M1908
Pilatus und Simon von Kyrene
Von Martinus
1. Jesus bei Pontius Pilatus
Wir kennen den biblischen Bericht, der von der Kreuzigung Jesu handelt, und worin zum Ausdruck kommt, dass Jesus von Pontius Pilatus, dem Stellvertreter des römischen Kaisers in Palästina, verurteilt wurde. So, wie nahezu alle die übrigen biblischen Berichte historische Ereignisse sind, die eine höhere okkulte Wahrheit zum Ausdruck bringen, so verbirgt sich auch hinter dem Bericht über Jesus bei Pilatus am Karfreitag Morgen eine große okkulte Wahrheit. Abgesehen davon, ein historisches Ereignis zu sein, ist dieser Bericht somit zusätzlich ein Symbol für die Beziehung der gesamten Menschheit zur absoluten Wirklichkeit oder Wahrheit.
Pilatus ist nicht bloß der römische Vizekönig in Palästina vor ungefähr zweitausend Jahren. Pilatus ist der Ausdruck für alle unfertigen oder uneingeweihten Menschen. Pilatus war ein Mensch in der Situation, in die der große intellektuelle Teil der Menschheit heute geraten ist. Er war nicht irgendeiner bestimmten Religion verbunden. Er sah, dass die Juden ihre Auffassung von der Wahrheit hatten. Er sah, dass die Griechen ihre besondere Auffassung von der Wahrheit hatten. Er sah, dass alle religiösen Bewegungen jeweils ihre eigene Auffassung und Auslegung der ewigen Wahrheit hatten und damit die Wahrheitsauffassungen aller übrigen Bewegungen für fehlerhaft und unwirklich erklärten.
Es war daher nicht so verwunderlich, dass er seine berühmte Frage an den Welterlöser stellte: "Was ist Wahrheit, bist du der König der Juden?" – Jesus antwortete: "Sprichst du das aus dir selbst, oder haben es dir andere gesagt?" – Da antwortete Pilatus: "Bin ich ein Jude? – Dein Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?" – Jesus antwortete: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt, wäre mein Reich von dieser Welt, so hätten meine Diener für mich gekämpft, dass ich nicht den Juden ausgeliefert worden wäre; aber nun ist mein Reich nicht von dieser Welt." Da sagte Pilatus zu ihm: "So bist du dennoch ein König?" – Jesus antwortete: "Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Wer aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme." Pilatus sagte: "Was ist Wahrheit?" – Und als er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: "Ich finde keine Schuld an ihm."
Er schlug ihnen vor, Jesus freizulassen, weil es Brauch war, aus Anlass des Osterfestes einen Gefangenen freizulassen, aber sie schrien, dass sie Barnabas frei haben wollten.
2. Pilatus als Symbol für alle Wahrheitssucher
Pilatus wurde zum Ausdruck für den modernen intellektuellen Menschen, der den Dogmen entwachsen ist und deshalb an nichts mehr glaubt. Aber er war von Jesus fasziniert und sah, dass er unschuldig war. Es widerstrebte ihm sehr, ihn zum Tode zu verurteilen. Er spürte, dass jener in Wirklichkeit weit über die Juden erhaben war. Er war wirklich deren König. Pilatus versuchte, eine Verurteilung zu vermeiden. Er war hiermit eigentlich ein beginnender Jesus-Anhänger. Aber er war noch nicht so sehr mit Jesus oder der Wahrheit eins, dass er etwas von seiner eigenen Position opfern wollte, um ihn zu befreien. Als er die Wahl hatte, ihn entweder zum Tode zu verurteilen oder seine Stellung zu verlieren, opferte er Jesus.
Es ist diese seine mentale Einstellung und Beziehung zur Wahrheit oder zu den höchsten Problemen des Daseins, die ihn zum Symbol für alle anderen Wahrheitssucher oder uneingeweihten Menschen macht. Alle Geistesforscher, alle Wahrheitssucher oder alle die Wesen, die den Dogmen entwachsen sind und anfangen, sich mit der Geisteswissenschaft zu beschäftigen und in ihr den "König der Juden", d.h. die absolute Wahrheit sehen, sind alle "Pilatusse". Sie bekamen die Macht, dieses Neue beurteilen zu können. All jene, für die meine kosmischen Analysen oder die Geisteswissenschaft den höchsten Ausdruck der Wahrheit bedeuten, die aber dennoch, wenn es darauf ankommt, die Wahrheit oder den König der Juden zum Tode verurteilen, wenn es darum geht, dass es ihnen große Unannehmlichkeiten bereiten kann, diese Wahrheit zu verteidigen, und sie sogar ihre Position und das Ansehen, das sie in ihrem Umfeld zu besitzen gewöhnt sind, verlieren könnten – sie alle hängen den König der Juden, die absolute Wahrheit, ans Kreuz, sind "Pilatusse" im ersten Entwicklungsstadium.
3. Simon von Kyrene
In Simon von Kyrene haben wir einen "Pilatus" in einem späteren Entwicklungsstadium. Hier sehen wir einen Menschen, der für Jesus das Kreuz tragen will, was es auch kosten mag, das heißt, er nimmt alle Widrigkeiten auf sich, anstatt die Wahrheit zum Tode zu verurteilen. Er würde lieber selbst sterben, als die Wahrheit zum Tode zu verurteilen. Simon von Kyrene ist der Mensch, der an der Schwelle zur Einweihung steht. Alle Apostel wurden zu "Simon von Kyrene". Sie starben alle für ihren Glauben an Jesus, mit Ausnahme von Johannes, der der Kreuzigung entgehen durfte. Er war sogar noch weiter voraus, er war die inkarnierte Liebe. Kindlein lieben einander.
Das Manuskript endet mit diesen handgeschriebenen Worten:
Christus und Barnabas im Innern des Wesens selbst und es selbst als Pontius Pilatus.
Das maschinengeschriebene Manuskript endet abrupt mit dem letzten Satz "Kindlein lieben einander", der nicht ohne weiteres mit dem Rest des Absatzes zusammenhängt. Das Martinus-Institut will das Manuskript jedoch so veröffentlichen, wie Martinus es geschrieben hat. Deshalb mag ihn jeder – wie alles andere, was Martinus geschrieben hat – selbst deuten.*
Anmerkung
* AdÜ.: Der Kirchenvater Hieronymus erzählte vom Apostel Johannes, dass er sich als alter Mann in die Gemeinde tragen ließ, um auszurufen: "Kindlein, liebet einander!" Als er gefragt wurde, warum er immer wieder das Gleiche sage, soll er geantwortet haben: "Es ist das Gebot des Herrn, und wenn es befolgt wird, ist es genug." Aus dem dänischen Wikipedia-Artikel zum Apostel Johannes.
Der Artikel ist die Wiedergabe eines nicht abgeschlossenen Manuskripts, das Martinus als Vorbereitung für den Vortrag im Martinus-Institut am Sonntag, den 25. Mai 1952 geschrieben hat. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Torben Hedegaard. Vom Rat bestätigt am 20.3.2023. Der Artikel war zuvor noch nicht im dänischen Kosmos erschienen. Artikel-ID: M1908. Übersetzung: Vincent Stadlmair für den deutschen Kosmos 2025-1.
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