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M2660
Die Jahreszeiten und die Sprache des Lebens
Von Martinus

34.1 Gottes Offenbarung der ewigen Grundprinzipien des Lebens
Hier in unseren Breitengraden besitzen wir das große göttliche Geschenk, dass sich die Prinzipien der physischen Natur auf eine solche Weise offenbaren, dass die wechselnden Szenerien dieser Natur zu einem Bild oder einem Symbol des ewigen Lebens selbst werden. Wir erleben hier, dass die Natur uns vier große kontrastreiche Abschnitte offenbart, die wir die "Jahreszeiten" nennen. Wir haben den Winter, den Frühling, den Sommer und den Herbst. Am Äquator herrscht fast ein ewiger Sommer und an den Polen ein ewiger Winter. Aber in unseren Breitengraden ist jede Jahreszeit sehr stark ausgeprägt. Und deshalb haben wir in unseren Breitengraden den allergrößten Unterricht oder die Offenbarung der größten tragenden Prinzipien des Lebens für das Erleben des Lebens.
34.2 Der Kreislauf des Jahres
Den "Winter" betrachten wir hier bei uns als einen Zeitabschnitt, eine kleine Epoche, in der Kälte und Frost die Entfaltung des Lebens töten und hindern. Dies ist das Prinzip der Stille oder des Todes. Wir sehen die blätterlosen Bäume. Wir sehen, dass das Leben von Millionen von Wesen stagniert. Die Insekten sind verschwunden, die Zugvögel sind verschwunden. Die Blumenwiesen der Felder sind mit Schnee zugedeckt, der geradezu wie ein Leichentuch über ihnen liegt. Die spiegelblanken Seen mit ihren kleinen gluckenden Wellen sind zu Eis erstarrt. Der Winter ist des Lebens Symbol für den Tod.
Aber dank der ewigen Struktur des Lebens muss der Winter einem anderen Prinzip weichen – dem Prinzip, das sich als "Frühling" entfaltet. Eine neue Kraft macht sich geltend. Das Klima beginnt sich zu ändern. Es wird wärmer. Eis und Schnee schmelzen. Unter dem Schnee kommen die allerersten kleinen Blumen hervor. Zuletzt sind Schnee und Eis ganz verschwunden. Die Zugvögel kommen zurück und erfüllen die Luft mit ihrem Gesang. Die Bäume bekommen Knospen, die sich nach und nach entfalten. Auch alle die kleinen Insekten kommen hervor und die Menschen sind eifrig auf dem Feld und im Garten beschäftigt. Alles erwacht zum Leben in Freude darüber, dass der Winter vorbei ist. Der "Frühling" ist somit das Symbol für das erwachende Leben, das nun nach einer Ruheperiode mit erneuter Kraft hervorbricht.
Nach dem Frühjahr kommt der "Sommer". Da ist das Leben in seiner allerhöchsten Entfaltung. Da kulminiert alles in Farbenorgien. Die Sommerwärme herrscht. Blumen, Blumen und wieder Blumen färben das weiße Licht des Tages in einer Vielfalt von Farbenkombinationen. Aus dem schwarzen Humus hat eine göttliche Chemie die größten Kunstwerke des Lebens in Farben und Düften zusammengesetzt. Und die Menschen entfalten auch ihr Leben. Es ist die Zeit der Ferien und der Reisen. Alle verlassen die finsteren Stuben, um so viel wie möglich im Sonnenlicht zu sein. Alles, was man vorher innerhalb der Häuser mit künstlicher Heizung und ebensolchem Licht beschützen und behüten musste, ist nun draußen in der strahlenden Umarmung der Natur, wo Licht und Wärme kulminieren. Die Tage sind lang, die Nächte kurz. Wir befinden uns in der Domäne des Lebens.
Aber wir sind in der zeit- und raumdimensionalen Welt, wo alles einen Anfang und ein Ende hat. Der Sommer muss der nächsten Naturepoche weichen, die wir als den "Herbst" kennen. Nun ist vieles von der Blütenpracht zu reifen und herrlichen Früchten verwandelt worden, und auf vielen anderen Gebieten hat das Leben zur Reife gebracht, was früher unreif und hilflos war. Das Korn und andere Feldfrüchte werden geerntet und eingebracht. Das Laub verwelkt. Es fängt an, kalt zu werden. Das Licht und die Wärme verschwinden. Schnee und Eis kündigen ihre Rückkehr an, und wir sind hier wieder zu unserem Ausgangspunkt, dem Winter, gekommen. Was haben wir in einem solchen Kreislauf erlebt? – Wir waren Zeuge von nichts Geringerem als Gottes Offenbarung der ewigen Grundprinzipien des Lebens, nach denen absolut alles im Dasein geordnet ist und Leben erhält.
34.3 Der Kreislauf des Tages
Wir sehen dasselbe Prinzip in vielen anderen Variationen. Was ist ein Tag anderes als eine Offenbarung derselben vier großen Prinzipien? – Ist die Mitternacht nicht die Domäne der Kälte und Finsternis? – Sehen wir hier nicht, wie Tiere und Menschen sich zur Ruhe begeben haben und schlafen? – Was ist der Morgen? – Ist das nicht dasselbe wie die Rückkehr des Lichts und der Wärme mit dem Erwachen des Lebens im Gefolge? – Entspricht die Hauptverkehrszeit in den Städten nicht ungefähr dem Leben der Zugvögel? Alle haben es eilig, zur Arbeit des Tages zu kommen, zur Entfaltung des Lebens wie die Blumen und die Vegetation im Frühling. Und was ist die Mittagszeit anderes als das Prinzip des Hochsommers? Da sind das Licht und die Wärme des Tages auf ihrem Höhepunkt. Danach kommt das Prinzip des Nachmittags oder Abends. Alle eilen nach der Entfaltung und der Ernte des Tages zur Ruhe zurück. Das Licht und die Wärme verschwinden und die Nacht oder das Prinzip des Winters breitet sich wieder über die schlafende Welt aus.
34.4 Der Kreislauf des Lebens
Betrachten wir unser eigenes Erdenleben von der Geburt bis zum Grabe, so sehen wir die Manifestation derselben Prinzipien. Das kleine zarte Kind repräsentiert das Prinzip des Winters. Es ist wie der blattlose Baum im Walde. Es ist eine innere Lebenskraft, die sich allmählich in der äußeren Welt ebenso ausdrücken wird, wie die innere Lebenskraft des Baumes allmählich seine Zweige mit dem wunderschönen Laub füllt. Das Bewusstsein des Kindes wird ebenfalls zum Vorschein kommen. Und die Epoche, in der das Bewusstsein des Kindes hervorwächst, nennen wir die Jugend, die also dem Frühjahr entspricht. Dann kommt das Mannesalter. Dass es dem Prinzip des Sommers entspricht, ist nicht schwierig zu sehen. Hier ist der Mensch in seiner höchsten physischen Entfaltung. Hiernach kommt das Prinzip des Herbstes im Organismus. Dieses kennen wir als das Greisenalter. Und die Entfaltung des Wesens stagniert, es wirft seine welke Laubkrone, den Organismus, ab.
34.5 Das Lebenserleben basiert auf Kontrasten
Aber was können uns alle diese Kreislaufprinzipien, diese vier Jahreszeiten, sagen? – Sie erzählen uns nichts Geringeres als das Abenteuer des ewigen Lebens. Sie erzählen einmal unmittelbar von Leben und Tod, aber sie sagen uns auch, dass Leben und Tod die zwei Kontraste sind, auf denen das Erleben des Lebens aufgebaut sein muss. Gäbe es nicht diese zwei Kontraste, würde keinerlei Form von Erleben des Lebens stattfinden können. Und dann würde ein ewiger Tod über den Wassern brüten statt Gottes ewiger Geist, d.h. Gottes ewiges Bewusstsein. Zu jedem Erleben sind Kontraste oder Gegensätze absolut notwendig. Ohne Gegensätze wäre jede Form von Wahrnehmung völlig unmöglich. Was könnte überhaupt wahrgenommen werden, wenn keine Gegensätze existierten? – Alles, was wir erleben oder wahrnehmen, sind Gegensätze zu anderen Dingen, die wir erlebt haben. Was keine Gegensätze hat, existiert nicht für unsere Sinne. Deshalb müssen Licht und Finsternis existieren. Und deshalb muss das sogenannte "Gute" ebenso existieren wie das sogenannte "Böse". Es sind also diese Kontraste, aus welchen das Leben geschaffen wird.
Aber die Jahreszeiten zeigen uns nicht nur die Notwendigkeit dieser Kontraste, damit das Erleben des Lebens geschaffen wird. Sie zeigen auch, in welcher Kombination diese zwei Kontraste vorhanden sein müssen, damit das Leben sich entfalten kann. Betrachten wir z.B. die Nord- oder Südpolargebiete, so sehen wir die Folgen eines viel zu starken Auftretens des Kontrasts in Form der Dunkelheit und der Kälte, und wir haben nichts als Eis und Schnee, einen ewig todbringenden Zustand. Wenn wir den Äquator betrachten, sehen wir einen viel zu starken Kontrast in Form des Lichts und der Wärme. Es ist richtig, dass in vielen Gegenden des Erdäquators ein üppiges Wachstum vorkommt, aber es bräuchten nur wenige Wärmegrade hinzuzukommen, und die Äquatorgebiete wären ein todbringendes, alles verbrennendes Wüstengebiet. Es liegt ja in Wirklichkeit an der Kälte aus anderen Gebieten, dass überhaupt Regen und damit Vegetation in den Äquatorgebieten auftreten können, wie es ebenso an der Wärme aus anderen Gebieten liegt, dass überhaupt Schnee an den Polen vorkommt. Die Erde wäre also ganz ohne Manifestation von Leben, wenn einer dieser beiden Kontraste total fehlte.
34.6 Das Böse und das Gute sind die beiden großen Kontraste, die für das Lebenserleben gleich notwendig sind
Wenn diese Prinzipien auch in den Organismen der Wesen selbst und damit in ihrem Erleben des Lebens vorkommen, so geschieht das ja deshalb, weil das sogenannte "Böse" und das sogenannte "Gute" hier ebenfalls notwendig sind, damit sie das Leben überhaupt erleben können. Wir sehen hier aber auch, dass Polarklima in der Mentalität entsteht, wo zu viel des finsteren Kontrastes, und Wüstenklima, wo zu viel des Lichtkontrastes vorhanden ist.
Innerhalb unserer Breitengrade sehen wir also vier verschiedene Beispiele der Zusammensetzung der Kontraste, damit das Leben aufrechterhalten werden kann. Wir sehen, dass das Winterprinzip eine genau solche Anpassung ist, dass das Leben in einer Art von Schlafzustand bewahrt werden kann, ohne wirklich zu sterben. Und wir sehen auch, wie der Lichtkontrast wieder mehr und mehr Macht bekommt, und ein Erwachen stattfindet. Fruchtbarkeit und Leben machen sich mehr und mehr geltend, bis ein ganz bestimmtes Verhältnis zwischen den beiden Kontrasten erreicht ist, und das Leben sich in seiner reichsten, behaglichsten und Freude bringenden Entfaltung befindet. Da ist das Erleben des Lebens in seinem Sommerprinzip. Nach dieser Kulmination des Lebenserlebens muss wieder eine Ruhepause und Stille kommen. Und der Finsterniskontrast nimmt zu und das Alter mit seiner Gebrechlichkeit und seinem Hinwelken tritt ein.
Was wir das "Böse" nennen, ist in Wirklichkeit nicht böse, wenn es in einem gewissen besonders abgestimmten Kombinationsverhältnis zum Licht vorkommt, wie das Licht nicht hell ist, wenn es nicht ebenfalls in einer besonders abgestimmten Form im Verhältnis zur Finsternis vorkommt. Was wir das "Böse" und das "Gute" nennen, sind in Wirklichkeit nur die zwei großen Kontraste, die beide für das Erleben des Lebens gleichermaßen notwendig und daher gleich "gut" sind. Wenn wir sie "böse" nennen, so geschieht das nur, weil wir nicht gelernt haben, sie in unserem Bewusstsein in dem richtigen Verhältnis zueinander zu kombinieren. In einigen Fällen haben wir einen viel zu großen Dunkelkontrast im Verhältnis zu unserem Lichtkontrast. Dies haben wir denjenigen gegenüber, die wir hassen. Und in anderen Fällen haben wir einen viel zu großen Lichtkontrast im Verhältnis zu unserem Dunkelkontrast, und das haben wir denen gegenüber, in die wir verliebt sind. Und unter der Verliebtheit lodert die unglückliche Liebe in Form der todbringenden Eifersucht.
34.7 Die Natur ist der Unterricht des Lebens selbst
Indem wir das Kontrastverhältnis des Sommers studieren, sehen wir also, dass dieser ausschließlich auf einem bestimmten Verhältnis zwischen Kälte und Wärme beruht, so wie auch der Winter und die beiden anderen Jahreszeiten, der Frühling und der Herbst, auf einem bestimmten besonderen Verhältnis zwischen diesen beiden Kontrasten beruhen. Wie Sie hier gesehen haben, ist die Natur also der Unterricht durch das Leben selbst. Sie schafft also durch ein besonderes Verhältnis zwischen Kälte und Wärme den Sommer. Da in der Mentalität der Menschen dieselben zwei Kontraste wohnen, kann der Mensch auch seinen Licht- und Dunkelkontrast so kombinieren, dass er seiner Umgebung gegenüber entweder "Winter" oder "Sommer" zum Ausdruck bringt. Nun sollten Sie versuchen, mit sich selbst zu Rate zu gehen, um herauszufinden, ob Sie in Ihrem Verhältnis zu dem einen oder anderen Mitwesen Sommer oder Winter erschaffen. Die wirkliche Liebe – ohne Verliebtheit – ist also das Prinzip des Sommers, und überdimensionierte Finsternis ist also das Prinzip des Hasses. Seine Gefühle, die lichten und die finsteren, auf eine solche Weise zu mischen, dass sie des Sommers sonnenhelles, wärmendes und lebenspendendes Prinzip bilden, ist also die Lehre der Natur selbst. Ob Sie in Ihrer Mentalität zu viel Finsternis im Verhältnis zum Licht haben, kann leicht daran erkannt werden, dass Sie etwas Böses für Ihren Nächsten wünschen, dass Sie wünschen, dass er auf irgendeine Weise gequält wird. Da haben Sie viel zu viel Finsterniskontrast in Ihrer Mentalität. Und Sie müssen, wenn diese Kombination in Ihrer Mentalität auftritt, hier absolut in einem todbringenden Winterzustand erscheinen. Ihr Hass oder Ihre Antipathie sind dasselbe wie Kälte und Frost. Und hier ist es richtig, dies als "das Böse" zu bezeichnen. Ob diese Ihre Antipathie oder Ihr überdimensionierter Finsterniskontrast gegen einen Menschen gerichtet ist, der Ihnen Böses zugefügt oder Sie auf die eine oder andere Weise gepeinigt hat, ist ganz gleichgültig. Sein Zustand hebt die Wirkungen Ihrer besonderen Wintermentalität nicht auf. Wenn Sie nicht versuchen, Ihre Wintermentalität ihm gegenüber zu ändern, wird sie dauerhaft Ihre eigene Lebensfreude in Ihrem eigenen Eis, in Ihrer eigenen Kälte eingefroren halten.
34.8 Der Mensch wächst weiter in Richtung der Mentalität des Frühlings und Sommers
Es gilt also, dahin zu kommen, seinem Nächsten zu vergeben. Aber um die Entwicklung dieser Fähigkeit zu erleichtern, ist es notwendig erkennen zu lernen, dass er nicht anders sein kann, als er eben ist. Seine Mischung der Kontraste muss ja das Stadium repräsentieren, das er in der Herausbildung seiner Mentalität und Lebensweise der Umgebung gegenüber erreicht hat. Indem man dies nach und nach durch Entwicklung lernt, bringt man es nicht mehr übers Herz, ihm gegenüber so viel Böses oder so viel Finsterniskontrast im Bewusstsein zu haben. Und auf diese Weise wächst der Mensch selbst weiter in Richtung der Mentalität des Frühlings und Sommers, hin zur richtigen Mischung von Licht und Finsternis, hin zu der Mischung, in welcher weder das Licht noch die Finsternis böse werden, sondern in einen göttlichen Segen, in eine überirdische Liebkosung, in einen Lichtblitz der Strahlenglorie von Gottes Angesicht eingehen. Und dies geschieht unfehlbar dann, wenn wir unseren Nächsten wie uns selbst und damit Gott lieben, der die eigentliche Lichtquelle hinter beiden Kontrasten in uns ist.
Dieser Artikel stammt aus dem Buch Artikelsammlung 1. Er hat dort die Artikelnummer 34 und basiert auf einem Vortrag von Martinus im Martinus Institut am Sonntag, den 27. Mai 1956. Erstmals erschienen im dänischen Kosmos Nr. 12, 1982. Artikel-ID: M2660. Erstmals im deutschen Kosmos Nr. 4, 1984 erschienen. Übersetzung: Erich Gentsch. Für den deutschen Kosmos Nr. 1, 2024 überarbeitet von: Vincent Stadlmair.

© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk

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