M2468
Der Weg zum Weltbild
Von Martinus
1. Unwissenheit ist die Ursache der Götterdämmerung
Der Grund für die große Ragnarök, den Unglücks- und Leidenszustand, den Krieg aller gegen alle, worunter die Welt heute seufzt und stöhnt, liegt nur in einer einzigen Sache: der Unwissenheit. Innerhalb der erdenmenschlichen materialistischen Wissenschaft tastet man sich wie blind vorwärts und glaubt, dass das Weltbild etwas ist, das man auf dieselbe Weise wahrnehmen kann, wie man einen Stein, eine Wolke oder einen Wassertropfen wahrnehmen, messen und wiegen kann. Und man hat im Laufe der Zeit bereits viele merkwürdige Fazite als Ausdruck für ein Weltbild aufgestellt. So spricht man davon, dass das Weltbild ein begrenztes Ding sei, etwas, das endlich ist, und somit also einen besonderen Raum ausmachen muss. Ebenso spricht man davon, dass alle Sterne, Sonnen und Milchstraßen auf wilder Flucht voreinander sind, was für dieselben materialistischen Forscher bedeuten muss, dass das Weltall, das räumliche Weltbild, in wilder Auflösung begriffen ist. Man baut immer stärkere Fernrohre, Teleskope und Mikroskope, um durch sie das Geheimnis des Weltalls oder Universums beobachten zu können, nur um am Ende zu entdecken, dass diese Erweiterung des materiellen Horizonts nur eine entsprechende Erweiterung oder Vergrößerung der eigenen bereits bestehenden Unwissenheit in Bezug auf das Lebensgeheimnis bedeutet.
2. Der Weg zum Weltbild kann nicht mit Fernrohren oder Mikroskopen gefunden werden
Die Lösung des Lebensmysteriums ist nämlich keine Frage von Terrain, Zeit und Raum. Sie ist keine Frage von Kilometern oder Kilogramm. Sie ist keine Frage von etwas, das gewogen und gemessen werden kann, sondern vielmehr ausschließlich eine Frage nach demjenigen, welches wiegen und messen kann, also dem "Etwas", das Maß und Gewicht konstatieren kann, demjenigen, welches niederreißen und aufbauen kann, dem, das erschaffen kann, nach demjenigen, worin Fragen und Antworten entstehen können. Es ist zwecklos, dasjenige, worin Fragen und Antworten nicht entstehen können, mit Mikroskop oder Teleskop in der Absicht zu beobachten, die Lösung des Lebensmysteriums zu finden, denn es wird damit fortfahren, die Illusion zu sein, die es von vornherein war, nämlich eine leblose Masse. Und so starrt man mit genialen optischen Instrumenten in diese vermeintlich leblose Masse hinein: den Makrokosmos und den Mikrokosmos. Durch Riesenteleskope starrt man tausende von Lichtjahren in den Weltraum hinaus, um das "Etwas" zu finden, das in Wirklichkeit hinter dem Teleskop steht und wissbegierig sich selbst draußen in den Milchstraßen sucht. Gleichfalls starrt man durch Mikroskope hinunter in die unfassbar kleinen Partikel im Mikrokosmos, um das "Etwas" zu finden, das ungeheuer gespannt und neugierig in das Mikroskop hineinstarrt. Wozu in den Weltraum hinaus spähen nach "etwas", das drinnen in uns selbst drinnen existiert? – Ist es hier nicht offensichtlich, dass das der verkehrte Weg sein muss? Man kann sich doch nicht zugleich vor und hinter einem Fernrohr befinden. Und wozu mit dem Mikroskop in unfassbar kleinen Partikeln nach sich selbst suchen, wenn das eigene Leben oder das "Etwas", das man sucht, so groß ist, dass es das Mikroskop halten kann und viel leichter ohne ein solches beobachtet werden kann? – Ist hier nicht klar, dass der Weg der materialistischen Wissenschaft zum Weltbild von Illusion, Aberglaube und Naivität geleitet wird?
3. Die Lösung des Lebensmysteriums muss in uns selbst gesucht werden
Im Mikrokosmos und Makrokosmos nach der Lösung des Rätsels zu suchen, die wir selbst sind, kann doch nur töricht sein, angesichts dessen, dass das denkende und erlebende "Etwas", das wir selbst sind, der Mittelpunkt des Weltalls ist. Je weiter wir uns von diesem Mittelpunkt entfernen, desto weiter entfernen wir uns ja von uns selbst oder dem Leben, dessen Geheimnis wir zu entschleiern wünschen. Das, was das Fundament oder die erste Ursache des Weltalls oder der sichtbaren Erscheinungen ist, kann nicht die Beschaffenheit dieser Erscheinungen, die Manifestation oder Bewegung sein, die sie ausmachen, sondern es muss vielmehr der feste Punkt sein, auf dem diese ruhen. Beruhen die Bewegungen denn auf einem solchen festen Punkt? – Ja, absolut. Aber um darüber Klarheit zu bekommen, muss man versuchen, sich auch hier dem Bereich innerhalb unserer Wahrnehmung anzunähern, wo dies ohne Mikroskop oder andere Hilfsmittel zu erleben ist, und sich nicht, wie es innerhalb der materialistischen Wissenschaft üblich ist, so weit als möglich von eben diesem Bereich entfernen. Jedes Mal, wenn man ein Fernrohr oder ein Mikroskop zu Hilfe nimmt, entfernt man sich nämlich haargenau so weit von dem Objekt, das man untersuchen will, wie die Stärke genannter Instrumente die eigene Sicht in Mikrokosmos und Makrokosmos hinein verlängert. Da jedes Lebewesen das Geheimnis des Lebensmysteriums in seinem eigenen Innern trägt, sollte es doch sonnenklar sein, dass es auch hier gesucht werden muss. Die fundamentalste Erfahrung dieses Lebensmysteriums ist doch die Empfindung, der Mittelpunkt im Weltall zu sein, die wir alle erleben und ausmachen. Diesen Mittelpunkt erleben wir also als unser eigenes Selbst oder Ich. Von diesem Mittelpunkt, diesem Selbst oder Ich aus, beurteilen wir alles und jeden. Dieser Mittelpunkt ist also das höchste Lebende in uns. Er ist das, was unser Hervortreten bestimmt, er dirigiert unseren Willen und erlebt unsere Wahrnehmungen. Wir sehen, dass um dieses Ich herum Bewegung existiert. Dieses Ich wird damit als der feste Punkt erkennbar, auf dem die Bewegungen beruhen.
4. Das dreieinige Prinzip
Ein Lebewesen bildet somit einen besonders bestimmten Bereich, bestehend aus seinem Ich, seinem Bewusstsein und seinem Organismus. Diese drei bilden zusammen eine Einheit. Innerhalb dieser Einheit haben wir also das Geheimnis des gesamten Lebensmysteriums und damit des Weltalls. Es gibt keine Prinzipien oder Bewegungsarten außerhalb einer solchen Einheit, die nicht selbst lokale Einzelheiten oder Teile von anderen entsprechenden Einheiten sind. Da man selbst eine solche Einheit darstellt, kann man genauso gut – ja, das wäre sogar der absolut einzige korrekte, gangbare Weg – diese Einheit als Objekt seiner Erforschung des Lebensmysteriums oder Suche nach dem Geheimnis des Lebens untersuchen. Hier haben wir sowohl den festen Punkt als auch die Bewegung. Hier haben wir das uns nächstgelegene, klarste und zugänglichste Feld der Entfaltung von Ursache und Wirkung. Hier, innerhalb dieses Feldes, können wir das Gesetz der Bewegung, der Verwandlung oder der Schöpfung sehen. Wir müssen uns deshalb jetzt von allen Fernrohren und Mikroskopen, vom Wiegen und Messen verabschieden; wir brauchen derlei Dinge nicht mehr, sie führen uns bloß in ferne Gefilde, wo wir das nur auf künstlichem Wege sehen können, was wir in Wirklichkeit auf natürliche und direkte Weise in unserem eigenen Bereich des Universums vor Augen haben. Was können wir denn hier sehen? –
Das Manuskript schließt mit diesen Worten:
Zeige hier, wie innerhalb des menschlichen Schöpfungsbereiches oder da, wo der Mensch am klarsten sehen kann, nicht das Geringste von selbst entstehen kann. Alles ist durch Willen und Intelligenz bedingt. Warum sollte dann dasselbe nicht auch da, wo wir nicht klar sehen, der Fall sein? – Zeige anhand des Kreislaufprinzips, wie hinter allen Erscheinungen der Natur Absicht steht. Zeige danach das Weltbild in Form des Spiralkreislaufs. Und zeige, wie wir uns jetzt auf dem Weg in den Frühling, auf dem Weg zum Licht, dem kosmischen Sommer entgegen, befinden.
Der Artikel ist die Wiedergabe eines nicht abgeschlossenen Manuskripts, das Martinus als Vorbereitung für den Eröffnungsvortrag am Martinus-Institut am Sonntag, den 18. September 1949 schrieb. Der Vortrag ist der erste in der Serie "Die geistige Welt". Reinschrift und Abschnittüberschriften Torben Hedegaard, Gutgeheißen vom Rat am 31.01.2016. Zum ersten Mal im dänischen Kosmos Nr. 8, 2016 erschienen. Artikel-ID: M2468. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2025-1: Vincent Stadlmair.
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
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