M1542
Mit verdunkeltem Bewusstsein durch das tägliche Leben
Von Martinus
1. Ein Teil des Lebens der Menschen ist überhaupt nicht von physischer Natur
Ich habe schon früher erklärt, dass wir alle ewige Wesen, ja mit der Ewigkeit selbst identisch sind. Unser wirkliches Selbst oder Ich ist etwas, das alle Formen von Zeit und Raum überlebt. Wir wandern ewig durch Zeit und Raum, was wiederum bedeutet: durch alle existierenden Formen von Bewegung, von Schöpfung oder alle Formen von erschaffenen Dingen, durch geistige sowie physische Details, sowohl behagliche wie unbehagliche, durch finstere sowie durch lichte Welten, Sphären oder Daseinsebenen. Mit anderen Worten, unser tägliches Leben ist eine Wanderung. Wir gehen von Erlebnis zu Erlebnis. Etwas von diesem Weg haben wir hinter uns. Diesen Teil des Weges nennen wir Vergangenheit. Einiges auf diesem Weg erleben wir jetzt im Augenblick. Diesen Teil des Weges nennen wir Gegenwart. Und so haben wir einen größeren oder kleineren Ausblick auf den Teil des Weges, der vor uns liegt aber noch nicht erlebt wurde. Diesen Teil nennen wir Zukunft. Auf diese Weise wandern wir jeden Tag und jede Nacht ein Stück in die Zukunft hinein, wodurch sie zur Gegenwart wird und wiederum zur Vergangenheit, wenn wir sie passiert haben. Während die Gegenwart der konkreteste Teil des Weges ist, haben die Vergangenheit und die Zukunft ausschließlich einen abstrakten Charakter, d.h. eine geistige oder nicht-physische Natur. Hierdurch wird es unter anderem zur Tatsache, dass ein Teil unseres Lebens überhaupt nicht von physischer Natur ist.
2. Ohne Erinnerung wäre unsere Lebensreise ohne Einzelheiten
Unser Erleben der Nacht, die hinter uns liegt, geschieht nicht mehr auf der physischen Ebene, aber es existiert dennoch in unserem Bewusstsein, in unserer Erinnerung. Dasselbe gilt für die Morgenstunde, die wir eben erlebt haben, und nicht zuletzt für alle die Jahre, die wir hinter uns haben. Die ganze erlebte Vergangenheit ist nicht mehr etwas, was wir mit den physischen Sinnen erleben. Wir können in größerem oder kleinerem Maß diese Vergangenheit mit unseren geistigen Sinnen wiedererleben, in diesem Fall mit der Erinnerung. Ohne Erinnerung könnten wir unmöglich irgendwelche größere Freude durch die Erlebnisse in der Gegenwart bekommen. Dank unserer Erinnerungen können wir uns zum Beispiel gegenseitig wiedererkennen. Dank der Erinnerung erkennen wir die verschiedenen Phänomene, denen wir in der Natur begegnen. Dasselbe gilt für alle Erscheinungen, denen wir auf der Straße oder auf See, in der Luft oder im Wasser begegnen. Nur in dem Maße wie wir uns erinnern, können wir unsere Erlebnisse wiedererkennen, d.h. zu wissen, was das ist, was wir sehen. Wenn wir keine Erinnerung hätten, wie sollten wir dann wissen, ob derjenige, den wir treffen, ein Bekannter oder Unbekannter ist? Wie sollten wir wissen, was ein Auto, ein Eisenbahnzug, was dieses oder jenes Tier ist? – Ja, wie bedeutungsvoll wäre der Schulunterricht, den wir in größerem oder kleinerem Ausmaß erlebt haben? – Wir wären die Dümmsten unter den Dummen. Ohne Erinnerung wäre der Weg unseres Lebenserlebens ohne Einzelheiten. Unsere Lebensreise wäre eine Reise in einem Beförderungsmittel mit verdeckten Fenstern. Selbst wenn wir sowohl sehen als auch hören könnten, würde das Gesehene und Gehörte oder kurz gesagt, alles Erlebte, genauso unerkannt und unverständlich an uns vorbeiziehen und in die Vergangenheit hineingleiten, wie das, was wir zukünftig sehen und hören werden. Unsere Lebensreise wäre analog einer Reise in einem Flugzeug, einem Zug oder einem Auto, die alle heruntergelassene undurchsichtige Gardinen vor den Fenstern hätten.
3. Eine kosmische Reise mit verdeckten Fenstern
Weil unsere Lebensreise überhaupt kein anderes Ziel hat, als eben dieses, zu erleben, zu sehen und zu hören, zu fühlen und wahrzunehmen, kann dieses Ziel nur in dem Grad erlebt werden, der dem entspricht, was wir an Erinnerungen haben. Und hier werden wir Zeuge davon, dass viele Passagiere auf dieser kosmischen Reise mit mehr oder weniger heruntergelassenen Gardinen reisen und noch nicht einmal Licht hinter den heruntergelassenen Gardinen haben. Dementsprechend sitzen sie im Finstern. Sie haben keine Aussicht auf das, was außerhalb der Maschine oder des Beförderungsmittels ist und wissen deshalb gar nicht, dass sie überhaupt auf einer Reise sind. Dass sie durch schöne und herrliche Welten, kosmische Märchengegenden reisen, davon haben sie überhaupt keine Ahnung. Im Vergleich zu den anderen Passagieren, die offene Fenster zu der vorbeigleitenden Umgebung haben, gleichen sie einem nicht verstehenden Tier. Ebenso wie die Tiere nur die Aufgabe haben, Nahrung zu suchen und sich zu vermehren, genauso haben diese kosmischen Reisende hinter den verschlossenen Fenstern auch keine andere Form des Lebenserlebens. Sie verleugnen das Fahrzeug, in dem sie reisen, sie wollen überhaupt nichts von der kosmischen Welt, der Ewigkeit wissen, durch die sie reisen und mit der sie in Wirklichkeit identisch sind. Sie besitzen noch nicht einmal die Fähigkeit sich selbst als eine Tagesfliege in diesem gigantischen Raum aufzufassen. Sie sind nur ein Staubkorn, ein Spielball im Sturm der Zufälligkeiten, aus denen sie entstanden sind und wieder vergehen werden. In Wahrheit ist das eine unumstößliche Bestätigung der zugedeckten Fenster.
4. Von dem nachtschwarzen Coupé können die Passagiere nur die lokalen Lebensumstände wahrnehmen
Für viele Menschen ist ein finsterer Raum mit verschlossenen Fensterläden keine vollkommene Aufenthaltsstelle, weit weniger noch ein Beförderungsmittel. Alle Interessensphären befinden sich innerhalb dieses Raums. Alle kämpfen mit allen um einen Aussichtsplatz. Sie verstehen nicht, dass dieser Kampf überhaupt nichts nützt, denn der Raum oder das Coupé ist so verdunkelt, dass sie keine einzige Stelle finden können, von der sie irgendetwas anderes sehen können als diesen dunklen Raum. Finsternis, Finsternis und wiederum Finsternis ist das, was dem Wesen begegnet, gleichgültig wie viel es um sich schlägt oder seine Mitreisenden tötet. Die Fenster werden dadurch nicht geöffnet. Es findet kein Erleben bei dieser kosmischen Reise statt. Die Wesen in diesem engen und nachtschwarzen Coupé glauben, dass dies das ganze Dasein sei und dass ihr primitives Leben in diesem finsteren Raum das Vornehmste im Universum sei, welches sie in Wirklichkeit nur in Form von kleinen leuchtenden Sternen, entfernt von ihnen im Raum durch ungeheure astronomische Abstände mit Tausenden und Abertausenden von Lichtjahren sehen. Selbstverständlich glauben sie, dass diese weit entfernten gewaltigen Sonnen, die Planeten und Welten leblose Monstrositäten sind, die sich nur zufällig durch den unendlichen Raum bewegen. Auf den Sonnen ist es zu warm und auf den Planeten zu kalt. Sie glauben, dass alle Lebensbedingungen und alles Erleben nur durch einen animalischen Körper, wie den, an den sie selbst gebunden sind, möglich sind. Sie glauben, dass das Leben an Temperatur, Luft- und Sauerstoffgehalt, spezielle Ernährungsmöglichkeiten usw. usf. gebunden ist, und sie verstehen nicht, dass diese ihre Vorstellung auch ein Resultat der verdeckten Fenster ihres kosmischen Fahrzeugs ist. Sie verstehen also nicht, dass alle die Lebensformen, die von Luft, Sauerstoff und Wärme abhängig sind, nur lokale Lebensverhältnisse oder besondere Erlebnisformen sind, deren Nichtvorhandensein aber nichts mit wirklicher Lebensvernichtung zu tun hat. Kein Leben kann vergehen oder ohne Erleben sein. Wenn eine besondere Lebensform zugrunde geht, dann ist das Bewusstsein des Lebewesens schon im Voraus derart gesichert, dass es sein Bewusstsein nicht verlieren kann. Das ewige Lebewesen kann sowohl im stärksten Feuer leben, wie es auch in der größten Kälte erleben kann. Es kann die Gottheit im vollständig luftleeren Raum lobpreisen, wie es auch in dem vollständigen Gegensatz dieses Raumes, im Ozean oder im Wasser leben kann.
5. Nur Unterricht und das Sammeln von Erfahrungen gibt Zugang zur kosmischen Aussicht
Die Menschen mit dem größten materialistischen Wissen auf der Erde, die sogenannten materialistischen Wissenschaftler, sind also nicht diejenigen, die in der geringsten Form von kosmischer Finsternis leben. Und weil sie es sind, die mit ihrem genialen materialistischen Wissen und der daraus folgenden Mordtechnik zur Führung der Menschheit beitragen, ist es nicht so erstaunlich, dass die Erdenmenschheit in kosmischer Finsternis dahintreibt. Die Mordtechnik ist ja genau das Material, mit dem die kosmischen Fenster der Menschheit verdeckt sind. Mit der Mordtechnik sind hier nicht nur die rein technischen Mordapparate gemeint, sondern auch die geistige und psychische Mordtechnik, d.h. die mörderische Gesinnung des Menschen, die mit einer Psyche hervortritt, die Mord und Todschlag als berechtigte Elemente oder Details in der Moral auffasst. Solange im Gesetz- und Rechtswesen der Menschen die Todesstrafe und andere Strafen im eigentlichen Sinne des Wortes existieren, wird der Krieg nicht aufhören und der Weltfrieden nicht erschaffen werden können. Man verschleiert und behindert seinen kosmischen Organismus, mit dem wir eigentlich durch die kosmischen Fenster unseres Fahrzeuges hinausschauen könnten. Alle Mordmentalität ist ein Resultat der Unwissenheit. Aber Unwissenheit oder geringe Begabung ist nichts, das man bestrafen kann. Unwissenheit kann absolut nur durch Wissen entfernt werden. Wissen ist die Vermehrung von Erinnerungen. Die Vermehrung von Erinnerungen ist ein Entfernen der Fensterläden, die unsere kosmischen Fenster verdecken. Deshalb sind Unterricht und Experimentieren oder die Erfahrungsbildung das Einzige, welches das kosmische Coupé der Wesen öffnen und Zugang zur Aussicht über das Leben und den Tod geben kann, durch welche ihre kosmische Reise geht. Ein Erleben davon und eine Erinnerung daran zu haben, dass man nicht sterben kann, entfernt die Todesfurcht. Eine Erinnerung daran, dass man nur mit hellen Farben sein eigenes lichtes Schicksal erschaffen kann, d.h. durch die Entfaltung von selbstloser Sympathie, Freundlichkeit und Liebe, entfernt jede feindliche Einstellung gegenüber seinem Nächsten. Eine Befreiung von dieser Einstellung ist eine Befreiung von den Fensterläden, welche die eigene kosmische Aussicht verdecken.
6. Das Sammeln von Erinnerungen ist wertvoller als das Sammeln von Gütern und Gold
Das große Problem für den unglücklichen Menschen ist nur dies, sich Erfahrungen und Wissen anzueignen, nicht das Bestrafen und Verfolgen seines Nächsten. Die vollständig freie Aussicht auf die ewige Lebensreise oder das vollständige Entfernen der Fensterläden von den kosmischen Fenstern kann einzig und allein durch die Liebe zu seinem Nächsten erreicht werden. Weil die Liebe zu seinem Nächsten eine derart kolossale Macht hat, dass sie jede Form von unglücklichem Schicksal entfernt, dass sie die kosmische Wahrnehmung des Wesens öffnet, dass sie allen Krieg und jede Form von feindlichen Gedanken gegenüber etwas oder jemandem entfernt und damit einen unerschütterlichen Weltfrieden erschafft und dadurch das Wesen zu kosmischem Bewusstsein führt, einem Bewusstsein, das unabhängig vom physischen Organismus existiert und damit das Wesen in die Lage versetzt, seine eigene Unsterblichkeit, sein eigenes Selbst oder Ich, das über Zeit und Raum erhaben ist, zu erleben, ja sogar das Empfinden, eins mit dem Weg, der Wahrheit und dem Leben zu sein und damit eins mit der Gottheit – das alles begründet, warum das Sammeln von Erinnerungen mehr wert ist als das Sammeln von Gütern und Gold, denn keines dieser Güter kann irgendetwas in der hier geschilderten erhabenen kosmischen Richtung geben. Die kosmischen Fensterläden können nicht durch Bezahlung entfernt werden. Um selbst ins Licht zu kommen, kann man keinen anderen für die erforderliche Arbeit anstellen. Der himmlische Weg ist kein Weg, der auf Faulheit basiert. Diesen Weg muss man selbst gehen. Man kann hier weder ein Taxi noch ein Flugzeug oder die Eisenbahn nehmen. Diesen Weg kann man nur mithilfe seines eigenen Fahrzeugs zurücklegen, der kosmischen Psyche. Deshalb muss man – wie Christus sagt – beten und arbeiten. Man muss studieren und sich in kosmischem Wissen ausbilden. Kosmische Genialität oder Wissen öffnet den Weg zu allen Herzen, zu allen Formen von Segen, zu Gesundheit, Schönheit, Glück und Freude, zu Unsterblichkeit und dem Erleben der Ewigkeit.
Manuskript eines Vortrags, den Martinus im Martinus-Institut, Sonntag, den 8. Oktober 1950 hielt. Reinschrift und Abschnittsüberschriften von Torben Hedegaard. Gutgeheißen vom Rat 16.12.2022. Der Artikel ist hier erstmals im Kosmos veröffentlicht. Artikel-ID: M1542. Übersetzung aus dem dänischen Kosmos 2023-2: Kurt Gramm
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
Unter Angabe des Copyrights und der Quelle können Sie gerne zu diesem Artikel verlinken. Unter Beachtung des Urheberrechts können Sie auch gerne aus dem Artikel zitieren. Kopien, Nachdrucke und andere Formen der Wiedergabe des Artikels sind nur nach schriftlicher Absprache mit dem Martinus-Institut möglich.
Kommentare können an: info@martinus.dk gesendet werden.
Fehler- und Mängelanzeigen sowie technische Probleme bitte an Webmaster senden.
