M3016
Martinus beantwortet Fragen von Lesern
Von Martinus
Wird die Anerkennung der Reinkarnation einen Einfluss auf die Weltmoral haben?
Antwort:
Solange die Reinkarnation von der öffentlichen Meinung oder der großen Mehrheit der Menschheit nicht akzeptiert wird, wird es unmöglich sein, dass sich eine absolut vollkommene humane oder gerechte Weltmoral auf der Erde ausbreitet. Solange die Reinkarnation nicht verstanden wird, ist ein Verständnis des wahren oder absoluten Weltbildes unmöglich. Die moderne materialistische Weltanschauung ist kein wirkliches Weltbild. Sie ist lediglich eine Reihe von Analysen über die Umlaufbahnen und den Materiegehalt von Himmelskörpern und Galaxien, ein Wissen, das keinerlei Einfluss auf die Weltmoral hat. Und solange das physikalisch-psychische Weltbild ein unbekanntes Phänomen ist, bleiben auch seine Struktur und Gesetze und damit auch seine Moralgesetze unbekannt. Genau diese Unkenntnis ist es, die heute zu folgenden Äußerungen führt: "Es gibt keine Gerechtigkeit", "Das Leben ist das Ergebnis von Zufällen", "Jeder ist sich selbst am nächsten", usw. Und auf dieser Grundlage gestaltet man dann sein Leben. Man versteht nicht, wie es Gerechtigkeit in einer Welt geben kann, in der einige Kinder in Krankheit, Armut und Elend hineingeboren werden, mit lieblosen Eltern, die sie sogar zu Kriminellen erziehen, während andere Kinder in ein Leben in Reichtum und Wohlstand hineingeboren werden, beschützt von liebevollen Eltern und mit Zugang zu den höchsten und angesehensten Kreisen der Gesellschaft. Manche Kinder werden mit sehr wenig Talent geboren, während andere mit brillanten intellektuellen Fähigkeiten und Begabungen zur Welt kommen. Ein Kind wird als Genie geboren, ein anderes als schwachsinnig. Manche Lebewesen sind Sklaven, müssen schuften und sich für andere plagen oder abrackern, die dann von der Arbeit dieser Wesen prächtig leben und ein Leben in Luxus führen können. Manche Wesen sterben an Völlerei und Faulheit, andere an Hunger und Überanstrengung. Manche Kinder sterben gleich nach der Geburt, während andere ein Alter von hundert Jahren erreichen. Manche Kinder werden mit einer außergewöhnlich großen und freundlichen Psyche geboren, andere mit einer Psyche, die nur Banditen- oder Gangstertum auslösen kann. Wie kann es Gerechtigkeit in einer Welt geben, in der scheinbar alles so sinnlos ist und die Güter des Lebens so ungleich verteilt sind?
Das kirchliche Christentum ist nicht in der Lage gewesen – trotz der Zuhilfenahme von religiösen Dogmen oder Traditionen –, das Weltbild einer allmächtigen Gottheit zum Ausdruck zu bringen, in welchem diese der Schöpfer und Herr aller Lebewesen ist, also auf Phänomene zu verweisen, die das Weltbild zu einer kulminierenden Gerechtigkeit und Liebe machen. In dieser Hilflosigkeit musste es mit dem Satz kapitulieren: "Gottes Wege sind unergründlich". Was das erwähnte kirchliche Christentum zu dieser intellektuellen Kapitulation oder Ohnmacht und der daraus folgenden Entvölkerung des Christentums gebracht hat, ist die Charakterisierung einer Gottheit, die als allmächtig, allliebend und allwissend beschrieben wird, die aber dennoch zulässt, dass eine überwältigende Mehrheit der von ihr erschaffenen Wesen in einer ewigen Hölle landet, d.h. in einer Qual und Pein, aus der sie in alle Ewigkeit nicht befreit werden können. Diese furchtbaren Qualen sollen eine Strafe für ihre Verfehlungen oder Fehltritte sein, die sie in einem einzigen irdischen Leben begangen haben. Wie kann eine ewige oder unendliche Strafe in einem angemessenen Verhältnis zu einem zeitlichen oder endlichen Vergehen stehen? – Und wie kann das Erschaffene für seine eigene Unvollkommenheit bestraft werden? – Es hat sich doch nicht selbst erschaffen, sondern ist das Produkt eines Schöpfers. Muss nicht dieser Schöpfer selbst dafür verantwortlich sein? – Wenn dieser Schöpfer allmächtig ist, warum erschafft er dann Wesen, von denen er aufgrund seiner Allwissenheit im Voraus weiß, dass sie in der Hölle landen werden? – Wenn er seine Geschöpfe nicht perfekt erschaffen kann, ist er nicht allmächtig. Und wenn er nicht im Voraus weiß, dass sie in die Hölle kommen werden, ist er nicht allwissend, und wenn er im Voraus weiß, dass sie in die Hölle kommen werden, sie aber nicht von dieser großen Qual befreien will und sogar den größten Teil seiner geschaffenen Wesen dorthin schickt, ist er nicht allliebend. Stellen Sie sich vor, eine solche Gottheit würde einer psychologischen Untersuchung unterzogen. Wie würde die Diagnose lauten? – Ein schöpferisches Wesen, dessen größte Leistung darin besteht, Lebewesen mit einer geistigen oder seelischen Struktur hervorzubringen, die sie hilflos zu einem unaufhörlichen Leben in einer Kulmination von Schmerz und Leid verdammt, zu einem Zustand, in dem sie vergeblich und ewig ihre Todesqualen gegen ihren völlig gefühllosen und unbarmherzigen Schöpfer herausschreien müssen, dessen Allmacht und Allwissenheit dieses ganze teuflische Panorama hätte verhindern können und stattdessen ein sonnenhelles, strahlendes Dasein für alle erschaffen könnte, kann keinen Funken Liebe in sich haben. Da die Wesen in der Hölle niemals in alle Ewigkeit von ihren Qualen erlöst werden können, wird ihr Aufenthalt dort für sie selbst völlig ohne jeglichen förderlichen oder nützlichen Zweck sein. Wenn die allmächtige Gottheit diese Wesen dennoch unbeirrt in ewigen Qualen belässt, kann dies nur deshalb geschehen, weil sie Gefallen daran findet. Aber ein Wesen, das Freude daran hat, Lebewesen hilflos in schrecklichen Qualen zu sehen, kann nur abnormal sein. Seine Diagnose kann nur mit einem Wort ausgedrückt werden: "Sadismus".
Es ist dieser Teufel in Reinkultur, der sich in der veralteten Terminologie der Dogmen verbirgt, es ist dieses hundertprozentige Heidentum in den religiösen Traditionen, die das kirchliche Christentum entvölkern, wenn seine Anhänger anfangen, selbst zu denken. Man versteht, dass es eines Wesens der Liebe oder eines Christus aus Fleisch und Blut bedurfte, um dieses sadistische Bild eines Weltherrschers verblassen, zerbröckeln und verwittern zu lassen. Für den entwickelten Forscher kann dieses Bild einer kranken Gottheit unmöglich Inspiration und Vergewisserung der Gerechtigkeit und damit eine grundlegende Basis für die Schaffung einer höheren Moral sein.
Da auch die anderen großen Weltreligionen umfangreiche heidnische Dogmen oder Glaubensvorstellungen enthalten, die einer echten intellektuellen Prüfung nicht standhalten, werden auch diese Religionen entvölkert werden, wenn die eigenen intellektuellen Fähigkeiten der Wesen zum Vorschein kommen. Paradiesische Himmel mit seelenlosen Walküren sowie die Angst, ein Krokodil, eine Schlange, ein Oktopus oder ein anderes Kriechtier zu werden, wenn man die Anforderungen der Religion nicht erfüllt, werden ebenfalls wie dunkle Schatten vor dem intellektuellen Licht verschwinden. Und die Menschen müssen nach neuen geistigen oder psychologischen Grundlagen für die Bildung der Moral suchen.
Da die moderne materialistische Wissenschaft, wie oben erwähnt, der Menschheit nur Analysen von Stoff oder Materie liefern kann, kann sie unmöglich das Geheimnis des Lebens lösen. Das Leben besteht nicht nur aus Stoff oder Materie, sondern auch aus dem Leben, das den Stoff oder die Materie dirigiert und sich darin zu erkennen gibt. Es ist daher unmöglich, dass diese Wissenschaft die Grundlage für die Moral bildet. Geistige oder mentale Dunkelheit, Gottlosigkeit oder die Leugnung einer existierenden Vorsehung beherrschen das tägliche Leben im Bereich der materialistischen Wissenschaft. Der Besitz der größten Armee und Marine oder Kriegsmacht mit der größtmöglichen Fähigkeit zu töten, zu morden und zu zerstören muss daher als einzig wirksame Sicherheitsmaßnahme oder als bestes Schutzmittel angesehen werden. Alles wird also mehr zu einer Frage der Macht als zu einer Frage des Rechts. Und der irdische Mensch, hochbegabt an materialistischem Wissen und Können, muss den Platz des Tieres einnehmen und sein Leben nach der Dschungelmoral organisieren: das Recht des Stärkeren. Da sich der Mensch vom Tier dadurch unterscheidet, dass er ein ethisches Wesen ist, d.h., dass er dazu bestimmt ist, nach dem Prinzip "Recht vor Macht" zu leben, kann er nicht nach dem Gesetz des Dschungels "Macht vor Recht" leben, ohne sein wahres menschliches Lebenserleben zu untergraben, das ein dauerhafter Frieden, Glück und Freude ist, und das auf dem Verständnis und der Liebe zu allem und jedem beruht. Die Moral des Dschungels vermittelt dem Erdenmenschen nur ein tierisches Lebenserleben, das gleichbedeutend ist mit einer ständigen Wachsamkeit gegenüber befürchteten Übeln, Sorgen und Leiden, die im Erdenmenschen in dem Maße verstärkt werden, wie diese Wesen ihr tierisches Auftreten mit künstlichen Waffen zur Verteidigung und zum Angriff verstärkt haben. Und diese verstärkte Praxis des Gesetzes des Dschungels ist heute die Weltmoral. Sie bestimmt das Verhältnis zwischen Staaten und Völkern. Dass deshalb das Leben in entsprechendem Ausmaß tierisch statt menschlich, kriegerisch statt friedlich werden muss, dürfte hier selbstverständlich sein.
Nach dieser Kapitulation von Religion und Materialismus wird die nun beginnende Geisteswissenschaft mit ihren kosmischen Analysen des lebenden Etwas hinter der Materie oder Substanz und damit des realen physisch-psychischen Weltbildes, der einzige jetzt offene und gangbare Weg zum Weltfrieden sein. Hier wird die Reinkarnation oder die ewige Existenz des Individuums auf unerschütterlicher, logischer Grundlage erklärt. Durch das Wissen um dieses ewige Sein erkennt man, dass man selbst der erste Urheber, Schöpfer und Auslöser des eigenen Schicksals ist und dass alle unsere Mitwesen und unsere Umgebung niemals die Ursache dafür sein können, wo wir geboren werden, wer unsere Eltern sein werden, in welcher Umgebung und welchen Verhältnissen wir leben werden, welche Sorgen und Leiden oder andere Formen von Unbehagen wir erfahren werden. Diese Wesen und Umgebungen können nie etwas anderes sein als die Mittel oder Werkzeuge, durch die wir mit unserem eigenen Wesen bewusst oder unbewusst unser eigenes Lebenserleben auslösen und gestalten, was ja dasselbe ist wie unser Schicksal. Da unser Schicksal ausschließlich nur die Folge von Ursachen sein kann, die wir selbst ausgelöst haben, teils im gegenwärtigen, teils in früheren Erdenleben, gibt es niemanden, auf den wir zu Recht wütend sein können, niemanden, dem wir für dieses oder jenes Unbehagen oder dieses oder jenes unglückliche Ereignis in unserem Schicksal Vorwürfe machen können. Wir sehen, dass alle Unannehmlichkeiten Ausdruck unserer eigenen Unvollkommenheit in der Lebenskunst oder im Verhalten sind und lernen daher aus jeder Unannehmlichkeit oder jedem Erlebnis. Die Reinkarnationsanalysen der Geisteswissenschaft und das Weltbild beseitigen somit vollständig den großen Aberglauben, dass jemand Unrecht tun und jemand Unrecht erleiden kann. Sie entziehen dem Märtyrertum jede Grundlage und zeigen, dass jede Form von Hass, Wut, Neid, kurzum jede Form von Lieblosigkeit ein Sturz und Fehltritt des noch unfertigen oder kosmisch blinden Erdenmenschen ist. Da Stürze und Fehltritte zu Erfahrung führen, Erfahrung zu Lebensweisheit und Lebensweisheit zu kosmischer Klarsicht oder kosmischer Einweihung, die die Grundlage des vollkommen humanen Menschen oder Ebenbildes Gottes bildet, werden auf diese Weise alle Stürze und alle Fehltritte im göttlichen Weltplan nützlich und unentbehrlich und machen so das ewige Wort: "Alles ist sehr gut" zu einer Tatsache. Wenn die kosmischen Analysen der Reinkarnation zur natürlichen, wachen, tagesbewussten Erkenntnis der Mehrheit der Menschheit auf der Erde werden, wird die Liebe das Gesetz des Dschungels aus der herrschenden Weltmoral verdrängen. Harmonie und Frieden, Kunst und Wissenschaft, Schönheit und Freude werden dann die vorherrschende, leuchtende Verbindung zwischen allen Menschen, Nationen, Rassen und Individuen der Welt sein.
Die obige Frage und Antwort gehören zu einer regelmäßig wiederkehrenden Rubrik der Kontaktbriefe 1950-51, in denen Martinus Fragen von Lesern beantwortete. Diese Frage Nr. 16 wurde erstmals im Kontaktbrief Nr. 10, 1950, veröffentlicht. Artikel-ID: M3016. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2024/2 von Kurt Gramm.
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
Unter Angabe des Copyrights und der Quelle können Sie gerne zu diesem Artikel verlinken. Unter Beachtung des Urheberrechts können Sie auch gerne aus dem Artikel zitieren. Kopien, Nachdrucke und andere Formen der Wiedergabe des Artikels sind nur nach schriftlicher Absprache mit dem Martinus-Institut möglich.
Kommentare können an: info@martinus.dk gesendet werden.
Fehler- und Mängelanzeigen sowie technische Probleme bitte an Webmaster senden.
