M1476
Das kosmische Weihnachtsevangelium – Licht in der Finsternis
Von Martinus
1. Der Kreislauf des Jahres
Mit unerschütterlicher Sicherheit passieren wir jedes Jahr eine Wintersonnenwende und eine Sommersonnenwende, die wiederum in unseren Breitengraden dementsprechend eine Kulmination des Winters und eine Kulmination des Sommers bedeuten. Der Winter ist eine Epoche der Finsternis, während der Sommer eine Epoche des Lichts ist. Zwischen diesen beiden Epochen liegen eine Frühlings- und eine Herbstepoche. In der Frühlingsepoche findet ein Kampf zwischen dem heraufkommenden Sommer und dem sterbenden Winter statt. Im Herbst findet ein Kampf zwischen dem heraufkommenden Winter und dem sterbenden Sommer statt. Der Herbst ist auf diese Weise der Todeskampf des Lebens, während der Frühling der Geburtskampf des Lebens ist. Der Winter ist somit die Domäne des Todes, während der Sommer die Domäne des Lebens ist. Jedes einzelne Jahr ist somit ein Kreislauf, in dem das Licht und die Finsternis und deren Zwischenstadien jeweils zur Kulmination oder Auslösung kommen.
2. Das Kreislaufprinzip
Wir haben auf diese Weise innerhalb des Jahres eine wunderbare Offenbarung der Hauptstruktur des Lebens überhaupt. Diese Struktur ist also eine Wiederholung desselben Kreislaufs, in welchem die vier Jahreszeiten manifestiert werden. Diese Kreisläufe wiederholen sich in immer kleineren Formaten im Mikrokosmos und in immer größeren Formaten im Makrokosmos. Ist es beim Tag nicht genau dasselbe? Hier haben wir Nacht und Tag, die wiederum entsprechend jeweils eine Finsternis- und eine Lichtepoche darstellen, so wie wir hier auch Morgen und Abend haben, die der Frühlings- und der Herbstepoche entsprechen. Unser Erdenleben ist auch einen solcher Kreislauf. Hier haben wir Kindheit und Erwachsenenalter, die entsprechend die Winter- und die Sommerepoche sind, während die Jugend und das Alter dementsprechend die Frühlings- und die Herbstepoche sind.
3. Alle Kreisläufe sind Glieder in einer Kette von Kreisläufen
Dieser letzte Kreislauf, der Kreislauf eines Erdenlebens, ist der größte Kreislauf, den wir mit unseren physischen Sinnen total überblicken können. Deshalb ist der Aberglaube entstanden, dass unser Leben mit dem Abschluss dieses Kreislaufs – also dann, wenn sich unser Geist von seinem physischen Körper trennt – aufhört. Und wir nennen diesen Prozess "Tod". Hier erzählt uns Gott etwas sehr Interessantes, indem er uns zeigt, dass in allen Kreisläufen, die wir imstande sind zu überblicken, kein Beispiel dafür zu finden ist, dass ein Kreislauf sich nicht wiederholt. Wir sehen hier, dass jeder einzelne Kreislauf ein Glied in einer Kette von Kreisläufen ist. Wir sind also gezwungen, uns das folgendermaßen zu denken: Wenn es unter den Kreisläufen, die wir überblicken können, keinen einzigen Fall gibt, der sich nicht wiederholt, warum sollte es dann bei den Kreisläufen, die so groß sind, dass wir sie nicht überblicken können, anders sein? – Wir haben in keinem Fall irgendeine logische Begründung dafür, sagen zu können, dass ein Kreislauf nicht die Wiederholung eines vorhergehenden Kreislaufs ist und somit kein Glied in einer Kette von Kreisläufen.
4. Die Winterzone im kosmischen Spiralkreislauf
Wir sind deshalb gezwungen zu erkennen, dass unser Erdenleben auch ein solcher Kreislauf ist und deshalb in Wirklichkeit ebenfalls ein Glied in einer Kette ähnlicher Kreisläufe, die wir erlebt haben, darstellt. Aber ebenso wie unser Erdenleben kleinere Kreisläufe enthält, die wir Jahreskreisläufe nennen, und Jahreskreisläufe Tageskreisläufe enthalten, müssen wir auch annehmen, dass unser Erdenleben ein kleinerer Kreislauf in einem größeren Kreislauf ist. Obwohl wir diese größeren Kreisläufe nicht sehen können, muss es doch irgendwelche Symptome dafür geben, dass sie existieren. Aber die Symptome der Kreisläufe sind ja die Jahreszeiten. Das Dasein der Menschen muss also eine Jahreszeit in diesem größeren Kreislauf darstellen. Da die größte Energieentfaltung in der gegenwärtigen Lebensepoche der Menschen das tötende Prinzip, also das Prinzip des Winters ist, bedeutet das, dass sie in der Winterzone oder Todesdomäne eines großen kosmischen Kreislaufs leben.
5. Das Weihnachtsevangelium des Tageskreislaufs
Aber in jeder Todeszone existiert das Leben in latenter Form, sodass es sich wieder zu einer neuen Kulmination entfalten kann. Wir sehen hier in unseren Breitengraden am Nachthimmel den Mond und die Sterne, d.h. Lichtmanifestationen. Wir haben sogar in unseren Breitengraden zeitweilig die Gelegenheit, das Licht in der Nacht in solcher Stärke zu erleben, dass wir diese Nächte die "hellen Nächte" nennen. Diese Lichtmanifestationen sind für uns Zeugen dessen, dass das Licht, obwohl es Nacht ist, nicht aufgehört hat zu existieren. Es existiert immer noch und verkündet einen neuen Morgen, einen neuen Tag. Dieser Lichtschein der Mitternachtssonne in den nördlichen Gegenden ist das "Weihnachtsevangelium des Tageskreislaufs". Es erzählt uns, dass die Sonne oder die Lebensquelle immer noch existiert und wieder einen neuen Morgen, einen neuen Tag für uns erschaffen wird.
6. Das Weihnachtsevangelium des Jahreskreislaufs
Wenn die Sommer- und die Herbstzeit vorbei sind und wir in die kalten Tage und Nächte des Winters mit Dunkelheit, Kälte und Schneeregen hineingekommen sind, dann wirken die Erinnerungen an den wiederkehrenden lichten Sommer mit Sonne und Wärme, mit Pflanzen, Tieren und Menschen in voller Lebensausstrahlung wie ein mächtig belebendes Moment. Alle diese lichten Sommererinnerungen sind der mentale Mitternachtssonnenschein des Jahreskreislaufs. Sie verkünden eine neue kommende Sommerepoche und sind auf diese Weise das mentale "Weihnachtsevangelium" des Jahreskreislaufs.
7. Das Weihnachtsevangelium des Erdenlebenskreislaufs
Der nächste kosmische Kreislauf ist der Erdenlebenskreislauf. Er hat auch seine Jahreszeiten, seinen Winter und Sommer. Das Kindheitsstadium ist das Stadium des Winters. Hier ist die Lebenswirksamkeit latent. Aber diese Winterepoche hat auch ihr Weihnachtsevangelium, ihre Lichtenergien, die an einen kommenden Sommerzustand erinnern: das "Erwachsenenalter". Ein Zustand, wo sich das Wesen in seiner vollen und souveränen physischen Entfaltung befindet. Sind nicht der ganze Schulbesuch, alle Erziehung und aller Unterricht Lichtenergien, die bezwecken, ein helles und glückliches Erwachsenenalter für das Wesen zu erschaffen? – Der ganze Schulunterricht und die Erziehung sind also das "Weihnachtsevangelium des Erdenlebenskreislaufs".
8. Das Welterlösungsprinzip
Wir können aber einen noch größeren Kreislauf sehen. Das ist der große kosmische Spiralkreislauf. In diesem Kreislauf können unsere Erdenleben nur als Tage und Nächte bezeichnet werden. Da die größte Energieentfaltung der Menschheit darauf basiert, Mordwaffen zu erschaffen und damit das tötende Prinzip zu vervielfältigen, befinden wir uns hier ja in der Winterzone dieses Kreislaufs. Und es gibt hier auch Lichtenergien, die von einem kommenden Sommer zeugen. Diese Lichtenergien konzentrieren sich in dem Prinzip, das wir die Welterlösung nennen. Kraft dieses Prinzips werden jene Wesen geboren, die als Messiasse oder Welterlöser bezeichnet werden. Die Daseinsweise dieser Wesen repräsentiert die Mitternachtssonne, die Lichtenergien in der Winterzone des kosmischen Kreislaufs. Von ihnen strahlt Weisheit und Liebe aus oder intellektualisierte Humanität oder totale Nächstenliebe.
9. Das kosmische Weihnachtsevangelium
Es ist diese Liebe, die das christliche Weihnachtsevangelium ausstrahlt und mit mächtiger Kraft die Zeit der Sonnenwende zu einer strahlenden Festeszeit macht – mit dem verstärkten Drang, anderen eine Freude zu machen, mit Geschenken und Glückwünschen, mit Frieden und Freude. Ist das Primäre im Weihnachtsevangelium nicht die Erzählung von einem Kind, das in Bethlehem geboren wurde und die ganze Welt erlösen wird? – Das ist nicht nur eine physische Begebenheit; das Kind ist das Christusbewusstsein, das anfängliche Entstehen des kosmischen Bewusstseins im Menschen. Ohne die Geburt dieses Kindes in der eigenen Mentalität und Daseinsweise des Menschen wird kein Mensch erlöst werden können. Ohne das Christusbewusstsein wird kein Mensch aus der kosmischen Winterepoche oder der Zone des tötenden Prinzips herauskommen können. Dieses Kind wurde in einem Stall geboren und in eine Krippe gelegt. Es wurde in ärmlichen Verhältnissen geboren. Bethlehem ist ein Ausdruck für die dürftigen Bedingungen, die die Menschen dem in ihnen geborenen Christuskind zu bieten haben. Aber allmählich werden sie durch dieses Kind über alle Finsternis siegen, sodass sie weder die mentale noch die physische Kreuzigung fürchten, sondern siegreich über die Finsternis und alle Gräber hinweg mit mündiger Stimme, die durch das ganze Universum vibriert, ausrufen können: Ich bin die Auferstehung und das Leben – Ich und der Vater sind eins. Es sind diese Töne vom Himmel, die jetzt in wenigen Tagen Weihnachten einen Engelsklang verleihen werden. Es sind diese ewigen Worte, die jetzt die Weihnachtsglocken erklingen lassen und die Menschen dazu bringen, liebevolle Grüße und Geschenke an nah und fern zu senden. Und so ist das Weihnachtsevangelium die ewige Mitternachtssonne in der nächtlichen Finsternis und der Lichtschein der ewigen Sommersonne hinter den tödlichen Eisregionen jedes mentalen Winters. Und auf diese Weise ist die Weihnachtsbotschaft Frieden auf Erden und Wohlbehagen unter allen Menschen.
Manuskript für einen Vortrag, den Martinus am Sonntag, den 21. Dezember 1952 im Martinus-Institut gehalten hat. Reinschrift und Absatzüberschriften von Torben Hedegaard. Gutgeheißen vom Rat 12.09.2009. Zum ersten Mal veröffentlicht im dänischen Kosmos Nr. 10, 2010. Artikel-ID: M1476. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2024/2: Vincent Stadlmair.
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
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