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M1669
Mentale Hygiene und die öffentliche Meinung
Von Martinus

1. Was ist physische Hygiene?
So, wie es die Aufgabe der physischen Hygiene ist, körperliche Gesundheit und Wohlbefinden zu schaffen, so ist es die Aufgabe der mentalen Hygiene, mentale oder seelische Gesundheit und damit ein entsprechendes bewusstseinsmäßiges Wohlbefinden, eine fundamentale Freude und Glück im eigenen Denken zu schaffen. Wenn man in seinem Denken oder Bewusstsein froh und glücklich ist, ist man ja vollkommen glücklich. Es bereitet einem ja nicht viel Freude, einen scheinbar gesunden und starken physischen Körper zu haben, wenn man bewusstseinsmäßig oder in seinen Gedanken Seelenqualen erlebt oder deprimiert ist.
Was ist denn physische Hygiene? – Ist diese Form der Hygiene nicht so etwas wie das Gesetz für physische Reinlichkeit? – Bedeutet physische Hygiene nicht ein Verhältnis zu aller physischen Materie um uns herum, in dem alle für unsere physische Gesundheit und unser Wohlbefinden schädlichen Unreinheiten beseitigt sind? – Werden nicht dicke Bücher über körperliche Hygiene geschrieben und die leibliche Gesundheit und das Wohlbefinden, die daraus folgen? Physische Hygiene ist eine ausgedehnte gewohnheitsmäßige Reinlichkeit. Derjenige, der sich nicht wäscht, nicht die Unterwäsche oder die Bettwäsche wechselt, ist nicht hygienisch. Es kommt sogar so weit, dass er wegen seiner Ausdünstungen, die sich in Unterwäsche und Hemd ansammeln, schlecht riecht. Den üblen und strengen Geruch alter Ausdünstungen, die in Gärung übergegangen sind, kann der Unhygienische zuletzt überhaupt nicht mehr merken, weil er jeden Tag und jede Stunde seines Lebens darin einhergeht. Aber für die Menschen in seiner Umgebung ist das nicht angenehm. Sie müssen sich fast die Nase zuhalten, wollen das aber nicht zeigen, weil es gegen ihr Taktgefühl verstößt. Wenn der ungepflegte Mensch sich selbst darüber im Klaren wäre, wie sehr ihn seine starken Ausdünstungen verraten, würde er das sicher als unangenehm empfinden oder sich schämen, wenn er denn nicht ganz verwahrlost ist.
2. Die Ausdünstungen mangelnder Mentalhygiene
Im Hinblick auf die mentale Hygiene macht sich prinzipiell dasselbe geltend, sogar in noch stärkerem Maße. Auch hier kann man bei vernachlässigter Reinlichkeit die Unreinheit seines Bewusstseins oder Denkens verraten, wenn man nicht dafür sorgt, die unreinen und schmutzigen Gedanken auszutauschen. Und hier existiert sogar die Merkwürdigkeit, dass es wesentlich mehr mental unreine als körperlich unreine Menschen gibt. Hier gibt es viele Wesen, die noch auf dem unreinen, unkultivierten und stinkenden Gedankenstadium des Naturmenschen leben, obwohl sie physisch schon so weit sind, eine hohe Reinlichkeit oder Hygiene zu repräsentieren.
Viele Menschen leben auf der physischen Ebene in einer sehr ausgeprägten Reinlichkeit, leben geradezu in großem Luxus mit silbernem und goldenem Essgeschirr und haben viele Bedienstete, die um sie herum waschen, fegen, scheuern und schrubben. Die Wohnstätten solcher Wesen sind ein Traum von Sauberkeit und Hygiene. Um sie herum herrscht ein Duft von Reinheit. Aber hinter der äußeren Gedankenfassade können sie gleichzeitig einen inneren stinkenden mentalen Bereich haben. Es kann hier allerlei gedankenmäßige Unreinheit vorkommen, die diese Wesen auf der mentalen Ebene zu solch schmutzigen und stinkenden Wesen macht, dass alle wirklich reinen und kultivierten auf dieser Ebene einen weiten Bogen um sie herum machen, weil sie deren stinkenden und faulenden mentalen Unrat nicht aushalten können.
3. Mentale Pesterreger
Was hält man von den sogenannten "Gulaschbaronen"*? – Waren das nicht Leute, die auf der physischen Ebene mit einem luxuriösen Lebensstil zu protzen versuchten, aber dabei eine Primitivität der Gedanken offenbarten, die diese Wesen als tragikomisch entlarvte. Sie machten sich den wirklich gedankenmäßig kultivierten und hygienischen Menschen gegenüber lächerlich. Die einzigen, denen solche Wesen imponieren können, sind Wesen, die sich auf derselben primitiven Stufe befinden wie sie selbst. Gegenüber jedem, der sich auf einer höheren Gedankenstufe befindet, verraten sie sich durch ihren mentalen Dunst, egal mit welch feiner und reiner Kleidung, Haus, Heim und Luxus sie sich umgeben. Wie sehr man sich auch mit äußerem Schein oder vorgetäuschter Hygiene ausstaffiert, so wird man doch jeden Tag hilflos von Wesen durchschaut, denen gegenüber man sich schutzlos entblößt, Wesen, die sich sozusagen mental die Nase zuhalten müssen, denn hinter dem äußeren Glanz kann ein Nebel von Verwesungsdämpfen liegen, die ein wirklich gedankenmäßig reines Wesen nicht einatmen kann. Solche stinkenden Gedankendämpfe verpesten die Gedanken anderer Wesen, so dass auch sie verfaulen. Ja, man kann sie sogar als geistige Pesterreger bezeichnen.
4. Klatsch, die Presse und die öffentliche Meinung
Deshalb gibt es auch innerhalb der irdischen Kulturmenschheit ein außerordentlich großes pestbefallenes Gedankengebiet oder Gebiete, die nach giftigen Fäulnisdämpfen stinken. Was versteht man nun unter solchen mentalen Fäulnisdämpfen? Diese mentale Pestregion und ihre giftigen Dunstarten können mit den sehr bekannten Worten "Verleumdung" und "Klatsch" ausgedrückt werden.
Klatsch findet man sowohl bei den Primitiven als auch bei den Intellektuellen innerhalb der Kulturstaaten. Ja, hier ist er geradezu als eine wirklich erlaubte, legale Erscheinung autorisiert. Es handelt sich hier ja nicht bloß um den gewöhnlichen rein privaten Klatsch zwischen Einzelpersonen, sondern um das ganze organisierte Gebiet, das "Presse" heißt, das sich auch die "öffentliche Meinung" nennt, ein übrigens sehr passender Name, indem die öffentliche Meinung weder wahres Christentum noch wahre Nächstenliebe ist. Ob die Öffentlichkeit auf Dauer diese ihre Meinung aufrechterhalten wird, sei dahingestellt.
Wenn ein Mensch auf die eine oder andere Weise mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, einen kleinen Diebstahl oder einen anderen Gesetzesbruch begangen hat, ist das eine Neuigkeit und damit Stoff für die Presse. Und je bekannter die Person ist, desto größer ist die Neuigkeit, ja, sie steigert sich hier sogar zu einer Sensation, mit der sich gut verdienen lässt. Je mehr Sensationen oder unvorteilhafte Neuigkeiten man über seine Mitmenschen sammeln kann, desto besser ist das Material und desto besser verkäuflich ist die öffentliche Meinung. Ja, die öffentliche Meinung ist ein gutes Geschäft, solange die öffentliche Meinung noch auf Klatsch gebaut ist.
5. "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan"
Es ist verständlich, dass man informiert sein will, wenn es um die großen Gestaltungsmaßnahmen mit staatlichen Mitteln geht, ganz gleich, ob es sich dabei um Sabotage und Krieg handelt oder um friedliche Aktivitäten im Bereich der Kulturschöpfung. Aber es ist ja nicht diese Art von Neuigkeiten, die von der Allgemeinheit am meisten nachgefragt wird, es sind Neuigkeiten über das Leben und Treiben bekannter Privatpersonen, die der große, gefragte Stoff sind. Es ist diese Art der Nachrichtenverbreitung, mit der etwas faul ist, und die die Psyche untergräbt, aber gut in den Kassen der Zeitungsunternehmen klingelt.
Wie kann es Mentalhygiene sein, die Fehler oder auch nur vermeintlichen Fehler seines Nächsten in alle Himmelsrichtungen auszuposaunen? – Ist es nicht töricht, Geld für Sensationen zu bezahlen, die nur ein mehr oder weniger glaubwürdiges, manchmal sogar völlig falsches Wissen von den Unzulänglichkeiten unserer Nächsten sind? Wie kann hier von Kultur die Rede sein, solange die "öffentliche Meinung" aus einer solchen Ansammlung von zweifelhaften Annahmen über unseren Nächsten besteht? Und wie kann die öffentliche Meinung mental sauber sein, wenn sie davon lebt, die mentalen Unzulänglichkeiten oder Schwächen unseres Nächsten vor aller Welt zur Schau zu stellen, so dass ihm überall, wohin er sich wendet, nur die kalte Schulter gezeigt wird? Sind Menschen mit Schwächen nicht die jüngsten Seelen in der Kultur? – Und waren es nicht gerade diese, die der Welterlöser meinte, als er sagte, dass, was ihr diesen Geringsten antut, das tut ihr mir, genauer gesagt Gott, an?
6. Wenn der Fehler des Nächsten zur Sensation und zu Geld gemacht wird
Warum sollen alle Menschen an den Pranger gestellt werden? – Warum sollen alle Menschen darüber Bescheid wissen, dass der eine oder andere diesen oder jenen Fehler hat? Es kann nie und nimmer ein Ausdruck von Kultur oder mentaler Hygiene sein, auf der Jagd nach den Fehlern anderer zu sein, um sie zur Sensation und zum Objekt der Jagd nach Profit zu machen. Wird eine solche Einkommens- und Reichtumsquelle auf diese Weise nicht zu Judasgeld und Judasmentalität?
Mentale Hygiene kann allein darin bestehen, nur Gutes über seinen Nächsten zu sagen. Und wenn es nichts Gutes über diesen Nächsten zu sagen gibt, muss man lernen zu verstehen, dass es eben nichts zu sagen gibt. Es muss genügen, wenn diese dunklen Seiten des Nächsten in den Journalen von Polizei und Justiz registriert sind. Sie zu verkaufen, zu verbreiten und diese Verbreitung darüber hinaus zu seinem Broterwerb zu machen und sich mit dem Namen "öffentliche Meinung" zu schmücken, bedeutet, die Kultur mit mentalen Krankheiten zu infizieren.
Wie kann sich die Nächstenliebe ihren Weg durch die faulenden Dämpfe dieses Klatsches zu dem ohnehin schon mit mentalen Schwächen behafteten Wesen bahnen? Wäre die Welt voller Engel, wäre diese Art der Nachrichten über unseren Nächsten großartig, denn sie würden diese Engel dazu inspirieren, dem aus dem Gefängnis entlassenen Verbrecher zu helfen, aber die Welt ist nicht voller Engel. Sie ist vielmehr voll von Wesen, deren richtiger Name Pharisäer ist und die Gott dafür danken, dass sie nicht so ein Verbrecher, so ein Hurenbock, Dieb oder Räuber sind und die sich freuen, den Zeitungen oder der öffentlichen Meinung mit noch mehr Informationen über die Unzulänglichkeiten und Fehler von diesem und jenem zu helfen. Solange die öffentliche Meinung in Form der Presse eine Lebensform ist, die auf der Verbreitung unvorteilhafter Informationen über unseren Nächsten beruht, ist diese Presse ein Infektionskanal für einen mentalen Unterminierungsstrom der Kulturschöpfung und der Schaffung von Frieden und Sicherheit, von Geborgenheit und Wohlbefinden.
Das Manuskript endet mit diesen Worten:
Der Weg zur mentalen Gesundheit führt nur über das Verstehen des Nächsten und nicht über die Vermehrung des Wissens um seine Fehler.
Lass den Reinen den ersten Stein werfen.
Anmerkung
* Personen, die während des Ersten Weltkriegs durch den Export von minderwertigen Lebensmitteln (z. B. Gulasch) nach Deutschland und seine Verbündeten schnell reich wurden. Übertragene Bedeutung: Personen, die insbesondere auf unredliche Weise oder auf Kosten anderer schnell reich werden.
Der Artikel ist die Wiedergabe eines unvollendeten Manuskriptes, das Martinus als Vorbereitung für einen Vortrag am Sonntag, den 7. Mai 1950 im Martinus-Institut schrieb. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Torben Hedegaard. Vom Rat gutgeheißen am 29.03.2023. Artikel-ID: M1669. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2025-1: Vincent Stadlmair.
Der Artikel ist eines von vielen Beispielen für die Vortragsmanuskripte, die Martinus zur Vorbereitung seiner Vorträge schrieb. Der Rat möchte, dass möglichst viele der noch unveröffentlichten Texte von Martinus publiziert werden, darunter auch ein Text wie dieser, den Martinus nicht im Nachhinein fertiggestellt und redigiert hat. Dieser Text sollte daher als Einblick in die Art und Weise betrachtet werden, wie Martinus seine Vorlesungen schriftlich vorbereitete, und nicht als solcher mit den Texten verglichen werden, die er zu einem anderen Zweck geschrieben und selbst fertig ausgearbeitet hat.

© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk

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