskörpern, Sonnen und Milchstraßen zu nichts als toten zufälligen Kräften. Aus diesen sind wir also hervorgegangen. Die Lebewesen sind die Nachkommen toter Materie. Dieser Nachwuchs hat also keinen Schutz, kein elterliches Prinzip, das ihm helfen kann, bis er das Erwachsenenalter erreicht. Er ist allen möglichen Zufälligkeiten preisgegeben.
Von einem solchen Menschen wird das Gebet auch als Unsinn betrachtet. Er glaubt nicht an irgendeine psychische Hilfe in etwaigen dunklen Schicksalen und Situationen. Nichtsdestoweniger kommt er in Situationen, in denen physische Hilfe nichts bewirkt. In solchen Situationen wird das Leben völlig hoffnungslos. Welchen Sinn hat das Leben eines Menschen, der taubstumm oder blind geboren ist? Warum soll ein solcher Mensch niemals die Welt der Laute hören, warum soll er niemals die Welt der Farben kennenlernen? – Warum soll es diesem Menschen nicht erlaubt sein, den vollkommenen Gebrauch der Sprache zu erleben? – Wenn er nur ein Erdenleben lebt, wird er ja niemals diese Güter erlangen, die doch die Allgemeinheit besitzt.
Warum sollen einige gesund und munter durch dieses einzige Leben gehen und in Glück und Freude leben, während andere in demselben einzigen Leben Unglück und Leid, Hunger und Armut, Krankheit und Erniedrigung erfahren? – Wenn es vor oder nach diesem Leben kein weiteres gibt, werden diese Wesen ja niemals das Glück kennenlernen. Worauf können sich alte Menschen, die sich jetzt in den späten Lebensjahren befinden, freuen? – Die physischen Sinne werden von Tag zu Tag schwächer und führen sie ins öde Nichts hinaus. Es müsste ihnen ja vor der physischen Auflösung, die das physische Alter mit sich bringt, grauenvoll zumute sein. Was ist ein solcher alternder Mensch anderes als ein zum Tod verurteilter Gefangener in seiner Todeszelle, der auf seine Hinrichtung oder totale Auslöschung wartet? – Warum in aller Welt sollten sich Menschen, die das Erwachsenenalter erreicht haben, für die Zukunft interessieren oder politische Interessen haben, die darauf abzielen, die Verhältnisse für die kommenden Generationen zu verbessern? Warum sollten sie an Dingen mitwirken oder sich damit abmühen, in deren Genuss sie selbst nie kommen können?
Wenn alles auf Zufall beruht, sowohl das eigene Entstehen als auch das eigene Schicksal, ist man ja keinem anderen Wesen irgendetwas schuldig. – Sich für andere Menschen zu opfern, kann in dieser Ideologie in Wirklichkeit nur Selbstmord bedeuten. Wenn es nur ein Leben gibt, muss es doch ganz unlogisch sein, sich z. B. als Krankenschwester oder Arzt damit zu beschäftigen, das Leben anderer zu retten. Welchen Sinn hat es, dass man das Leben eines anderen Menschen rettet, wenn man dadurch das eigene verliert? – Dann ist ja nichts wirklich Positives geschehen. Das Logischste in dieser Situation wäre doch dann, dass man versucht, sein eigenes Leben zu behaupten und zu bewahren. Andernfalls wird man ja von Zufällen aus der Bahn geworfen.
In dieser Situation hat doch ein jeder die Pflicht, sich selbst der Nächste zu sein. Jedes Abweichen hiervon wäre ja schreiend unlogisch. Sich für andere zu opfern, bedeutet ja auf das zu verzichten, womit zu arbeiten einem sonst Freude und Aufmunterung bedeuten würde. Aber auf das zu verzichten, was für einen das Leben bedeutet, ist ja eine Sabotage an der Lebenslust, eine Reduzierung und Abstumpfung des Lebenserlebens. Nun wird man vielleicht behaupten, dass man sehr wohl Freude daran haben kann, anderen zu helfen, Freude daran haben kann, sein Leben zu geben, um andere zu retten. Und hier wird die Antwort lauten, dass man das in der Tat kann, aber dass man dann ein lebendiger Widerspruch seiner selbst ist.
2. Die Unglücklichen, denen geholfen wird, sind nicht dem Zufall preisgegeben
Wenn solche Tendenzen in einem Wesen wohnen, Tendenzen, die ihren Urheber dazu bringen, sich zu opfern, um Kranken und Elenden zu helfen, so kann die Welt nicht gottlos oder zufällig sein, auch wenn diese liebevollen Wesen das selbst noch so sehr behaupten. Ihre Liebe und ihre Lust zur Aufopferung zeigen, dass Kräfte existieren, die darauf ausgerichtet sind, den Unglücklichen zu helfen. Diese Unglücklichen, denen geholfen wird, sind somit nicht völlig dem Zufall preisgegeben.
Wenn man behaupten will, dass die Hilfe von Krankenschwestern und Ärzten nicht so sehr auf Nächstenliebe beruht, sondern deren Beruf sei, ändert das nichts am Prinzip. Es existiert doch hier eine Hilfe für Kranke und Verletzte. Und was ist es übrigens, das bewirkt, dass es für viele Menschen zur Lebensbedingung geworden ist, für andere Menschen arbeiten zu müssen? – Ist nicht jeder Beruf eine Lebensbedingung? – Wer kann sich ernähren, ohne zu arbeiten? – Und ist diese Arbeit – ob sie nun in Werkstätten, auf Gassen oder Straßen oder in Schulen und Lehranstalten usw. geleistet wird – nicht gemeinnützig? – Wer setzt jeden Morgen in der Hauptverkehrszeit einer Stadt die tausenden und abertausenden von Wesen in Bewegung, um für Staat und Gesellschaft zur Arbeit zu eilen? – Und wird die Gesellschaft nicht durch diese Arbeit aufrechterhalten?
Ist es nicht diese Energie, die bewirkt hat, dass wir asphaltierte Wege und Straßen, Gas- und Wasserwerke, schöne, kultivierte, praktische Wohnungen haben? Wir haben Krankenhäuser und Kliniken. Wir haben zweckmäßige Verkehrs- und Transportmittel. Wir haben Polizei und Feuerwehr usw. Ist es ein Zufall, dass all diese Güter dadurch hervorgebracht worden sind, dass die Menschen ihr eigenes Leben nur aufrechterhalten können, wenn sie auf diese Weise für die Gesellschaft arbeiten? Was oder wer zwingt die Menschen Berufe zu haben? – Diese Energie ist deshalb im höchsten Maße zweckmäßig, weil sie Kultur schafft und die Gesellschaften sowie den einzelnen Menschen entwickelt.
3. Der Zwang zum Beruf ist die Gussform Gottes
Ein Zweck ist ein Plan. Ein Plan ist eine Kombination von Gedanken. Aber eine Gedankenkombination ist ja Bewusstsein und Bewusstsein kann nur in Verknüpfung mit einem Ich existieren. Da ist also lebendiges Bewusstsein hinter dem täglichen Leben der Menschen. Es steckt Planmäßigkeit in der erzwungenen Bindung der Menschen an ihre Berufe, die nicht nur sie selbst betrifft, sondern auch die ganze Gesellschaft und damit den Nächsten. Wenn aber somit etwas lebendiges, denkendes und planendes hinter dem Leben der Menschen steht, existiert hier also Bewusstsein. Ob man den Urheber dieses Bewusstseins Gott oder Vorsehung oder etwas ganz anderes nennen will, ist völlig gleichgültig.
Dieser Zwangszustand ist ja nicht etwas, das erst bei den Menschen begonnen hat. Er existiert bereits in der Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt. Hier sind die Lebensformen ebenfalls in zweckmäßigen Formen gebunden. Aber es ist besonders innerhalb des Menschenstadiums so, dass die Wesen gezwungen sind, in Gemeinschaften für den Staat und die Gesellschaft zu arbeiten. Der Zwang zum Beruf ist auf diese Weise die Gussform Gottes. In dieser Gussform zwingt er den Menschen dazu, sich mehr und mehr umzuformen, um für andere zu leben.
Wenn der Mensch allmählich so daran gewöhnt ist, dass er nicht mehr gezwungen wird, sondern auch freiwillig sein Leben für andere geben will, dann ist er fertig gegossen. Für die Gussform, den Zwang zum Beruf, besteht kein Bedarf mehr. Er lebt dann ganz und gar für seine Umgebung, seinen Nächsten. Und er ist jetzt Anwärter auf die große Einweihung oder die kosmische Geburt. Er steht jetzt vor seiner strahlenden, göttlichen Entfaltung als "der Mensch als Abbild Gottes".
4. Die große unbeantwortete Frage
Und was ist dann der Mensch als Abbild Gottes? – Ist es nicht so, dass er ebenso in Bezug auf sein Wissen befreit ist, wie er es jetzt in Bezug auf die Arbeit ist? – So, wie er an Berufe gebunden war, war er auch an die Unwissenheit gebunden. Die Gebundenheit wurde hier in Form der großen unbeantworteten Fragen erlebt, die aus den wachsenden, nicht zufriedengestellten kosmischen Sehnsüchten nach dem Wissen darüber entstanden waren, wo die Lebewesen herkommen und wo sie hingehen oder nach dem Wissen von einem ewigen Leben oder der Unsterblichkeit der Lebewesen, Wissen über die Existenz Gottes und Wissen über die vollkommene Daseinsweise. Dies sind Fragen, die aus wachsenden Sehnsüchten nach einer höheren Daseinsform entstanden sind. Das ist ein Hunger. Und für jeden Hunger gibt es eine entsprechende Sättigung. Deshalb wird der Mensch auch psychisch aus den Fesseln der Unwissenheit befreit werden und mit eigenen Sinnen seine eigene ewige Existenz sowie die Existenz der Gottheit und sein Einssein mit dieser Gottheit erleben und der Offenbarung der vollkommenen Daseinsweise ansichtig werden. Und in diesem Zusammenleben mit der Gottheit ist er also der total freie und souveräne, kosmische Mensch oder der Mensch als Abbild Gottes. Es sollte nach dem Gesagten wohl einleuchtend sein, dass die Leugnung der Existenz Gottes nur die Aussage eines Blinden über Farben ist oder die verwirrten Begriffe eines Taubstummen über Ton und Sprache.
Dieser Artikel ist das Manuskript zu einem Vortrag, den Martinus am Sonntag, den 12.4.1953 im Martinus-Institut gehalten hat. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Anne Wedege. Originaltitel "Guds støbeform". Erstveröffentlichung im dänischen Kosmos 2/2024. Vom Rat gutgeheißen am 7.9.2023. Artikel-ID: M1056. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2025-1 von: Vincent Stadlmair.

© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk

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