M2563
Unser Auftreten als Geist
Von Martinus
1. Diese Welt ist keine physische Welt, sondern eine Gedankenwelt
Liebe Freunde! Mein heutiger Vortrag ist eine Fortsetzung des Themas Fegefeuer und eine anfängliche Analyse des Paradieses. Um die geistige Welt zu verstehen, muss man sich klar machen, dass diese Welt keine physische Welt ist, sondern eine mentale Welt, d.h. eine Gedankenwelt. Da es eine Gedankenwelt ist, kann sie eben nur als eine Gedankenwelt wahrgenommen und gesehen werden und nicht als physische Welt.
Während wir in der physischen Welt eine ganze Reihe von Phänomenen sehen können, die wir nicht als Gedanken bezeichnen, nämlich Sonnen und Sterne, Planeten und Milchstraßen, Kontinente und Meere, Wälder, Felder und Berge, Menschen und Tiere usw., können wir in der geistigen Welt nur Phänomene sehen, die ausnahmslos alle Gedankenbilder sind.
Das Leben in der geistigen Welt beginnt auch nicht mit dem physischen Tod. Wir leben die ganze Zeit – auch in diesem Augenblick – in der geistigen Welt. Wir können nämlich an keinem Ort und zu keiner Zeit eine Berührung mit physischer Materie erleben, ohne dass diese Berührung ein Gedankenbild erzeugt. So beginnen wir mit dem Erleben von Gedankenbildern, wenn wir morgens aufwachen, und fahren damit fort, bis wir am Abend einschlafen. Dieses Erleben, vom Aufwachen bis zum Einschlafen, ist also ein einziges großes, fortlaufendes geistiges Erlebnis. Aber vor diesem Erlebnis oder der Bildung dieses Stroms von Gedankenbildern hat etwas stattgefunden, das keine Gedankenbilder waren. Das waren die Funktionen des physischen Organismus und seine Berührung mit der äußeren Materie.
2. Hinter jeder Form der Wahrnehmung gibt es eine Fähigkeit, das, was wir wahrnehmen, zu verstehen
Die äußere Materie besteht aus Licht und Schatten. Sie besteht aus festen, flüssigen und gasförmigen Stoffen. Sie besteht aus Kälte und Wärme, sie besteht aus Bewegung, aus Schwingungen und Geschwindigkeiten. Sie besteht aus Sturm und Windstille, sie besteht aus Sonnenschein und Mondschein usw. Der physische Organismus ist lediglich ein Werkzeug, mit dem wir diese äußeren Phänomene registrieren können. Mit unserem physischen Organismus und den hier kombinierten Sinnesorganen stehen wir in einer ununterbrochenen oder permanenten Verbindung mit diesen Phänomenen der Außenwelt. Wir können Kälte und Hitze spüren, wir spüren Sturm und Windstille, wir spüren Terrains und Dinge, wir erleben Menschen und Tiere und alle anderen Lebewesen.
Dass wir etwas erleben, bedeutet in Wirklichkeit nur, dass wir mit unseren physischen Sinnen einige äußere physische Phänomene registrieren. Diese äußeren Phänomene heben sich in ihrer Erscheinung dadurch voneinander ab, dass sie verschieden sind. Sie sind an etwas gebunden, das wir das Kontrastprinzip nennen. Es bewirkt, dass jedes einzelne Ding sich durch sein gegensätzliches Verhältnis zu anderen Dingen zu erkennen gibt. Es sind diese Gegensätze, die unser Organismus registriert. Unser Auge registriert Licht und Schatten. Unser Auge kann also nur anzeigen, wie Licht und Schatten in Bezug auf ein bestimmtes Ding, das wir sehen, vorkommen. Es sagt uns nur, dass da so viel Licht und so viel Schatten ist, diese Farbe und jene Farbe, usw. Aber was das Ding ist, kann uns das Auge unmöglich sagen.
Das Gleiche gilt für das Hören. Unser Ohr erkennt die Kontraste zwischen den Lauten, aber es kann uns unmöglich sagen, was die Laute bedeuten. Das Gleiche gilt ebenfalls für den Geruch und den Geschmack.
Wir können ein Bild mit einer schönen Landschaft vor einen Hund und einen Menschen stellen. Der Hund hat genauso gute Augen wie der Mensch. Seine Augen erkennen Farben und Details auf dem Bild genauso gut wie das menschliche Auge. Aber er nimmt die Landschaft, die die Farbkombination des Gemäldes zeigt, nicht wahr. Der Mensch hingegen nimmt die Landschaft, die die Farbkombination des Gemäldes darstellt, sofort wahr. Der Mensch hat also etwas, was der Hund nicht hat: die Fähigkeit, das Objekt des Sehens zu erfassen.
Diese Fähigkeit ist nicht etwas Physisches. Dass uns das Hören nicht (schon) die Fähigkeit verleiht, das Gehörte zu erfassen, ist auch eine Tatsache. Wir brauchen nur eine Sprache zu hören, die wir nicht erlernt haben und daher nicht verstehen. Dann hören wir eine ganze Reihe von Lauten, deren Gedankenbilder wir nicht erfassen. Hier fehlt uns, wie dem Hund, nicht die Fähigkeit zu hören, sondern die Fähigkeit zu verstehen, was wir hören. So ist hinter jeder Form der Wahrnehmung eine Fähigkeit vonnöten, das, was wir wahrnehmen, zu verstehen. Diese Fähigkeit ist keine physische Fähigkeit. Wo diese Fähigkeit vorhanden ist, wandelt sie die physischen Reaktionen in Gedankenbilder um. Diese Umwandlung ist ein geistiges Erlebnis.
3. Die zwei Materiekombinationen des Wesens, die physische und die geistige
Unsere gesamte Erlebensfähigkeit ist also eine Geistesfunktion. Unser tägliches, physisches Dasein ist somit nur eine einzige große Schöpfung einer Geistesfunktion. Diese Geistesfunktion verwandelt die physischen Erlebnisse in Gedankenbilder, die wiederum unser Bewusstsein bilden. Ein Lebewesen besteht also aus Körper und Bewusstsein. Das Bewusstsein ist wiederum dasselbe wie Geist. Die geistige Welt besteht also aus Geist, der wiederum dasselbe ist wie Gedankenbilder.
Hier auf der physischen Ebene sind wir daran gewöhnt, dass unser Bewusstsein in physischer Materie inkarniert ist; zunächst in unserem Organismus und dann in den Reaktionen zwischen diesem und der physischen Materie und der daraus resultierenden materiellen Wahrnehmung. Dieses Phänomen ist so grob und belastend für die Sinne, dass unsere Wahrnehmung der geistigen Welt daneben als etwas völlig Substanzloses erscheint, etwas, das so luftig ist, fast so, als wäre da nichts. Und so ist der Mensch zu dem Glauben gelangt, dass er lediglich der physische Organismus ist und mit diesem steht und fällt. Aber das ist, wie man hier sehen kann, ein törichter Aberglaube.
Das Wesen besteht aus zwei Materiekombinationen, einer physischen und einer geistigen. Die physische ist der Organismus, während die geistige das Bewusstsein ist. Diese beiden können lebendig zusammenarbeiten und wir sagen dann, dass das Wesen wach ist. Sie können aber auch getrennt sein und dann sagen wir, dass das Wesen schläft. Für jedes Lebewesen kommt aber einmal der Zeitpunkt, an dem sich der Geist, das Bewusstsein, vollständig vom physischen Organismus trennt und ihn nicht mehr mit seiner Anwesenheit besetzt. Und dann ist der Organismus nicht mehr nur bewusstlos, sondern er beginnt sofort, sich aufzulösen. Und wir sagen von einem solchen Organismus, dass er ein Leichnam ist. Da die Menschen diesen Organismus als identisch mit dem geistigen Wesen auffassen, dessen Geist oder Bewusstsein ihn besetzt hat, wird dieses Wesen nun als tot aufgefasst. Tatsache ist jedoch, dass nur das Physische von dem Bewusstsein oder dem Geist, der es zuvor bewohnt und lebendig gemacht hat, abgetrennt ist.
4. Die Mentalität des Wesens bestimmt den Charakter seiner geistigen Welt
Wenn ein Wesen auf diese Weise von seinem physischen Körper getrennt wird, existiert es nun als ein geistiges Wesen, d.h. als ein Wesen in strahlenförmiger Materie. Es ist von der schweren physischen Materie befreit, und es ist von den groben physischen Reaktionen befreit, an die dieser nun tote physische Organismus gebunden war. Aber indem es nun von der physischen Materie befreit ist, ist es auch von der physischen Schwere befreit und braucht keinen festen Untergrund mehr, auf dem es gehen und stehen kann. Alle seine Äußerungen, Bewegungen und Schöpfungen sind nun geistiger Art. Sein Leben und Dasein geht in der Gedankenwelt vor sich, die jetzt zur äußeren Welt geworden ist. Es sieht seine Gedanken, seine eigene Bewusstseinswelt, sein eigenes Wissen und seine Erfahrungen zu einer äußeren Welt umgebildet, gleichzeitig damit, dass es die Gedankenwelt oder Mentalität seiner Mitmenschen auf dieselbe Weise sieht.
Die geistige Welt wird so zu einer moralischen oder unmoralischen, einer schönen oder hässlichen Welt, je nachdem, ob die Mentalität des Wesens eine Offenbarung von Moral oder Unmoral, eine Offenbarung von Schönheit oder Hässlichkeit ist. Sie wird zu einer primitiven oder genialen Welt, je nachdem, wie primitiv oder genial das Wesen ist. Die geistige Welt wird dadurch zu einer Welt mit Zonen von primitiven, hässlichen, unmoralischen Sphären und einer Zone von schönen, hochkulturellen und liebevollen Welten. Durch diese Erkenntnis, dass unser Bewusstsein unser geistiger Körper oder Organismus ist, wird es einfacher, sich darauf einzustellen, wie sich das Leben gestalten wird, wenn wir den physischen Organismus nicht mehr haben.
Da unser Bewusstsein unser geistiges Fortbewegungsmittel ist, sind wir schon jetzt ein Geistwesen, das in der geistigen Welt wandelt. Sie sitzen jetzt alle still hier und hören mir zu, und in dem Maße, wie Sie die Gedanken verstehen, die ich Ihnen offenbart habe, habe ich Sie durch eine geistige Sphäre geführt. Sie haben meine Worte gehört, aber es waren nicht die physischen Laute meiner Rede, die das Ziel sind oder waren, sondern die Gedankenbilder, die ich in den Lauten oder der Sprache niedergelegt habe.
Hier war diese geistige Reise mit den physischen Sinnen verbunden, aber Sie können in einer stillen Stunde zu Hause den Vortrag noch einmal in Gedanken durchgehen, und dann wird er zu einem hundertprozentig geistigen Erlebnis. Dieses Nachdenken über die physischen Erlebnisse ist geistiges Erleben. Da diese Fähigkeit ihren Hauptsitz nicht im physischen Organismus, sondern in unserer geistigen Struktur hat, überlebt sie den physischen Organismus.
5. Liebevolle Gedanken sind der Schlüssel zum Himmelreich
Sterben ist wie das Verlassen der Reaktionen und Einflüsse der physischen Welt, um Ruhe und Frieden zum Denken zu bekommen. Denken ist ein geistiges Erlebnis. Was man denkt, hängt wiederum von der eigenen Interessensphäre, der eigenen Gewissenslage und der eigenen Liebesfähigkeit ab. Wenn Sie in einem sehr schwierigen Gemütszustand sind und nicht in liebevollem Kontakt mit Ihren Mitmenschen sein können, wird ihr Denken oder ihr geistiges Lebenserleben entsprechend mit Pessimismus belastet sein, mit Märtyrer-Gefühlen, mit dem Gefühl, das Opfer von Ungerechtigkeit, Verrat, ehelicher Untreue zu sein.
Man kann auch ungesund leben und seinen physischen Organismus geradezu sabotieren. Zu Qualen werden dann nicht nur die rein physischen Krankheiten und der daraus folgende körperliche Untergang, sondern auch eine Reihe von Gedanken in der durch die Krankheit hervorgerufenen Schwarzseherei. Die Wesen können hier (in diesem Dasein) aber auch lustvolle Gedankenreihen bilden. Zwei junge Liebende leben ja in einer regelrechten Hochspannung seliger Gedanken, wenn sie sich jeder für sich an den geliebten Menschen erinnern. Das ist also nicht nur der Fall, wenn sie physisch zusammen sind, sondern auch, wenn sie sich in Gedanken aneinander erinnern. Menschen können ein großes Vermögen erben, und das erzeugt selige Gedanken.
Jedes Verweilen in Gedanken ist eine Wanderung in der geistigen Welt. Und dann kommt es darauf an, was wir an Gedankenmaterial haben, bei dem wir verweilen können. Dunkle Gedanken können uns nur mit den dunklen Gedanken anderer Wesen verbinden, so wie helle Gedanken eine Verbindung zu den hellen Gedanken anderer herstellen. Dunkle Gedanken führen zu Selbstmord, Fegefeuer und Götterdämmerung. Lichtvolle Gedanken führen zu den höchsten Zinnen des Lebens.
Hier auf der Erde entwickeln wir also unsere Fähigkeit, in den höchsten Welten vor dem ewigen Thron zu wandeln. Hier müssen wir Zeit und Raum überwinden, hier müssen wir uns die Fähigkeit aneignen, unseren Nächsten wie uns selbst zu lieben. Denn diese Fähigkeit ist der Schlüssel zum Himmelreich, zur Gottheit und zur Unsterblichkeit. Mit dieser Fähigkeit wandeln wir mit Licht wie eine göttliche Majestät durch alle Reiche.
Manuskript zum 4. Vortrag in der Serie Der Tod und die Toten von Martinus, gehalten im Martinus-Institut am 12. November 1950. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Anne Wedege. Vom Rat gutgeheißenen am 7. Märtz 2024. Artikel-ID: M2563. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2025-2 von Vincent Stadlmair.
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
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