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M0559
Die Rede Gottes
Von Martinus

1. Die instinktmäßige Einstellung zum "Guten" und zum "Bösen"
Jetzt, wo die Wintersaison zu Ende geht, und eine kleine Pause in den Vorträgen eintritt, könnte es eine gute Idee sein, einmal auf die Vorträge zurückzublicken, um sich einzuprägen, was das Zentrale in dem Dargestellten war. Alle Vorträge, sowie die abgehaltenen Kurse, basierten ausschließlich darauf, den Menschen zu zeigen, dass das Leben eine lebendige Sprache, ja, eine direkte Hinwendung einer Vorsehung oder der Gottheit selbst an jedes einzelne Lebewesen ist. Ein außerordentlich großer Teil der Menschheit wird im Hinblick auf seine religiöse Einstellung noch von seinem Instinkt getragen. Zu diesen Menschen gehören alle die sogenannten Gläubigen. Sie alle fühlen instinktiv, dass es einen Gott gibt. Derselbe Instinkt sagt ihnen, dass es nicht gleichgültig ist, wie man lebt. Sie unterscheiden zwischen "gut" und "böse". Da sie noch nicht die Intellektualität besitzen, um die wirkliche Struktur des Lebens zu durchschauen, müssen sie auf Grundlage der Realitäten urteilen, die für sie am leichtesten zu verstehen sind. So sehen sie, dass manche Menschen böse und andere gut sind und glauben deshalb, dass diese zwei Arten von Verhalten ihren jeweils eigenen Ursprung oder Urheber haben müssen. Ebenso wie die Gottheit der Urheber des Guten ist, muss es einen Teufel als den Urheber des Bösen geben. Und hierauf gründen sich die meisten religiösen Sekten und Gemeinschaften, und die Religionen sind gewissermaßen an die Empfänglichkeit solcher instinktmäßig eingestellten Wesen angepasst. Ebenso haben sie aufgrund ihres Instinktes die Überzeugung ausgebildet, dass es eine Strafe für das Böse und eine Belohnung für das Gute geben muss. Die Strafe kulminiert in der ewigen Verdammnis, in Heulen und Zähneknirschen, während die Belohnung in einem ewigen Leben in Glückseligkeit kulminiert.
2. Die Vorstellung von den "Erlösten" und den "Verdammten"
Für alle diese Menschen gilt, dass sie sich nur nach den einmal von ihren Führern und Religionsstiftern manifestierten Auffassungen und Schriften richten. Sie betrachten das Leben um sich herum ausschließlich auf die Weise, dass alles, was nicht mit ihrer Auffassung übereinstimmt, ein Werk des Teufels oder böse ist, während alles, von dem sie meinen, dass es zu ihrer Auffassung passt, Gottes Werk ist und somit das Gute darstellt. Es gibt Menschen, die sie als Kinder des Teufels verurteilen, und Menschen, die sie als Kinder Gottes beurteilen. Die Ersteren erwartet die ewige Verdammnis im Feuer der Hölle, die Letzteren das ewige Leben in Herrlichkeit und Glückseligkeit. Und diese Menschen glauben ja alle, dass sie selbst zu den Erlösten und die Andersdenkenden, wenn sie nicht zu ihrer besonderen Auffassung des Lebens bekehrt werden, zu den Verdammten gehören. Und da es viele verschiedene Auffassungen, jede mit ihrer eigenen Anhängerschaft gibt, die die Anderen in mehr oder weniger intoleranter Sichtweise als Verdammte betrachtet, besteht kaum die Aussicht, dass diese Menschen in Harmonie und Frieden miteinander leben werden. Es herrscht hier ebenso eine Art Krieg wie zwischen Nationen und Staaten. Dies kann also unmöglich zum endgültigen Frieden, d.h. zur endgültigen Vollkommenheit, führen. Aber das Leben oder die Gottheit hält eine viel bedeutendere Rede an die Menschen bereit als die, die den Menschen durch den einen oder anderen Religionsstifter oder Menschheitsführer, wie göttlich diese Wohltäter der Menschheit auch gewesen sein mögen, aus zweiter Hand überbracht wurde.
3. Die Welterlöser als Elternprinzip
Genauso wie sich das Kleinkind in den ersten Monaten seines Lebens an die Brust der Mutter klammert und von der Muttermilch leben muss, bis es andere Nahrung zu sich nehmen kann, müssen sich auch die Menschen in den ersten kosmischen Stadien oder Entwicklungsepochen vom Tier zum Menschen an die Auffassungen ihrer Führer klammern. Diese Auffassungen oder Lebenseinstellungen sind somit im Prinzip dasselbe wie die Muttermilch in einem höheren kosmischen Stadium. Diese Welterlöser und Religionsstifter oder Führer stellen somit ein Mutter- oder Elternprinzip für diese geistig oder religiös betrachtet unmündigen Wesen dar. Aber ebenso wie das Kind der Muttermilch und dem Schutz durch die Eltern in dem Maße entwächst, wie es selbst heranwächst und sich dem Erwachsenenstadium nähert, zur Volljährigkeit und Reife gelangt, so entwächst auch der Mensch seinem instinktmäßigen religiösen Stadium. Ebenso wie das Kind beginnt, sich selbst anziehen zu können, beginnt, selbst zurechtzukommen, so beginnt der Mensch auch in religiösen Belangen selbstständig zu werden. Er beginnt, selbst Erfahrungen und Wissen über das Leben anzusammeln. Er gibt sich nicht mehr mit der "Muttermilch" oder dem Kinderglauben zufrieden. Er verlangt jetzt eine viel mehr kombinierte und zusammengesetzte Nahrung. Er kann nicht mehr im Glauben leben, er will jetzt wissen.
4. Das kosmische oder geistige "Flegelalter"
Aber so, wie das Kind in seinem Übergangsstadium vom Kind zum Erwachsenen eine Art "Flegelalter" durchlebt, d.h. einen mentalen Zustand, in dem es der Rede seiner Eltern oder den geltenden Traditionen nicht viel Achtung entgegenbringt, sondern sehr oft von seinem eigenen neuen Zustand und Wissen eingenommen ist und manchmal glaubt, alles Wissen der Welt zu besitzen und alle bestehenden Traditionen geringschätzt, so durchläuft auch der Mensch ein kosmisches oder geistiges "Flegelalter". Dieses Flegelalter ist das materialistische Stadium, das der Mensch als ein Übergangsstadium von seinem religiös gläubigen zu seinem wissenden Stadium erlebt. Die "Flegelaltersymptome" lassen sich besonders in den ersten Stadien der modernen Wissenschaft erkennen. Sie verhöhnt den Glauben an eine Gottheit, den Glauben an ein ewiges Leben, den Glauben an Reinkarnation etc. Sie versteht ebenso wenig wie der junge Mensch, dass sie sich gerade erst in den bescheidenen Anfängen des Erlebens der wirklichen Wahrheit befindet. Sie ist zum Bersten mit materialistischen Fakten gefüllt, die aber allesamt nur Informationen über Materie, über Bewegungen, Vibrationen und Wellenlängen sind. Das ist ein Wissen um Stoff oder Dinge, die in Zeit und Raum existieren. Es ist ein Wissen um vorläufige Dinge, denn sie sind Anfang und Ende unterworfen. Sie besitzt Experten des Wissens um zeitliche oder sterbliche Dinge, aber ein Wissen von den ewigen Tatsachen hinter den zeitlichen ist immer noch ein Rätsel für sie. Dies zeigt, dass sie sich lediglich in einem geistigen Flegelalter befindet und somit noch nicht erwachsen ist. Aber genauso wenig wie das Kind auf Dauer im Flegelalter verbleibt, so wenig verbleibt der Mensch im kosmischen Flegelalter.
5. Für die materielle Wissenschaft bleibt das Leben weiterhin Mystik
Trotz des außerordentlich großen Wissens über die Materie, über die zeitlichen Dinge, bleibt jedoch eine große Frage übrig. Das Leben selbst bleibt weiterhin Mystik. Alle materiellen Fazite münden in etwas, das nicht zeit- und raumdimensional ist. Die Zeit endet in der Ewigkeit, und der Raum endet in der Unendlichkeit. Ewigkeit und Unendlichkeit können nicht gemessen und gewogen werden. Ebenso wird es zu einer Tatsache, dass es noch mehr gibt als nur das Erschaffene oder Hervorgebrachte. Das macht es zur Tatsache, dass auch ein Schöpfer existieren muss. Dieser Schöpfer muss ebenfalls etwas Ewiges sein. Es kann nicht das Erschaffene sein, das den Schöpfer hervorbringt. Es muss doch das Umgekehrte gelten. Es muss der Schöpfer sein, der das Erschaffene hervorbringt. Und obwohl die Wissenschaft sagt, dass so etwas nicht erforschbar ist und dass es Dinge im Leben gibt, über die man nichts wissen kann, so sind diese Antworten doch nicht zufriedenstellend. Sie können die Frage nach der Lösung des Lebensmysteriums nicht aus der Welt schaffen oder auflösen. Aber etwas, das seine Lösung nicht gefunden hat, arbeitet weiter auf diese Lösung hin. Und so wird der Mensch auch in den mentalen Schichten, wo auf die ewigen Tatsachen ein Licht fällt, nach der Lösung suchen. Hier werden absolut alle mit ihrem Hunger und ihrer Suche nach der Erklärung des Lebens enden. Diese mentale Schicht heißt "kosmisches Bewusstsein" und wird durch eine neue Wissenschaft beleuchtet, deren fundamentale Fazite nicht Maß und Gewicht, sondern ewige Fazite sind.
6. Das Leben ist wie eine Sprache, durch die die Gottheit ihre Gedanken und ihren Willen ausdrückt
Die Geisteswissenschaft lehrt die Menschen, die Wirkungen oder Manifestationen des Lebens von einem ganz anderen Aussichtspunkt als dem zeit- und raumdimensionalen zu studieren. Und dieser besteht darin, sich ausschließlich auf das Leben selbst einzustellen und es als Ausdruck von Mentalität und Willensführung zu betrachten. Dies führt zu der Entdeckung, dass das Leben an sich eine göttliche Rede oder Sprache ist und dass das Wesen mit seinen eigenen Sinnen, seiner eigenen Mentalität in der Gedankenart und Daseinsweise der Gottheit lebt. Das erfordert, dass Wut und Hass zu Liebe werden und Krieg zu Frieden. Dieses mentale Gebiet, wo der Mensch beginnt, mit Gott zu sprechen, ist das Gebiet des Heiligen Geistes. Es ist das beginnende Paradies. Es ist ein inneres anfängliches Verstehen des Lebens selbst hinter allen äußeren Erscheinungen. Wir sehen, dass Wut und Bitterkeit, Hass und Verfolgung, Krieg und Unfrieden überflüssige Erscheinungen sind und nur auf Grund von Unwissenheit und Naivität auftreten. Man muss sich in die Vielfalt der Ausdrucksweisen des Lebens als eine Sprache einleben, durch die die Gottheit ihr Bewusstsein, ihre Gedanken und ihren Willen zum Ausdruck bringt, und dann durch diese Rede im eigenen selbstständigen Erleben erkennen, dass alles sehr gut ist und dass Gottes Mentalität eine kulminierende Logik repräsentiert, d.h. darin kulminiert, alles zur Freude und zum Segen für die Lebewesen zu machen, wodurch alles in seinem Endergebnis sehr gut wird.
7. Unsere Beziehung zu Gott ist unsere Beziehung zu unserem Nächsten
Diese Rede des Lebens macht den Menschen kosmisch gesehen souverän in einer intimen, individuellen Beziehung und einem Zusammensein mit der Gottheit. Es ist diese Beziehung, die durch die große Geburt oder Einweihung eingegangen wird. Und mit diesem Erlebnis ist das Wesen nicht mehr von Glaubensdogmen oder den Meinungen oder Auffassungen anderer Menschen, egal wie viel Autorität sie auch besitzen mögen, abhängig. Es bekommt sein ganzes Wissen durch sein inneres Verschmelzen mit der Gottheit. Es ist dieses Verschmelzen mit der Gottheit, was Christus als "Einssein mit dem Vater" bezeichnet. Aber da der Organismus und die Organe oder der physische Leib der Gottheit unser Nächster ist, so ist alles, was wir durch unseren Nächsten erleben, Gottes Rede an uns. Durch unsere Verhaltensweise und unser Handeln wenden wir uns entweder bewusst oder unbewusst an Gott, und Gott antwortet durch unsere Erlebnisse. Es sind diese Erlebnisse, die wir Schicksal nennen. Aber das Schicksal ist kein blindes Geschehen. Es ist Gottes Antwort auf die Verhaltensweise des Individuums seinem Nächsten gegenüber und damit gegenüber der Gottheit. Alles, was wir unserem Nächsten wünschen, wünschen wir in Wirklichkeit der Gottheit. Die Gottheit und unser Nächster können nicht voneinander getrennt werden. Deshalb ist das ewige Fazit "liebe deinen Nächsten" die vollkommene Erfüllung des größten Gebotes des Lebens: "Du sollst nicht töten". Unsere Beziehung zu Gott ist nicht mehr und nicht weniger als unsere Beziehung zu unserem Nächsten. Nur durch diese Beziehung können wir Gottes Rede verstehen lernen und zu einer bewussten Zusammenarbeit mit ihm kommen. Dies ist also die große Lösung des Lebens für den Erdenmenschen.
Manuskript für den Vortrag, den Martinus am 17. Mai 1953 im Martinus Institut gehalten hat. Korrektur und Abschnittüberschriften von Torben Hedegaard. Vom Rat bestätigt am 16.12.2022. Der Artikel ist bisher noch nicht im Kosmos erschienen. Artikel-ID: M0559. Übersetzung: Vincent Stadlmair für den deutschen Kosmos 2024/2.

© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk

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