M0310
Die Vorsehung
Von Martinus
1. Der degenerierte Glaube
Zur Lösung der großen Probleme des Lebens gehört es auch zu wissen, dass eine Vorsehung existiert. In der Instinkt-Epoche der Menschen oder in ihrem Naturzustand bezweifelten sie nicht, dass hinter der gesamten physischen Welt, hinter ihren Elementen, Bewegungen und Schöpfungsprozessen eine Vorsehung, eine Gottheit oder Gottheiten existierten. In unserer aufgeklärten materialistischen Epoche jedoch ist die Auffassung von einer Vorsehung sozusagen verloren gegangen. Selbst die Auffassung, dass höher entwickelte Wesen als die Menschen existieren sollten, wird von vielen als naiv angesehen, als etwas, was intelligente Menschen wirklich nicht ernst nehmen können. Wenn der Glaube an eine Vorsehung verloren gegangen ist, entsteht ganz natürlich die Frage, wie lange noch das ganze kirchliche Aufgebot mit allen seinen tausendjährigen Traditionen die Menschen leiten und führen kann. Die Kirche hat ja in vergangenen Zeiten eine außerordentlich große Macht gehabt und hat sie in bestimmten Gebieten der Erde in gewissen Umfang auch heute noch. Da sich aber immer mehr Menschen von dem religiösen und kirchlichen Gedankengut freimachen und die Lösung des Lebensmysteriums auf anderen Wegen suchen, wird die Macht der Kirche unweigerlich geringer, selbst wenn die Menschen auf diesen anderen Wegen auf eine neue und undogmatische Weise zur Religiosität zurückfinden. Vorläufig haben große Teile der Menschheit in ihrem Suchen die "Früchte vom Baum der Erkenntnis" genossen, sie haben ein unermessliches Wissen auf der physischen Ebene bekommen, aber eine Vorsehung haben sie dort nicht gefunden, obwohl sie tief in die Welt der Mikroben und weit hinaus in die Riesensysteme der Sternennebel gedrungen sind. Sie entdecken immer neue Bewegungsformen im unendlich Großen und im unendlich Kleinen, aber auf der anderen Seite haben sie den festen Punkt in ihrem Dasein verloren.
2. Disharmonie unter den irdischen Menschen
Wenn die Menschen sich jedoch dauernd weiterentwickeln und immer tüchtiger und klüger werden, spielt es dann eine Rolle, dass sie keine Empfindung dafür haben, dass ein Gott oder eine Vorsehung existiert? Doch, das bedeutet sehr viel! Die Menschen können nämlich in ihrer Entwicklung nur bis zu einem gewissen Stadium kommen, ohne die Vorsehung zu erleben. Sie werden jedoch einmal zu einer Entwicklungsstufe gelangen, auf der sie die Lenkung der Vorsehung in allem, was sie überhaupt erleben, erkennen. Und in dieser Verbindung ist es das Allerwesentlichste, dass sie sich ohne Verständnis für eine Vorsehung unmöglich einen Begriff davon bilden können, was moralisch und was unmoralisch ist. Ohne dieses Verständnis zu haben, ist es unmöglich, ein "Mensch im Bilde Gottes" zu werden – ein Zustand, dem der Mensch auch heute, ohne es zu wissen, zustrebt. Es ist unmöglich, Krieg und Unfrieden zwischen den Nationen und zwischen den Einzelnen abzuschaffen; es ist unmöglich, Krankheiten, Leiden und alles, was der Begriff "unglückliche Schicksale" enthält, ohne dieses Verständnis abzuschaffen. Natürlich soll nicht ein blinder Glaube an die Vorsehung wiedergewonnen werden, denn das ist nicht möglich; sondern das Verständnis und das Erleben der Realität, die sich hinter dem Begriff Vorsehung befindet, wird jedem einzelnen Menschen mit der Zeit offenbar, ein Erleben einer lebenden und für alle Wesen lebensnotwendigen Realität, ohne welche kein Leben, d.h. kein Erleben des Lebens, keine Schöpfung und Lebenserneuerung stattfinden könnte, weder in der Welt der Minerale oder Pflanzen noch in der Welt der Tiere oder Menschen, weder im Mikrokosmos oder unserem Zwischenkosmos noch im Makrokosmos.
Die Pflanzen, die Tiere und die Naturmenschen leben in gutem Kontakt mit den Lebensgesetzen in ihren Lebens- und Entwicklungszonen, in denen sie sich befinden. Und das besagt tatsächlich, dass sie – jedes Wesen auf seine Weise – in Kontakt mit der Vorsehung leben. Die "entwickelten" Menschen dagegen, die zivilisierten, materialistischen Kulturmenschen mit ihrem hochgepriesenen intelligenzmäßigen Wissen und Können, leben in einem so schlechten Kontakt mit der ewigen Vorsehung, wie es überhaupt möglich ist. Wie wird dieser schlechte Kontakt vernommen und erlebt? Dadurch, dass es jedem klar geworden ist, dass die Menschen im elendigsten, ja geradezu so krankhaft elendigen Zusammensein mit anderen Wesen leben. Ihr Benehmen ist töricht. Da sie ein vorbildliches Modell menschlicher Lebensweise nicht respektieren und auch nicht an andere überlieferte religiöse Ideale oder Vorschriften glauben, weil diese als Dogmen oder Behauptungen und nicht als wissenschaftliche Tatsachen überliefert sind, formt sich jeder Einzelne seine besondere Hypothese oder Theorie über seine Lebensweise und sein Verhältnis zum Nächsten. Da diese Theorien so verschieden sein können, wie die Menschen verschieden sind, aber jeder die eigene als die Richtige hervorhebt, während die Auffassung des Nächsten "falsch" ist, entstehen außer den von vornherein existierenden Ursachen von Streit und Lärm noch mehr Disharmonie, Uneinigkeit, Intoleranz und Unfrieden in der Welt. Natürlich gibt es Menschen, deren Auffassung nahe an die der anderen kommt, was verursacht, dass sich Gruppen oder Parteien bilden, die die "Naiven" oder "Unwissenden" in oder außerhalb der anderen Gruppen bekämpfen oder sie für ihre Partei zu gewinnen suchen, die ihrer Meinung nach die einzige ist, die die Möglichkeit hat, Frieden und besseres Verständnis zwischen den Menschen zu schaffen. Krieg und wieder Krieg trifft man überall im täglichen Leben an, das nachgerade ein Schlachtfeld, ein Gebiet des Todes und der Invalidität geworden ist. Wenn die Menschen den von ihnen selbst so heiß ersehnten, wirklichen Frieden erreichen wollen, den Frieden, der die Verheißung der Weihnachtsbotschaft erfüllt, müssen sie verstehen lernen, dass der einzige Weg zu diesem Frieden eine harmonische Zusammenarbeit mit der Vorsehung ist.
3. Die Vorsehung, der Nächste und der Mensch selbst
Der Mensch hat im Religionsunterricht gehört, dass er seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst. Aber im Allgemeinen haben die Menschen nichts davon begriffen. Man kann ihnen deshalb keine Vorwürfe machen, und sie selbst leiden am meisten darunter, dass sie es nicht gelernt haben. Aber Leiden geben Erfahrungen und Erfahrungen bringen eine besondere Form von Gelehrsamkeit mit sich, die man nicht aus Büchern lernen kann. Diese Erfahrungen haben viele Menschen der Gegenwart zu suchenden Menschen gemacht, zu Menschen, die einen festen Punkt im Dasein suchen. Sie glauben nicht an den alten lieben Gott irgendwo im Weltraum. Eine einseitige materialistische Lebensanschauung genügt ihnen jedoch auch nicht. Diese suchenden Menschen sind sehr oft gute und liebevolle Menschen, die lieber selbst Unannehmlichkeiten auf sich nehmen, als dass andere Unannehmlichkeiten haben sollen, die lieber selbst leiden wollen, als dass sie Ursache zu den Leiden anderer sein wollen. Ihre Lebensweise ist, ohne dass sie sich dessen richtig bewusst sind, zum Segen für ihre Umgebung und damit auch zum Segen für die Vorsehung. Man kann nämlich nicht seinen Nächsten lieben, ohne dadurch auch Gott zu lieben, wie man auch nicht Gott lieben kann, ohne seinen Nächsten zu lieben. Und wenn man Gott und seinen Nächsten liebt, entsteht daraus auch die Liebe zu sich selbst, die nichts mit Egoismus zu tun hat. Es ist sehr wichtig, dass die Menschen lernen, dies zu verstehen, denn aus diesem Verständnis heraus wird ihre Lebensweise nach und nach zur Freude und zum Segen für die Vorsehung, für ihren Nächsten und für sie selbst. Wenn die Lebensweise eines Menschen dagegen auf Hass, Intoleranz, Eifersucht, Bitterkeit oder anderen, menschlich gesehen, negativen Gedankenarten ihrem Nächsten gegenüber beruht, ist er weder zum Segen für die Vorsehung oder für seinen Nächsten noch – wenn er es auch nicht glauben mag – für sich selbst. Wenn man auf eine solche Weise denkt, fühlt und handelt, sabotiert man das Leben, und die Wirkung ist infolge der Lebensgesetze von Saat und Ernte sowie von Ursache und Wirkung, dass das Schicksal auf die eine oder andere Weise unglücklich wird. Man kann nämlich nicht das Leben sabotieren, ohne dass man sein eigenes Leben sabotiert.
4. Eine organische Funktion
Die Idee einer Vorsehung ist keine menschliche Erfindung. Sie ist bereits als Instinkt im Lebewesen vorhanden, lange bevor es Intelligenz oder die Fähigkeit zum Nachdenken und Analysieren entwickelt hat. Das Tier schreit, wenn es in Lebensgefahr kommt, und dieser Schrei ist in Wirklichkeit ein Hilferuf, ein Ruf an eine unbekannte Vorsehung. Das Tier weiß selbst nicht, wen es anruft, denn das ist eine automatische Funktion, d.h. eine organische Funktion. Da das Tier nicht denken kann, sind mit dieser Funktion keine Gedanken verbunden, das kommt erst viel später in seiner Entwicklung. Naturvölker sind, kosmisch gesehen, Tiere auf einer höheren Entwicklungsstufe. Sie haben auch den religiösen Instinkt als eine organische Funktion in sich, und da sie mentale Fähigkeiten entwickelt haben, die das Tier nicht hat, verbinden sie sie ganz natürlich mit der eingebauten Automatfunktion, die sich bei ihnen als blinder Glaube an eine Vorsehung oder an höhere Mächte äußert, die die Menschen oder die Natur leiten und mit denen es in hohem Maße gilt, sich gut zu stellen. Eine höhere Form der Denkfähigkeit haben die primitiven Menschen nicht. Ihre Religion beruht auf Instinkt und Gefühl, und da sie noch dem Dschungel nahestehen, ist ihr Glaube mit blutigen Opferungen und anderen Formen tierischer Grausamkeit und Mentalität verbunden. Aber sie glauben blind an höhere Mächte, in deren Gunst sie sich einzuschmeicheln suchen und deren Günstlinge sie gern sein möchten, während sie wünschen, dass ihre Feinde mit Zorn und Verwünschungen der Götter geschlagen werden, und die Wünsche, welche sie als Gebete und Beschwörungen nach oben senden, sind in Wirklichkeit dasselbe wie der Angstschrei des Tieres, nur besser formuliert als dieser und auch in Verbindung mit anderen Bewusstseinsenergien, als das Tier es vermag. In den Tieren und in den primitiven Menschen existiert, frei von jeder Überlegung und Denktätigkeit, eine organische Funktion, die in einer Notlage die Tiere aus Angst schreien und die Naturmenschen sich auf ihre primitive Weise an lenkende Mächte wenden lässt, um Hilfe im Kampf ums Dasein zu bekommen. Diese Anrufung einer Vorsehung gibt es bei allen Lebewesen, auch wenn sie ihre Bewusstseinsenergien auf ganz verschiedene Weise mischen und mehr oder weniger bewusst in ihrer Anrufung sind. Selbst der hartnäckigste Gottesleugner wird erleben, dass der Schrei oder das Gebet, oder beides gleichzeitig, automatisch hervorbricht, wenn er sich plötzlich in Lebensgefahr befindet und auch wenn sich in meilenweitem Umkreis kein anderer Mensch befindet, der den Schrei hören und zur Hilfe eilen könnte.
5. Die Schöpfungsprozesse der Natur
Die Tiere und die Menschen haben Augen, weil etwas zu sehen ist; sie haben Ohren, weil etwas zu hören ist. Die Schöpfungsprozesse der Natur sind logisch und so gut ausgeführt, dass der schöpferische Mensch keinen besseren Lehrmeister als die Natur haben kann. Aber warum haben Tiere und Menschen außer vielen anderen Organen und organischen Prozessen auch diese organische Funktion, die sich als Schrei oder Gebet äußert? Weil auch etwas existiert, wohin man sich wenden kann. Das Tier tut es nur rein spontan, und es besitzt nicht die Fähigkeit, andere Bewusstseinsenergien mit seinem Hilfeschrei zu verbinden. Der primitive Mensch hat Phantasie und Bilder formende Fähigkeiten, die er ganz natürlich mit dem religiösen Instinkt zu dem Glauben an Götter und Dämonen verbindet. Das unartikulierte Nothilfeprinzip wird nach und nach zu einem kultivierten Hinwenden an eine Vorsehung. Allmählich werden die Menschen intelligenzmäßig entwickelt, wenn auch die Intelligenz im Verhältnis zu der vorherrschenden Instinkt- und Gefühlskombination primitiv ist, und eine Reihe von theologischen Spekulationen ist hiervon das Ergebnis; und das Resultat hiervon wieder ist eine Reihe von Dogmen und Lehrsätzen, die bei den verschiedenen höheren Religionen bestimmen, dass die Menschen in dieser oder jener Weise glauben müssen, um erlöst zu werden, und tun sie das nicht, sind sie der Vernichtung oder ewigen Verdammnis verfallen. Die an die Vorsehung gerichteten Gebete handelten denn auch lange Zeiten hindurch davon, die "Gnade Gottes" zu erreichen und der Verdammnis oder Vernichtung zu entgehen und Erlösung und ein ewiges Leben zu erlangen. Denn wie das Tier instinktmäßig Angst vor dem Tod hat, fürchtet sich auch der Mensch davor. Der Mensch verbindet jedoch seine Angst vor dem Tod nicht bloß mit dem Instinkt, sondern auch mit dem Gefühl und dem beginnenden Denken. Daher hat er auf alle mögliche Weise versucht, sich Schutz und Gnade "zu sichern". Was tut aber der Mensch von heute, der weder an Gott noch an ein ewiges Leben glaubt? Der heutige Mensch hat angefangen, in neuen Bahnen zu denken, und wenn er nach und nach fähig wird, diese Gedanken mit der ihm eingebauten Automatfunktion zu verbinden, die er besitzt, ob er will oder nicht, wird ein neues und viel intensiveres Erleben Gottes oder der Ewigkeit den atheistischen und materialistischen "Leerraum" ablösen, der heute vorherrscht. Es wird dem Menschen genauso natürlich fallen, sich im Gebet an das "Etwas" zu wenden, das die ewige Gottheit ist, wie es ihm natürlich ist, etwas zu sehen, zu hören oder überhaupt irgendetwas zu erleben.
6. Der Mensch im Bilde des Universums
Der Mensch, der offen und vorurteilsfrei die Prozesse der Natur im Makro- und im Mikrokosmos beobachtet, hat durch diese Naturbeobachtung die Möglichkeit, bestätigt zu bekommen, dass das "Etwas", an das er selbst wie auch andere Lebewesen sich in einer Notlage rein automatisch oder instinktmäßig wenden, eine Realität ist.
Jedes Lebewesen muss einen Organismus haben, um das Leben erleben zu können, und ein solcher Organismus ist nicht bloß ein Werkzeug für seine Manifestation und für sein Erleben des Lebens. Er ist auch eine Wohnstätte für Myriaden von lebenden Mikrowesen: von Zellen, Molekülen, Atomen usw. Für diese Wesen, die sich in einem solchen Organismus befinden, muss der Organismus ein Universum sein, und da jedes Organ und jede Drüse, wie auch jedes andere Organismus-Gebiet wie Muskulatur, Knochengerüst usw., seinen besonderen Lebensraum für Partikel mit dazwischen liegendem Zwischenraum, sein besonderes System von Bedingungen für Leben bildet, ist also der Organismus aus höchst verschiedenen Systemen zusammengesetzt. Er stellt in Wirklichkeit dasselbe Prinzip dar, wie es der Makrokosmos oder das Universum für uns darstellt. Der Makrokosmos besteht ja auch aus einer Menge von verschiedenen Systemen oder Lebensräumen, und obschon der Mensch nicht imstande ist, dies durch seine physischen Sinne aufzufassen, wird er mit logischem Denken imstande sein zu verstehen, dass das, was wir das Universum nennen, ein Riesenorganismus ist, in welchem Myriaden von Lebewesen "leben, weben und sind". Der Mensch ist wirklich "im Bilde des Universums" geschaffen, weil er selbst ein Universum ist, indem sein Organismus ein Lebensraum ist, in welchem Mikropartikel, die lebende Wesen sind, zur Welt kommen, leben und sterben und von anderen abgelöst werden. Diese Mikroerscheinungen verursachen Verwandlungen im Organismus, Verwandlungen von der Art, die wir Entwicklung nennen, und der Art, die man als Degeneration charakterisieren kann.
7. "Der Mensch im Bilde Gottes oder der Vorsehung"
Hinter unserem Organismus haben wir alle – ohne dass sie geortet werden kann – eine Ich-Empfindung, und wir geben dieser Ich- oder Zentrumsempfindung Ausdruck, indem wir z.B. sagen: "Ich sehe", und nicht "die Augen sehen". Wir sagen auch nicht: "Meine Ohren hören", sondern "Ich höre" usw. Denn ein "Ich", ein "Etwas" braucht die Augen, die Ohren und den ganzen Organismus als Werkzeug zum Erleben oder zur Manifestation. Dieses Werkzeug ist, wie schon erwähnt wurde, ein ganzes Universum, das aus Myriaden von Lebewesen besteht. Und wir benutzen also in Wirklichkeit diese Mikrowesen. Sie sind lebende Werkzeuge, durch welche wir imstande sind, in dieser physischen Welt zu erleben und schöpferisch tätig zu sein. Wir können weder Behagen noch Unbehagen, weder Lust noch Schmerz empfinden, ohne dass das durch diese unsere Mikrowesen geschieht. Und wenn es sich um das Erleben physischen Schmerzes oder Wohlbehagens handelt, geschieht dies durch diejenigen unserer Mikrowesen, die animalischen Charakter haben. Schneiden wir Haare oder Nägel, empfinden wir keinen Schmerz, weil die Mikrowesen in diesen "Lebensräumen" mineralischen Charakters sind und ihr Tagesbewusstsein nicht auf der physischen Ebene haben. Schneiden wir uns aber aus Versehen beim Nagelschneiden in den Finger, merken wir sofort, dass wir nicht in Mineralmaterie schneiden. Es geschieht eine Verletzung, eine Katastrophe in einem Teil unseres Universums, dessen Bewohner animalische Wesen sind, und das bedeutet, dass sie ihr Tagesbewusstsein in der physischen Welt haben und imstande sind, Schmerz zu fühlen. In ihrem Lebensraum ist eine Disharmonie eingetreten, eine Hemmung ihrer natürlichen Funktion und ihres natürlichen Lebensrhythmus, und diese Schmerzempfindung geht nicht ruhig vor sich, wie auch wir Menschen, die wir auch animalische Wesen mit physischem Tagesbewusstsein sind, meistens nicht still sein können, wenn wir Katastrophen oder Hemmungen in unserer natürlichen Lebensentfaltung erleben. Der Mensch, der sich in den Finger schneidet, fühlt durch sein Nervensystem, dass es weh tut, und hört sofort mit dieser für seinen Organismus und für seine eigene Empfindung negativen Tätigkeit auf. Kosmisch gesehen war dies ein "Gebet" von den lebenden Mikrowesen, das "erhört" wurde und im Aufhören der "Katastrophe" resultierte.
Wenn alle Mikrowesen in unserem Organismus vollkommen zusammenarbeiten, sodass jedes Organ im Organismus seine Mission erfüllt, empfindet unser Ich ein gesundes und angenehmes Wohlbehagen. Entsteht aber die eine oder andere Form von Disharmonie und irgendein Gebiet in unserem Organismus wird in seiner Funktion gehemmt, merkt unser Ich dies als eine Form von Unbehagen oder geradezu als Schmerz durch sein Nervensystem. Wir tun dann ganz natürlich alles, was in unserer Macht steht, um einen Zustand zu schaffen, in welchem Schmerzen und Unbehagen aufhören können. Das ist ja nicht immer so leicht, wie in dem vorher genannten Beispiel, wo man nur darauf achten muss, sich beim Nägelschneiden nicht mehr ins Fleisch zu schneiden. Der Organismus kann viel schwerer verletzt werden, wozu wir im Unfallaugenblick nicht die auslösende Ursache sind, und wir können so krank werden, dass wir den Arzt aufsuchen oder auf andere Weise versuchen müssen, diejenigen Stellen im Organismus auszubessern, zu lindern und zu heilen, von denen uns die Disharmonie "gemeldet" wird. Als vereinigender und lenkender Faktor in unserem Organismus müssen wir als eine Art "Vorsehung" für alle die lebenden Wesen angesehen werden, die sich in dem Universum, das dieser Organismus darstellt, befinden. Wir sind also nicht nur der "Mensch im Bilde des Universums", sondern auch ein "Mensch im Bilde Gottes oder der Vorsehung".
8. Der Mensch als "Vorsehung"
Zwischen unserem Ich und den Ichen unserer Mikrowesen besteht eine fortwährende Verbindung, ein fortwährendes Meldesystem über die Situation in den betreffenden Körpergebieten. Alle einzelnen Mikropartikel in unserem Organismus befinden sich in einem Lebensraum, der unserer Kontrolle unterworfen ist, und wir können uns dieser Kontrolle nicht entziehen, ohne dass es dem Organismus als Werkzeug für unsere Manifestation schadet. Wenn wir unser tägliches Leben und unsere tägliche Lebensweise derart formen, dass die Mikrowesen unseres Organismus krank werden, können sie nicht ihre Mission im Organismus erfüllen, dessen Zerrüttung wir dann selbst als Krankheit, Schmerz und Leiden fühlen, ja, die nach einiger Zeit vielleicht den Untergang, den Tod des Organismus herbeiführen kann. Dem Schicksal, das wir unseren Mikrowesen zufügen, werden wir selbst unterworfen, und es zeigt sich deutlich, dass alle Lebewesen, die zu verstehen beginnen, dass es nicht gleichgültig ist, wie man seinen Körper behandelt, nach und nach eine immer bessere "Vorsehung" für die Wesen werden, die in ihrem Organismus "leben, weben und sind". Es bedeutet etwas, dass man richtige Nahrung, ausreichende Ruhe und Erholung, erforderliche Bewegung und was sonst noch für den physischen Körper selbst nützlich ist, bekommt. Aber es bedeutet mindestens ebenso viel, dass man imstande ist, die Gedanken und Gefühle zu überwinden, die nicht nur unmittelbar das Nervensystem zerrütten, sondern durch dieses auch weite Gebiete oder Lebensräume des Organismus. Der Mensch kann ja dadurch physisch krank werden, dass er negative Gedanken hat. Diese elektrischen Kräfte können direkt einen Kurzschluss und damit ganze Naturkatastrophen in der Mikrowelt des Körpers hervorrufen. Sind die Menschen schlechter Laune, sauer, gereizt, bitter und hasserfüllt, geht es nicht nur über ihre Mitwesen im Zwischenkosmos her, also über andere Menschen oder Tiere, sondern auch in ihrem eigenen Organismus werden Unwetter, Stürme und furchtbare Orkane erzeugt, deren Wirkungen Totschlag und Verletzungen, Sorgen und Leiden für Tausende von Lebewesen sind, die, obwohl sie im Verhältnis zu unserer Größe mikroskopisch sind, aus ihrer mentalen Perspektive trotzdem ebenso sehr leiden können, wie wir aus unserer Perspektive gesehen. Wenn aber unsere Mikrowesen einer Vorsehung unterworfen sind, wie steht es dann mit uns selbst?
9. Die Erde als Lebewesen
Auch wir leben in einem großen Organismus. Es ist wohl den meisten schon zur Tatsache geworden, dass wir nicht in einem absoluten Leerraum leben. Um uns herum ist logische Schöpfung am Werk; es gibt "Verdauung" oder Umbildung von Stoffen genauso, wie in unserem Organismus, es geschehen Verdichtung, Verdampfung, Schmelzvorgänge und andere Formen von Materieverwandlung. Da sind elektrische und magnetische Wirkungen, und warum sollten alle diese mächtigen Kräfte in Sonnen und Milchstraßen nicht Energieladungen in einem Organismus genau wie in unserem eigenen Organismus sein? Hier ist ja alles logisch gelenkt und alles erfüllt planmäßige Absichten und Zwecke. Wenn wir wirklich versuchen, von dem überlieferten Vorurteil wegzukommen, dass unsere Erde bloß eine mineralische Kugel ist, ein "Ort" im Universum, den wir bewohnen, so können wir nicht umhin zu erkennen, dass die Erde auch ein Lebewesen ist. Sie atmet und nimmt Nahrung auf, sie hat Blutkreislauf und Drüsenfunktionen usw., genau wie andere physische Wesen. Die Form ihrer Lebensfunktionen ist ganz gewiss eine andere als unsere, aber das Prinzip ist das Gleiche. In kosmischer Perspektive gesehen sind wir also Mikrowesen im Organismus des Erdballwesens. Zwischen dem Ich dieses makrokosmischen Wesens und unserem Ich besteht eine ähnliche Verbindung wie zwischen unserem Ich und den Ichen unserer Mikrowesen. Unsere Empfindungen von Behagen und Unbehagen, ja selbst unsere leisesten Seufzer der Traurigkeit bleiben im Weltall nicht unbeachtet. Für das Erdballwesen ist es eine Lebensbedingung, seinen Mikrowesen zu helfen; wir stehen ebenso unter seinem Schutz, unter seiner Kontrolle, wie unsere Mikrowesen unter unserem Schutz, unter unserer Kontrolle stehen.
Nun wird der eine oder andere einwenden, dass das Erdballwesen offenbar keine besonders gute "Vorsehung" für uns ist, teils ausgehend von eigenen Erlebnissen und teils von der Beurteilung der Weltsituation als Gesamtheit allein innerhalb dieses Jahrhunderts. Aber wie ist der Mensch selbst als "Vorsehung"? Ist er vielleicht besser? Dazu muss man von einem kosmischen Gesichtspunkt aus sagen, dass ebenso wie unser Ich im Verhältnis zu unseren Mikrowesen nicht Gott ist, ist das Erdballwesen auch nicht Gott für uns. Sowohl das Erdballwesen als auch wir selbst sind im Verhältnis zu unseren Mikrowesen das "Bild der Vorsehung oder Gottes", aber wir sind nicht die Vorsehung oder Gott selbst. Was ist denn der Unterschied? Alle Lebewesen im unendlichen Universum sind Universen beziehungsweise Materien füreinander; sie bilden "Kreisläufe lebender Wesen innerhalb von lebenden Wesen", was dasselbe ist wie "Gottes Bild". Aber was ist dann Gott? Gott ist die unüberschaubare Gesamtheit, in der alle diese Myriaden von Lebewesen leben, weben und sind. Gott ist das Universum oder der Kosmos als ein lebendes Wesen.
10. Die Vorsehung und die Nächstenliebe
Was sollen die Menschen lernen, indem sie im Organismus des Erdballwesens leben? Sie sollen infolge unseres Religionsunterrichts lernen, Gott über alles und ihren Nächsten wie sich selbst zu lieben. Dies ist für viele Menschen nur eine Formel, die sie einmal gelernt haben, aber nicht mit etwas Realem verbinden. Denn was und wo und wer ist Gott? Das weiß man nicht. Und diese Nächstenliebe ist so oft gepredigt worden, dass man es gar nicht mehr hört. Wie man auch das nicht mehr richtig sieht, was man jeden Tag sieht. Es wurde zur Gewohnheit zu sagen, dass man gut zueinander sein soll, und es ist immer noch Gewohnheit, dass man es nicht ist. Und sich selbst lieben? "Ja, aber das ist ja ganz verkehrt, man soll doch kein Egoist sein", sagt man (gleichzeitig damit, dass man es ist). Die Menschheit braucht eine durchgreifende Erklärung dafür, was es heißt, Gott zu lieben, seinen Nächsten zu lieben und sich selbst zu lieben, eine Aufklärung, die zeigen wird, dass es in Wirklichkeit dasselbe ist, bloß aus drei verschiedenen Perspektiven gesehen.
Wenn man die Kosmologie studiert und sie nach bestem Können befolgt, wird es dem irdischen Menschen möglich, Gott zu lieben, indem er seinen Nächsten liebt, und dadurch kann er gar nicht darum herumkommen, sich selbst zu lieben. Aber wer sind unsere Nächsten? Das sind nicht bloß unsere Mitwesen im Zwischenkosmos, sondern auch unsere Organe, Zellen, Moleküle, Atome usw. Das sind alle die Lebewesen, die in dem Universum leben, das unser Organismus ist, und für die wir eine Art "Vorsehung" oder ein "Schutzengel Nr. 1" sind. "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch." (Mt 7,12) Aber das bedeutet ja, wenn wir wünschen, dass das Erdballwesen die bestmöglichen Lebensbedingungen für uns schaffen soll, dass wir, um dies zu ernten, das selbst säen müssen, wo es möglich ist. Und das ist im Verhältnis zu unseren eigenen Mikrowesen möglich. Dort können wir das gute Schicksal säen, das wir in der Zukunft gern ernten wollen. Wir können "ihre Gebete erhören" und nicht nur das, wir können sogar versuchen, die Bedingungen zu schaffen, die ihnen keine Leiden und Unannehmlichkeiten, sondern das Gegenteil davon bereiten, indem wir daraufhin arbeiten, eine gesunde Seele in einem gesunden Körper zu schaffen.
Dass die Lebewesen in darüber- und darunterliegenden Spiralkreisläufen Universen und Materien füreinander bilden, bedeutet in Wirklichkeit, dass sie Werkzeuge oder Organe sind, durch welche es möglich ist, Gott zu erleben. Und für Gott sind alle Lebewesen im Universum die Organe, durch welche es der Gottheit möglich ist, das Leben zu erleben. Die Wesen sind für Gott genauso notwendig, wie es Gott für die Wesen ist, und zusammen bilden sie eine ewige, lebende Ganzheit, in welcher das kleinste Atom Gott genauso nahesteht wie ein Milchstraßensystem. Kann Gott denn unsere Gebete hören? Ja, durch geistige Wesen, die Organe in den geistigen Körpern des Erdballwesens sind, gehen unsere Gebete zum Ich des Erdballwesens, das "der Schutzengel Nr. 1" der Menschen ist, und weiter zu anderen Sinnesorganen der Gottheit, die auf eine solche Wellenlänge eingestellt sind. Aber werden unsere Gebete denn auch erhört, sodass geschieht, was wir wünschen? Es geschieht absolut nicht immer, dass genau das eintrifft, was wir uns gerade wünschen. Auf längere Sicht würde es uns vielleicht auch gar nicht helfen, wenn es so geschähe. Daher lehrte Christus auch die Menschen zu beten: "Geschehe nicht mein, sondern dein Wille". Also wird den Menschen nicht geholfen? Doch, uns wird immer geholfen, wenn wir darum bitten, und daher gibt es keine Situation, in der man nicht um Hilfe bitten kann, um durch Schwierigkeiten hindurchzukommen. Die Hilfe wird kommen – vielleicht auf die Weise, die wir am wenigsten erwarteten. Je mehr ein Mensch vermag, seinen Nächsten zu lieben – im Mikro-, Zwischen- und Makrokosmos – desto mehr beginnt der Betreffende, Gott oder die Vorsehung überall zu erleben, und desto mehr wird er mit dem Erdball-Ich zusammenarbeiten, um den Organismus der Erde in eine Welt der Harmonie und des Friedens zu verwandeln, und dies kann er nicht tun, ohne seinen eigenen Organismus zur Freude und zum Segen für die Myriaden von Lebewesen umzubilden, für die er ein Universum ist.
Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag von Martinus im Martinus Institut am 4. Oktober 1953. Das Vortragsmanuskript wurde von Mogens Møller bearbeitet und von Martinus gutgeheißen. Erstmals erschienen im Kontaktbrief Nr. 2-3, 1966. Artikel-ID: M0310. Übersetzung: Erich Gentsch. Für den deutschen Kosmos Nr. 1, 2024 leicht überarbeitet und modernisiert von: Vincent Stadlmair.
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
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