M2052
Die Wahrheit oder Ehrlichkeit
Von Martinus
1. Die Unwahrheit ist die erste und tiefste Krankheits- und Leidensursache des Lebewesens
Die Mentalität oder Gedankensphäre eines jeden Lebewesens kann nur aus zwei Dingen bestehen: "Wahrheit" und "Unwahrheit", die wiederum dasselbe sind wie Ehrlichkeit und Unehrlichkeit. Während erstere Erscheinung gleichbedeutend ist mit den "richtigen" Vorstellungen über das Lebewesen selbst und die Wesen und Dinge, die es umgeben, stellt letztere die "verkehrten" Vorstellungen über dieselbe Umgebung, dieselben Wesen und Dinge dar. Da die "verkehrten" Vorstellungen das Fundament für jegliche Erzeugung von Disharmonie darstellen, ja, da irgendein Schmerz oder Leiden ganz unmöglich anders als aufgrund von "Unwahrheit" (verkehrten Vorstellungen) entstehen und aufrechterhalten werden kann, ist die "Unwahrheit" somit die erste und tiefste Krankheits- oder Leidensursache des Lebewesens.
2. Die Wahrheit ist das absolut erste und tiefste Heilmittel
Da im Gegensatz dazu die absolut richtigen Vorstellungen das Fundament für jede Form von Harmonie, Gesundheit und normaler Lebensfreude darstellen, und es somit ganz unmöglich ist, sich diese Dinge ohne jenes Fundament anzueignen, wird die "Wahrheit" somit zum ersten und tiefsten "Heilmittel" für das Lebewesen.
3. Wahrheit und Unwahrheit sind zwei tiefgreifende und ernst zu nehmende schicksalsbestimmende Kräfte
Da diese beiden Erscheinungen derart tiefgreifende und ernst zu nehmende schicksalsbestimmende Kräfte sind, wäre es naheliegend anzunehmen, dass jeder Mensch auf der Erde sein Leben ausschließlich der Aneignung der "Wahrheit" weihen und sich dadurch gegenüber allen Störungen, die das Lebenserleben beeinträchtigen, immun machen würde, so wie man gleichermaßen annehmen müsste, dass man sich nur mit kolossaler Vorsicht an die "Unwahrheit" heranwagen würde. Aber so gestaltet sich das tägliche Leben des Erdenmenschen ganz und gar nicht. Tatsache ist, dass die "Wahrheit", dieses wundersame Heilmittel, diese göttliche Aladin-Lampe und die daraus resultierende Wunderheilung, nicht etwas ist, das man in größeren oder kleineren Mengen in der Apotheke kaufen kann, sondern etwas, das man nur ganz oben auf den höchsten und steilsten und unzugänglichsten mentalen Felsvorsprüngen finden kann, die über tiefe Abgründe hinausragen, während die "Unwahrheit" so leicht zugänglich ist, dass sie hier im Tierreich, wo die erdenmenschliche Zone noch beheimatet ist, sozusagen aus tausend Quellen, Bächen und Flüssen fließt.
4. Die Lüge ist für die Existenz gewisser Tiere eine Lebensbedingung
Die Unwahrheit kostet absolut nichts. Sie ist ein Ozean, ein Element, von dem sich manche Lebewesen ebenso schwer befreien können, wie sich der "Fisch" von dem Wasser, in dem er lebt und atmet, befreien kann. Was sind die Krallen und scharfen Zähne des Tigers anderes als angeborene Werkzeuge, um einen realistischen, bluttriefenden Gegensatz zur wirklichen Wahrheit oder Harmonie des Lebens, die wir "Liebe" nennen, zu bilden? – Und ist es nicht diese Harmonie oder Liebe, die jenes Leben aufgebaut hat, die jene Muskulatur, jene Adern, jene Nerven, die den schönen und geschmeidigen Körper geschaffen hat, der auf leichten Füßen jung und fröhlich durch den Wald sprang, aber nun von der im Raubtier verkörperten Herrschsucht der Unwahrheit, gerissen und verschlungen wird. War nicht der Angstschrei dieses unglücklichen Tieres der erste Schrei nach Schutz, der seinerseits wiederum nur das Gegenteil von Unglück oder Disharmonie sein kann, nämlich Harmonie, die wiederum nur die Wahrheit sein kann. Sind die Streifen des Tigers, die Flecken des Leoparden und die Farben des Chamäleons nicht direkte, echte Organe der Lüge? – Sollen sie ihrer Umgebung nicht eine falsche Wirklichkeit vorgaukeln? – Sollen sie nicht die Umgebung glauben machen, dass sie Bäume, Sträucher, Äste, Schatten oder andere Phänomene sehen, anstelle von dem, was sie in der betreffenden Situation wirklich sehen, nämlich die Körper dieser Tiere? – Und sind diese Fähigkeiten des Lügens für die Existenz dieser Tiere im Element der Unwahrheit nicht ebenso lebensbedingend oder notwendig geworden, wie die Flossen und Kiemen der Fische eine Notwendigkeit für das Leben dieser Geschöpfe im Wasserelement sind? –
5. Der Erdenmensch kann auf mehr Arten und auf genialere Weise lügen als das Tier
Und wie steht es mit den Erdenmenschen? – Haben sie nicht in noch stärkerem Maße dokumentiert, dass ihre Existenz diesem blutigen Element der Unwahrheit beheimatet ist? – Haben sie nicht längst die gewöhnliche Bewegungsfreiheit der Tiere in diesem Element übertroffen? – Wer kann auf mehr Arten und auf genialere Weise lügen als der irdische Mensch? – Sind sie nicht die gefährlichsten Wesen dieses Elements? – Was sind die eingebauten Unwahrheitsorgane der Tiere, die Streifen, Flecken und Farben neben den Vervielfältigungsorganen der Unwahrheit, die die Erdenmenschen entwickelt haben oder besitzen? – Ja, ist es nicht sogar so, dass die Tiere in der Regel nur in Situationen der Not oder Lebensbedrohung Unwahrheit entfalten, wohingegen die Erdenmenschen die Lügenatmosphäre in einem weiten Umkreis von Situationen entfalten, wo dies nicht im Geringsten für ihre Existenz oder ihr Wohlergehen erforderlich ist? Man lügt, um sich zu rächen, um die, die man nicht leiden kann, zu verfolgen und zu verletzen, und man lügt, um denen zu gefallen, die man liebt und deren Gunst man sehr gerne besitzen möchte. Man lügt aus Eitelkeit und man lügt, um Erfolg zu haben. Man lügt, um der Welt zu zeigen, was für ein Held man ist, ebenso wie man lügt, um zu zeigen, was für ein Märtyrer man ist. Man lügt, um bei einigen Wesen Tränen, Kummer und Gram hervorzurufen, und man lügt, um das Gleiche von anderen abzuwenden. Man lügt, um sich vorzudrängen und die Stellung, das Brot und das Einkommen seines Nächsten zu erobern, und man lügt, um seine Lügen zu vertuschen.
6. Die Atmosphäre der Unwahrheit in der Welt der Werbung
Und diese ganze Atmosphäre der Unwahrheit wird durch Tausende Tonnen von Papier und Tinte, Farben und Bildern als ein unaufhörlicher, suggestiver Strom von Büchern, Magazinen und Zeitschriften übertragen, hallt durch das Radio über Kontinente und Meere und flimmert in Filmen vor Millionen von Zuschauern in den Kinos der ganzen Welt. Ja, die Unwahrheit ist noch immer ein überwältigender Ozean, in dem der Erdenmensch lacht, weint und sich auf geniale Weise tummelt. Und dieser Ozean der Unwahrheit hat seine Stürme, seine Brandung, aber auch seinen ruhigen und schönen Meeresblick wie andere Ozeane. Wir kennen diesen Meeresblick auf die Oberfläche des Ozeans der Unwahrheit in Form der prachtvollen Neonreklamen der Großstädte. In strahlenden, prächtigen und ungeheuer kostspieligen, Millionen verschlingenden Installationen mit wechselnden Variationen von Figuren, Farben, Strichen und Linien, leuchtend und funkelnd hoch oben an den Fassaden, Giebeln, Türmen und Kuppeln von Geschäftspalästen und Finanztempeln, erzählt man uns, wie ungeheuer man sich geopfert hat oder sich hat kreuzigen lassen, um den Kunden die Waren für weit, weit unter ihrem wahren Wert schon fast zu schenken. Und wiederholt sich das gleiche Spiel nicht in den teuer produzierten Werbefilmen der Firmen, die jedem Kino- oder Theaterbesucher aufgedrängt werden? – Muss man nicht vor jeder Vorstellung eine kleine Dosis der Botschaft vom kolossalen Edelmut dieses oder jenes Unternehmens gegenüber seinen Kunden bekommen? Ja, ist es nicht so, dass wir, wenn wir die Welt nur aus der Werbung für diese Produkte kennen würden, glauben müssten, wir befänden uns bereits im vollkommenen Menschenreich, in dem die Nächstenliebe der alles beherrschende Faktor ist? Würde man sich nicht im Stillen über eine Welt mit solch selbstlosen Millionenunternehmen freuen, deren einzige Aufgabe darin besteht, ihre Kunden mit den von ihnen benötigten Waren oder Konsumgütern fast völlig oder zumindest teilweise kostenlos zu versorgen? – Wer sollte glauben, dass diese lächelnde, kostbare, farbenfrohe, kunstvolle Oberfläche die Streifen des Tigers, die Flecken des Leoparden und die Farben des Chamäleons sind, die nun in einer höheren und genialeren Form im Dienste der Unwahrheit zur Entfaltung kommen? Wer würde glauben, dass sich unter dieser leuchtenden und funkelnden Oberfläche manchmal der Ruin anderer, der Missbrauch der Arbeitskraft und der Geistesfähigkeiten tausender anderer Wesen, ihre Erniedrigung, Armut, ihr Schweiß, Schmutz und Untergang verbergen können? –
7. Der Gegensatz der Unwahrheit zur strahlenden Harmonie der vollkommenen Schöpfung
Aber auch der Ozean der Unwahrheit hat seine stürmische Oberfläche und Untiefen. Was denkt man über die Schrecken und Grausamkeiten des Krieges, seine Bombardierungen, seine dröhnenden Kanonen, die Zerstörung von Städten, den Untergang von Reichen, die Verstümmelung von Menschen und Tieren, kilometerlange Soldatengräber und das Leben in Trümmern und Granattrichtern, und die daraus resultierenden Krankheiten, Epidemien, Gesetzlosigkeit, Unmoral, Raub, Plünderung usw.? – Glaubt man nicht, dass das ein Gegensatz zu der strahlenden Harmonie ist, welche die vielen, jetzt aber verstümmelten Körper aufgebaut hat, die dafür berechnet waren, ein perfektes Leben auf einem Planeten zu führen, den dieselbe Macht auch schon längst mit hervorragenden Lebensbedingungen für mindestens doppelt so viele Menschen ausgestattet hat, wie jetzt auf ihm leben? –
Das Manuskript endet mit diesen Worten:
Wie man Wahrheit und Unwahrheit dokumentiert. Die Vollkommenheit der Organismen und ihre Zerstörung durch Verstümmelung und Mord.
Zerstörung und Disharmonie sind die "Unwahrheit" und Aufbau und Harmonie sind Wahrheit.
Die Wirkungen der Unwahrheit werden z. B. im Rechnungswesen und den "weißen Lügen" dokumentiert. Jedes Lebewesen ist eine Zahl in der großen Buchhaltung des Lebens. Eine falsche Zahl zu sein – sich selbst falsch zu beurteilen – ergibt ein falsches Bild des Nächsten und der Umgebung. Nur durch die Wahrheit kann man dahin kommen, die große Wahrheit zu erleben. – Und nur indem man sich von der Umklammerung der Lüge dadurch befreit und reinigt, dass man die Wahrheit zu einer absoluten Gewohnheitsfunktion in der eigenen Seele macht, kann der göttliche Wille, "es werde Licht" in Fülle geschehen.
Der Artikel ist die Wiedergabe eines nicht abgeschlossenen Manuskripts, das Martinus als Vorbereitung für den Vortrag im Martinus-Institut am Sonntag, den 27. Februar 1944 geschrieben hat. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Ole Therkelsen. Vom Rat gutgeheißen am 31.10.2008. Erstmalig im dänischen Kosmos Nr. 4, 2009 erschienen. Artikel-ID: M2052. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2025-1: Vincent Stadlmair.
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
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