M2185
Die Vergebung der Sünden
Von Martinus
1. Die "Vergebung der Sünden" ist ein kosmischer Wendepunkt
Die kosmischen Analysen machen es demjenigen, der sie studiert klar, dass jeder Mensch die Ursache seines eigenen Schicksals ist. Was einem widerfährt, hat man verdient, man ist an allem selbst schuld, und deshalb kann der Studierende leicht den Eindruck gewinnen, dass das Konzept der "Sündenvergebung" sinnlos ist. Gibt es so etwas wie die "Vergebung der Sünden"? Das gibt es durchaus, und es ist ein Prinzip, ohne das der Kreislauf nicht weitergehen könnte. Es muss einen Punkt in einer kosmischen Entwicklungsspirale oder einem Spiralkreislauf geben, an dem das Wesen von der Finsternis zum Licht übergeht, und das ist genau der Punkt, den die "Vergebung der Sünden" darstellt. Gäbe es die Sündenvergebung nicht, müsste der Kreislauf zum Stillstand kommen. Ein kosmischer Spiralkreislauf besteht aus zwei großen Kontrasten, der Finsternis und dem Licht, die jeweils in ihrer Hälfte der Spirale kulminieren, aber natürlich muss es einen Übergang von der Finsternis zum Licht geben, eine Periode, in der das Lebewesen vom Karma der Finsternis frei werden kann.
2. Das dunkle Karma der Vergangenheit
Wenn sich die Erdenmenschen daran gewöhnen, das Gute zu tun, beginnen sie damit auch, sich ein helleres Schicksal zu erschaffen, was ja bedeutet, dass sie beginnen, einen Zustand zu erschaffen, in dem es keine "Sünden" mehr zu "vergeben" gibt. Aber das Lebewesen sendet nicht nur in der Gegenwart Gedanken und Handlungen aus, die die Ursache für das Schicksal sind, das es in der Zukunft ernten wird. Es hat auch in der Vergangenheit Gedanken und Handlungen ausgesandt, die nicht nur heute sein Schicksal bilden, sondern weit in die Zukunft hinein, und da alle Menschen in der Vergangenheit größere Banditen waren als sie es heute sind, haben sehr viele Menschen noch eine Menge dunkles Karma zu erwarten. Auch die Menschen, die heute keinen Mord begehen wollen, waren in früheren Inkarnationen einmal Mörder, nicht nur einmal, sondern viele Male; das ist eine Entwicklungsstufe, die durchlebt werden muss. Wenn ein Mensch einen Mord begeht, geschieht kosmisch gesehen dies, dass sich die Energiekonzentration – nachdem sie sich durch das Bewusstsein des Mörders in physischer Materie entfaltet hat – in geistige Materie verwandelt, die sich als Teil des Ewigkeitskörpers des Mörders durch den Weltraum bewegt und früher oder später zu ihrem Urheber zurückkehrt, wo sie sich in einem Mord an diesem auslöst. Was aber, wenn die Gedanken, die Einstellung und Wesensart des Mörders heute völlig anders sind als damals in der Vergangenheit, als der Mord begangen wurde? Was ist, wenn er es heute absolut nicht mehr über sich bringt, zu töten – weder einen Menschen noch ein Tier? Dann ist es doch unnötig, ja sinnlos, dass er das Opfer eines Mordes wird.
3. "Sünde" und "Gnade"
Um den Begriff "Vergebung der Sünden" zu verstehen, muss man sich klar machen, was Sünde ist. Wir müssen, um dies zu verstehen, an ferne Zeiten zurückdenken, als die Menschen in einer primitiveren Gesellschaftsform lebten. Wenn ein Mensch etwas gegen ein anderes Wesen begangen hatte, musste er für seine Sünde büßen. Dieses Prinzip entwickelte sich zum Gesetz "Auge um Auge, Zahn um Zahn", das in erdenmenschlichen Gesellschaften lange Zeit galt. In bestimmten Fällen konnte die richterliche Gewalt "Gnade vor Recht" walten lassen, wodurch sie dem Sünder "Vergebung der Sünden" gewährte. Da die Menschen die Richter, seien es Häuptlinge, Könige oder Beamte, als von Gott eingesetzt und als Repräsentanten der Gottheit selbst betrachteten, war es Gott, der durch seine Werkzeuge die Vergebung der Sünden gewährte, und dieses Prinzip wurde später zum Dogma in der christlichen Religion. Durch den Glauben, dass Christus mit seinem Tod am Kreuz die Sünden der Menschen gesühnt und mit seinem Blut "bezahlt" hat, sollten die Menschen erreichen können, dass der strenge Gott Gnade an die Stelle der Gerechtigkeit treten lässt und dem Menschen seine Sünden vergibt.
Solange die Menschen mit einem solchen Glauben leben und sterben konnten, war es für sie auch vollkommen in Ordnung, aber heute sind viele Menschen über diesen blinden Glauben hinausgewachsen. Viele halten es für eine veraltete Denkweise, dass Gott das Leiden eines unschuldigen Wesens wünscht, um sein Verlangen nach Strafe und Rache zu stillen und Gnade vor Recht walten zu lassen. Und das ist auch ein veraltetes Denken. Dies kann Menschen dazu bringen, den Begriff "Vergebung der Sünden" überhaupt als veraltet und sinnlos anzusehen, und es ist deshalb wichtig, die kosmische Bedeutung dieses Begriffs erklärt zu bekommen, denn es ist eines der wichtigsten Themen für die gesamte irdische Menschheit in der Situation, die sie jetzt erlebt und in naher Zukunft erleben wird.
4. Säen und ernten oder das Karmagesetz
Aus kosmischer Perspektive betrachtet, ist das, was man "Sünde" nennt, eine Handlung, die aus Unwissenheit begangen wird, weil man die kosmischen Gesetze nicht kennt. Im großen Weltenplan existiert sie als Kontrast zum Licht, und Licht und Finsternis erscheinen als ein "Kunstwerk", wobei die "Sünde" den dunklen Farben ähnelt, die als Kontrast zu den hellen Farben benötigt werden. Damit der Kreislauf vollkommen sein kann, muss es jedoch einen Punkt geben, an dem das Individuum nicht mehr durch die Rückkehr der dunklen Schicksalswellen belehrt werden muss. Dieser Punkt ist erreicht, wenn das Wesen genügend Wissen über die Finsternis und ihre Wirkungen hat. Dann ist die Dunkelheit zu einem Hintergrund für die Entfaltung des Lichts geworden. Denn es handelt sich nicht darum, dass Karma eine Strafe ist, wie manche Menschen glauben, es ist vielmehr eine Belehrung. Es ist keine Strafe, ein finsteres Schicksal zu bekommen, es ist ein Unterricht, den jeder Erdenmensch auf seinem Weg zum Licht annehmen muss. Ein Wesen kann nicht einen einzigen Augenblick lang existieren, ohne zu begehren und zu wünschen, und diese Wünsche werden zu auslösenden Ursachen für Handlungen, die Erfahrungen bringen, wenn sie einmal als die Ernte dessen, was wir gesät haben, zurückkehren. Wenn aber das Lebewesen die notwendigen Erfahrungen dafür geerntet hat, dass es zum Beispiel weder Menschen noch Tiere töten darf, dann gibt es ein kosmisches Schutzgesetz, das bewirkt, dass das Wesen, das einen Wendepunkt in seiner Entwicklung überschritten hat, davor geschützt ist, getötet zu werden.
5. Das Gesetz des kosmischen Schutzes
Was ein Erdenmensch heute ist, ist das Ergebnis der Handlungen, die er in der Vergangenheit begangen hat, und der Erfahrungen, die er dadurch gemacht hat. Seine Wünsche, Sehnsüchte und Begehren sind zu Gedanken geworden, die zu Handlungen geführt haben, die früher oder später als Schicksalswellen zu ihm zurückkehren und Erfahrungen bringen. Es sind immer eine Menge Schicksalswellen auf dem Weg zu jedem einzelnen Menschen, und jeder würde weit in die Zukunft hinein unendlich viel Leid, Schmerz und Unglück erfahren, wenn nicht das kosmische Prinzip der "Sündenvergebung" als universelles Gesetz beim Übergang von der Finsternis zum Licht wirksam wäre. Die Erfahrungen, die ein Mensch macht, verändern allmählich seinen Gedankengang, seine Wünsche und sein Verhalten, was damit gleichbedeutend ist, dass sich die gesamte Ausstrahlung dieses Wesens ändert. Wenn der Mensch beginnt, anders zu denken als vorher, verwandelt sich seine Aura, was natürlich nicht mit physischen Augen, sondern nur mit geistigem Blick gesehen werden kann. Die Aura eines Menschen zeigt dem kosmischen Klarsehen den Entwicklungszustand dieses Menschen. Die Aura hat eine bestimmte Qualität, und diese Qualität entscheidet darüber, ob die zurückkehrenden Schicksalswellen hereinkommen können oder nicht. Die Schwingungen der Aura sind in Wirklichkeit der einzige Schutz des Lebewesens, der auf die Schicksalswellen anziehend oder abstoßend wirken kann. Eine dunkle Aura bewirkt, dass das Wesen die finsteren Taten, die es begangen hat, selbst anzieht. Wenn es hasserfüllt ist, hat es keinen Schutz vor Hass, wenn es klatschsüchtig ist, wird es Klatsch und Verleumdung durch andere erfahren. Wenn es zu Selbstbehauptung auf Kosten anderer neigt und noch nicht völlig frei von einer solchen Wesensart ist, wird es auf Menschen treffen, die ein enormes Bedürfnis nach Selbstbehauptung haben. Nur auf diese Weise kann das Wesen die Auswirkungen seiner eigenen früheren Wesensart erkennen. Es wird mit den Auswirkungen von Verleumdung, Rache, Selbstbehauptung und anderen dunklen Gedankenarten so ausgiebig bekannt gemacht, dass es mit seiner eigenen Wesensart solche Wellen abstößt, von denen es nun so viel weiß, dass es den Kontrast dazu in Gedanken und Handlungen erschaffen will und kann.
6. "Verdünnter Mord"
Die "Vergebung der Sünden" besteht darin, dass zurückkehrende Schicksalswellen das Individuum nicht treffen können oder nur mit verminderter Kraft treffen, weil sie durch die verwandelte Aura mehr oder weniger aufgelöst werden. Wenn ein Mensch, der in der Vergangenheit einmal Menschen ermordet hat, also ein Mörder war, immer noch eine Schicksalswelle für einen solchen Mord ausstehen hat, aber in der Zwischenzeit aufgrund des Eintreffens anderer Schicksalswellen so viel Leid erfahren und ein solches Mitgefühl entwickelt hat, dass er nicht mehr in der Lage ist, einen anderen Menschen zu ermorden, wird es niemanden mehr geben, der ihn ermordet. Wenn er aber immer noch absichtlich ein Tier töten kann, ist er nicht vor seinem dunklen Karma geschützt, wenn es auch auf eine andere Weise wirken wird. Vielleicht bringt er es nicht übers Herz, selbst ein Tier kaltblütig zu töten, aber er isst tierische Nahrung und ist damit indirekt Ursache für das Leiden und den Tod vieler Tiere, dann ist er auch nicht vollständig vor seinem alten Karma geschützt, wenn auch die Wirkung hier anders sein wird, z. B. mangelnder Schutz bei Verkehrsunfällen, bei denen die Ursache für das Ereignis ja auch keine vorsätzliche und kaltblütige Tat ist. Schließlich kann man auch von "verdünntem Mord" sprechen. Wenn ein Mensch von einer "Mordwelle" aus der Vergangenheit getroffen wird, aber vor ihrer direkten mörderischen Wirkung geschützt ist, weil er überhaupt nicht mehr in der Lage ist, bewusst ein Lebewesen zu töten, kann er dennoch die Wirkung der "Mordwelle" als "verdünnten Mord" erleben, bis sein Gewissen und sein Einfühlungsvermögen auch in diesem Punkt ausreichend entwickelt sind – und erst dann wird die Schicksalswelle vollständig neutralisiert sein. Aber was ist dann "verdünnter Mord"?
Überall da, wo ein Mensch es noch fertigbringt, einen anderen in Wort und Tat zu verletzen, wo er betrügen, lügen oder auf andere Weise anderen Kummer, Schmerz, Leid und Not zufügen kann, tötet er immer noch einen Teil der Lebensfreude und des Glücks anderer Menschen und begeht damit "verdünnten Mord". Solche Handlungen erzeugen, wenn sie zurückkehren, nicht nur selbst Karma, sondern sie können, solange man sie begehen kann, bewirken dass man nicht vollständig vor den Karmawellen der Vergangenheit geschützt ist, auch wenn man ihren Wirkungen vielleicht nur in "verdünnter" Form ausgesetzt ist. Aber natürlich sind auch diese Wirkungen eine Lehre, die bewirkt, dass das Wesen, wenn einmal die Schicksalswellen seiner "verdünnten Morde" zurückkehren, in diesen Bereichen "Vergebung der Sünden" erlangt hat, was ja eigentlich bedeutet, dass auch dieses dunkle Gedankenklima zu einem mentalen Bereich gehört, den das Bewusstsein des Wesens verlassen hat.
7. Die Qualität der Aura ändert die Quantität des dunklen Karmas
Da die irdischen Menschen in der Kulminationszone des tötenden Prinzips leben, kann es vorkommen, dass sie töten, ohne es zu wollen. Wenn man beispielsweise über eine Wiese geht, kann man leicht Tiere und Pflanzen töten, auch wenn man nur die Absicht hat, seine Mitmenschen zu erfreuen. Es macht einen Unterschied, ob man bewusst ein Tier zertritt, oder ob es geschieht, ohne dass man es auf irgendeine Art beabsichtigt hat. Wir haben so viele Tausende von Kleintieren totgetreten, dass wir niemals aus der Zone des tötenden Prinzips herauskämen, wenn wir das alles auf Heller und Pfennig zurückzahlen müssten. Und wenn beispielsweise ein Napoleon oder Hitler, die jeder auf seine Weise für den Tod vieler Menschen verantwortlich sind, alles zurückzahlen müssten, würden sie niemals fertig werden. Aber sie werden wie alle anderen Erdenmenschen mit der Zeit ihre Aura aufgrund des Schicksals, das sie ernten, verändern und "Vergebung der Sünden" erlangen. Kein Individuum wird mehr oder weniger durchmachen, als es muss, um die notwendigen Erfahrungen zu machen und Wissen über die Finsternis zu erlangen. Es gibt keine Abkürzung, man muss nur lernen, die richtigen Wege zu gehen, um das Ziel zu erreichen. Das gesamte Prinzip der Sündenvergebung tragen wir in unserem eigenen Bewusstsein, wir erfahren kein Leid dort, wo wir keine falschen Handlungen mehr begehen. Wir müssen genau die Leiden erfahren, die notwendig sind, um unser Bewusstsein zu verändern, alles andere wird vom Bewusstsein neutralisiert. Dort, wo wir dazu beitragen, Licht und Freude für andere zu schaffen, sind wir Werkzeuge der Gottheit, durch die unsere Umgebung das helle Schicksal erfahren kann, das ihr zusteht. Und wir werden es dann gleichzeitig gar nicht vermeiden können, etwas Entsprechendes in der Zukunft für uns selbst zu schaffen, das wir dank der Fähigkeit anderer Menschen, Licht und Freude für uns zu erschaffen, erfahren werden. Die Aura des Menschen soll rundum leuchtend werden und nicht mit dunklen Flecken behaftet sein, wie es bei den meisten Menschen noch der Fall ist. Dort, wo dunkle Felder in der Aura vorhanden sind, ist der Mensch noch anfällig für Gefahren, Leiden und Schmerzen. Niedergeschlagenheit kann ein Zeichen für wiederkehrende Schicksalsschläge sein, die vielleicht bis zu einem gewissen Grad, aber noch nicht ausreichend neutralisiert werden. Indem der Mensch anderen vergibt, indem er Verständnis und Rücksichtnahme zeigt, schafft er selbst den Zustand der "Vergebung der Sünden" für sich selbst. Von der Verkörperung dessen, was Christus in der Parabel vom "verlorenen Sohn" als den "Sohn, der mit den Schweinen isst", charakterisiert, wird der Mensch zum "Menschen als Abbild Gottes" verwandelt, d. h., er wird die Mentalität des Vaters selbst, der seinem Sohn entgegengeht und ihn strahlend empfängt, repräsentieren.
8. Der "verlorene Sohn" ist der Erdenmensch
Im Gleichnis vom verlorenen Sohn wurde der Menschheit ein wunderbarer Einblick in das Prinzip der Sündenvergebung gegeben. Wie alle genialen Gleichnisse enthält es eine Menge kosmischer Wahrheiten, die als Symbole hinter der wörtlichen Erzählung verborgen sind. Wir können in die Tiefe gehen und studieren, was sie uns sagen kann, wir können sehen, wie aktuell sie heute ist und wie sie den einzelnen Menschen anspricht und sich mit dem befasst, was im einzelnen Menschen vor sich geht, sowohl in seiner Vergangenheit als auch in seiner Gegenwart und seiner Zukunft.
Der Sohn, der sein väterliches Erbe beanspruchte und in ein fernes Land zog, wo er, wie man sagt, sein gesamtes Vermögen in einem ruchlosen Leben verprasste, wer ist das anderes als der Mensch unserer Zeit? Von welchem fernen Land ist die Rede? Es ist die physische Welt, in der der Erdenmensch inkarniert ist. Aber was ist das für ein väterliches Erbe, das der Erdenmensch verprasst hat? Es ist das auf kosmischen Instinkten basierende Bewusstsein, das dasselbe Wesen durch das Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich und die primitiven Stadien des Erdenmenschen getragen hat, und unter diesen Instinkten nicht zuletzt der religiöse Instinkt. Dies alles sind Auswirkungen des kosmischen Bewusstseins einer früheren Entwicklungsspirale, als der "Sohn" noch "beim Vater zu Hause" war.
Wenn ein Lebewesen aus dem Seligkeitsreich einer Entwicklungsspirale in eine neue und darüber liegende Spirale hineingleitet, um in der ewigen Entwicklung sein Bewusstsein zu erneuern, entfernt es sich vom Vater in dem Sinne, dass es sich danach sehnt, sein eigenes Leben zu leben. Das bedeutet natürlich nicht, dass sich das Lebewesen von Gott entfernt, was eine kosmische Unmöglichkeit ist, denn man kann sich nicht von demjenigen entfernen, in dem man für alle Ewigkeit "lebt, sich bewegt und existiert". Aber das Bewusstsein des Wesens entfernt sich von dem göttlichen Licht, mit dem es in so hohem Maße eins geworden ist, dass es ihm an Kontrasterfahrungen mangelt. Das Wesen würde in Eintönigkeit und einem gewohnheitsmäßigen Dasein, das kein wirkliches Dasein ist, erstarren, wenn sein Bewusstsein nicht durch den Kontrast zum Licht erneuert würde. Dieses Wesen, dessen Sehnsuchtsenergien sich einer physischen Daseinsebene nähern, auf der es Mineralmaterie bildet, ist der Sohn, der sein Erbe verlangt, um in ein fernes Land zu ziehen. Während seiner gesamten Entwicklung im Pflanzen- und Tierreich bis hin zum Zustand des Erdenmenschen verschwendet das Wesen sein Erbe, es verbraucht seine Instinkte, die allmählich degenerieren. Schließlich ist auch der religiöse Instinkt und das Gebet, das sich zunächst im Angstschrei des Tieres entfaltete und sich später zu primitiver Magie und höheren Religionen entwickelte, vergeudet und degeneriert. Der Mensch, der kein echtes Tier mehr ist, weil er begonnen hat, Intelligenz anstelle des Instinkts zu entwickeln, "frisst immer noch mit den Schweinen", was bedeutet, dass er nach den Prinzipien des Tierreichs lebt, dem Recht des Stärkeren, dem tötenden Prinzip, all dem, was im Tierreich selbst keine Sünde, sondern Natur ist, was aber im erdenmenschlichen Gemüt allmählich zu Sündenbewusstsein und Gewissen wird.
9. Die wachsende Humanität ist der Weg zum Vater
Meine Analysen sind dazu da, um zu zeigen, dass dieser "Sündenfall" nicht etwas Schreckliches ist, das nicht hätte passieren dürfen und das nur durch die Machenschaften eines Satans oder Teufels verursacht wurde. Ebenso ist es meine Aufgabe zu zeigen, dass die sogenannte Sünde nicht zu ewiger Verdammnis in Höllenqualen oder ähnlich drastischen, ja sogar sadistischen Erscheinungen führt, sondern dass der verlorene Sohn im Gegenteil aus der Finsternis, dem Schmerz und dem Leid herauskommt und zum Vater zurückkehrt, d.h., dass sein Bewusstsein durch die Erfahrungen der Finsternis erneuert wird und dass er mit diesen Erfahrungen als Hintergrund wieder das Licht als strahlende Weisheit und Liebe manifestiert. Wenn sich der irdische Mensch, wie oben erwähnt, an einem kosmischen Wendepunkt befindet, bedeutet dies, dass der "verlorene Sohn", der fortgehen und seine eigenen Erfahrungen machen musste, dadurch Wissen über die Finsternis erlangt und damit sein Bewusstsein erneuert hat und sich nun wieder dem Licht zuwendet. Aber jetzt sind nicht mehr das Erbe des Vaters, die blinden Instinkte und der blinde Glaube das Bindeglied. All dies wurde ja gerade verprasst. Jetzt sind es die eigene Erfahrung und der eigene Wille des Sohnes, die ihn sagen lassen: "Ich werde aufstehen und zu meinem Vater gehen".
Vielen irreligiösen, atheistischen und materialistisch veranlagten Menschen von heute wird es zweifellos albern vorkommen, wenn sie hören, dass sie im Begriff sind, sich Gott zuzuwenden. Sie werden vielmehr meinen, dass sie allen alten Aberglauben und damit auch ihre Beziehung zu Gott über Bord geworfen haben. Ja, die Beziehung, die auf blindem Glauben und religiösem Instinkt beruhte, haben sie über Bord geworfen. Aber in ihrem Bewusstsein geschieht etwas völlig Neues, über das sie sich noch nicht im Klaren sind. Insofern diese Menschen, die oft sehr humanistisch eingestellt sind, ihre Intelligenz und ihre schöpferischen Fähigkeiten in Übereinstimmung mit ihren humanen Gefühlen einsetzen, haben sie sich auch dem Licht und Gott zugewandt. Wenn ein Erdenmensch humaner und liebevoller wird, bedeutet das, dass er bald genug von der Dunkelheit hat. Seine Aura verwandelt sich und damit beginnt die Reise in die göttliche Welt. Der verlorene Sohn wird seelisch geadelt, das Kriegsgebiet in ihm selbst existiert vielleicht nur noch als bestimmte dunkle Flecken in der Aura, durch die er "verdünnten Mord" ernten kann, und genau diese Ernte wird vielleicht der Grund dafür sein, dass dieses Wesen mit sich und seinem Leben unzufrieden wird und zum Suchenden wird. Seine Suche wird dann nicht mehr dem alten Weltimpuls entsprechen, einen Hafen zu suchen, in dem es "gerettet" werden kann. Es wird für den neuen Weltimpuls empfänglich, für die Geisteswissenschaft, die den Menschen nicht einsperren, sondern freier machen will.
10. Seinen Feinden zu verzeihen
Als der verlorene Sohn nach Hause zurückkehrte, freute sich der Vater fast mehr über ihn als über den Sohn, der zu Hause war. Und als der zuhause gebliebene Sohn dem Vater in Eifersucht und Zorn Vorwürfe wegen dieser Beziehung machte (woraus man verstehen kann, dass er jetzt vielleicht an der Reihe ist, wegzugehen), antwortete der Vater: "Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört dir. Aber man sollte glücklich sein und sich freuen, denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden." Natürlich werden viele dies als ein Bild für eine Bekehrung von rein gefühlmäßigem Charakter auffassen, aber so etwas gehörte noch zum väterlichen Erbe, das versiegt ist. Daher fehlt dem Sohn die Fähigkeit zum blinden Glauben. Nein, es sind die Leidenserfahrungen, sein Wissen um Dunkelheit, Leid und Schmerz, die ihn dazu gebracht haben, den Weg des Vaters einzuschlagen.
Was ist denn der Weg des Vaters? Es ist der Weg, den Christus, der dieses Gleichnis erzählt hat, selbst gegangen ist, und deshalb konnte er auch sagen: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben". Das Gleichnis erzählt von diesem Weg mit den Worten: "Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und hatte großes Mitleid mit ihm und lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn." So wie der Vater den Sohn mit Freude, Vergebung und Liebe empfing, muss auch der Mensch lernen, seine "verlorenen Söhne" zu empfangen, diejenigen, die ihn verleumdet haben, ihn mit Zorn verfolgt haben, ihm mit Lügen und Betrug begegnet sind oder anderweitig das Werkzeug oder der Bote des Bösen waren. Wir können unsere Verleumder, Gerüchteverbreiter und alle sogenannten Feinde mit ihren dunklen Gedanken in die Dunkelheit hinausgehen und ihre Erfahrungen machen lassen. Aber wenn sie zurückkommen und auf andere Gedanken gekommen sind, dürfen wir nicht hart zu ihnen sein, sondern müssen bereit sein, sie mit Freude zu empfangen. Sie sind für uns nämlich der verlorene Sohn. Wir müssen all denen, die uns Böses antun, stets verzeihen. Es ist unser eigenes dunkles Schicksal, das durch sie zurückkehrt. Dadurch, dass wir auf den Anderen nicht wütend werden, schaffen wir ein neues Schicksal ganz anderer Art. Natürlich können wir nicht verhindern, dass der Andere Antipathie gegen uns hegt, aber niemand kann uns daran hindern, dem Betreffenden positive Gedanken zu schicken. Hat das wirklich eine Bedeutung? Das hat es in hohem Maße. Wir repräsentieren dann ja die Mentalität des Vaters und sind mit diesem Teil unseres Bewusstseins "Menschen als Abbilder Gottes". Zugegeben, beide Seiten müssen sich bereit erklären, einander zu vergeben, bevor der Kreislauf geschlossen werden kann, aber eines ist sicher, unsere Feinde werden zu uns zurückkommen, auch wenn es möglich ist, dass der betreffende erst in einer zukünftigen Inkarnation kommt. Wir werden nicht vergeben können, bevor er zu uns kommt. Aber es spielt keine Rolle, wann das ist, wenn wir ihm in unserem Gemüt bereits vergeben und ihm positive Gedanken geschickt haben. Dadurch sind wir ja entgegenkommend, genau wie der Vater in dem Gleichnis. Jeder, der uns verfolgt, ist in der Tat mit großer Geschwindigkeit auf dem Weg zu uns zurück, der Kreislauf ist nur noch nicht abgeschlossen. Jede Verfolgung, auch wenn sie nicht mit Waffen und Gewalt manifestiert wird, ist eine Entfaltung des tötenden Prinzips. Und das Gesetz des Schicksals wird unweigerlich dazu führen, dass der Verfolger in sich geht. Er wird früher oder später begreifen, was er angerichtet hat, wird sich nach Wiedergutmachung sehnen und deshalb zurückkommen. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mir finstere Gedanken und Hass entgegenschicken, aber das kann mich nicht davon abhalten, liebevoll an sie zu denken. Ich muss dazu nicht physisch mit dem Betreffenden zusammenkommen. In der inneren Welt ist es schön, man kann lernen, liebevoll an die zu denken, die einen nicht mögen. Es sind solche Gedanken, die die menschliche Aura hell, rund und sonnenähnlich machen. Jeder Erdenmensch hat eine ovale Aura, die allmählich runder wird. Sie kann in Disharmonie und Ungleichgewicht geraten, wenn Menschen sich zu weit oben oder zu weit unten befinden. Wenn die Ausrichtung des Bewusstseins auf Verständnis, Vergebung und Liebe beruht, stellen sich Harmonie und Gleichgewicht von selbst ein.
11. Die wirkliche Auferstehung oder die "Große Geburt"
Wir alle haben die Aufgabe, dasselbe zu tun, wie der Vater gegenüber dem verlorenen Sohn. Wir tun uns selbst einen Gefallen, wenn wir versuchen, all jene zu verstehen, die gegen uns sind. Wir müssen uns daran erinnern, dass sie, kosmisch gesehen, nicht wissen, was sie tun, sonst würden sie es nicht tun. Und nicht zuletzt dürfen wir nicht vergessen, dass sie Boten einer Belehrung sind. Sie überbringen die Botschaft von etwas, das wir selbst einmal zu tun imstande waren und in einer bestimmten Situation immer noch tun könnten. Aber wenn wir ihnen vergeben können, beginnen wir, in unserer Aura solche Schwingungen zu erzeugen, die dunkle Wellen des Schicksals in der Zukunft auflösen werden. Eines der wichtigsten Dinge, die ein Erdenmensch in dieser Welt lernen kann, ist, dass es niemanden und nichts geben kann, das man nicht leiden kann. Wenn man das einmal verstanden hat, wird es leichter, auf diejenigen zu warten, die uns verfolgen. Als Jesus gekreuzigt werden sollte, stimmte er sein Bewusstsein auf den Willen der Gottheit ein und bekam die Gelegenheit, in einer physischen, praktischen Manifestation zu zeigen, was es bedeutet, "ein Mensch als Abbild Gottes" zu sein. Er konnte sagen: "Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun." und gleich darauf: "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist." Und als Jesus durch Leiden und Tod gegangen war, erschien er in einer strahlenden Auferstehung. Er hat uns gezeigt, wie wir unser Bewusstsein einstellen sollten, um die Auferstehung zu erreichen – bereits hier im physischen Dasein! Um das zu erleben, braucht man nämlich nicht jenseits des Grabes zu sein. Die eigentliche Auferstehung ist dasselbe wie die "Große Geburt", und Sie alle werden sie irgendwann in zukünftigen Inkarnationen erleben. Diese Auferstehung bedeutet, mit dem Vater eins zu werden. Man wird dann sehen, dass alles Liebe ist, und wird es mit den Augen des Vaters sehen, weil man in Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters denkt und handelt. Und dann wird man sehen, dass das ganze Weltall eine Kulmination strahlender Logik ist. Bei diesem Anblick kann man nicht mehr hassen, und man beginnt dann erst, wie der Vater zu erschaffen. Man hat keine Wutausbrüche oder Depressionszustände mehr, die das Blut vergiften und Krankheiten hervorrufen. Man erreicht eine Harmonie zwischen Blut und Nerven, weil man Frieden in seinem Inneren geschaffen hat. Man weiß, dass, wenn eine dunkle Karmawelle kommt, sie einen nur veredeln kann und für die wir in Wirklichkeit wie Hiob dankbar sein müssen, der sagte: "Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, gelobt sei der Name des Herrn." Eine solche Lebenseinstellung und ein solches Verhalten werden jeden von Ihnen mit der Zeit zu einer strahlenden Sonne machen, die Ihren Mitwesen leuchtet und sie erwärmt. Und wo immer Sie stehen und gehen, kann kein Krieg gedeihen, Sie werden Frieden, Freude und Liebe sähen, wohin Sie auch kommen.
Der Artikel geht zurück auf einen Vortrag von Martinus in der Kosmos-Ferienkolonie, gehalten am 27. Juli 1941. Hans Bønnelycke hat auf Grundlage des Stenogramms das Referat erstellt und Mogens Møller hat es bearbeitet. Es ist zum ersten Mal im dänischen Kosmos Nr. 7-8, 1968 erschienen. Artikel-ID: M2185. Übersetzung für den DE-Kosmos 2025-2 von Vincent Stadlmair.
Es sei darauf aufmerksam gemacht, dass es weitere Artikel mit demselben Titel gibt: das Manuskript zu dem Vortrag am 23. März 1947 (M2188) und das Manuskript zu dem Vortrag am 18. März 1950 (M2192).
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
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