M0695
Was ist ein Mensch?
Von Martinus
1. Der gewöhnliche Erdenmensch weiß nicht, was ein "Mensch" ist
Im täglichen Leben lebt jeder von uns in einem Lebenszustand oder einer Lebensform, die wir "Menschsein" nennen. Nichtsdestoweniger gibt es Millionen und Abermillionen von Menschen, die nicht wissen, was ein Mensch ist. In dieser Beziehung sind diese Millionen von Menschen den Tieren nicht gerade weit voraus. Diese wissen ja auch nicht, was ein Tier ist. Ein Löwe weiß ebenso wenig, was ein Löwe ist, wie ein Krokodil, eine Schlange oder ein Ochse usw. wissen, was sie selbst sind. Sie leben einfach und halten ihr jeweiliges Dasein kraft ihres Selbsterhaltungstriebs aufrecht. Dass sie Löwen, Schlangen, Krokodile und Ochsen usw. darstellen, sind ja nur Bezeichnungen, die sie innerhalb der menschlichen Auffassung bekommen haben. Die eigene Auffassung der Tiere von sich selbst sieht ganz anders aus, so wie ihre Auffassung vom Menschen natürlich auch eine ganz andere ist als die, die der Mensch von sich selbst hat. Aber der Mensch hat ein weiter fortgeschrittenes oder mehr entwickeltes Bewusstsein. Er kann die Erscheinung oder Lebensform des Tieres besser überblicken als das Tier selbst.
2. Nur das eingeweihte Wesen kennt die wirkliche Identität der Lebewesen
Aber ebenso wie der Mensch somit dem Tier überlegen ist, gibt es in Wirklichkeit auch Wesen, die über dem Menschen stehen und dessen Lebensform und Schicksalsbildung besser überblicken können als der Mensch selbst. Diese Wesen haben eine ganz andere Auffassung vom Erdenmenschen als dieses Wesen selbst. Es sind diese Wesen, die von der Natur selbst organisch eingeweiht wurden. Sie haben einen bestimmten Entwicklungsstand erreicht, wo sie in einem kosmischen Erleuchtungszustand leben, der sie befähigt, die kosmischen Gesetze des Universums, dessen Struktur und damit die wirkliche Identität der Lebewesen zu durchschauen. Dass das Leben und Dasein, dass die Lebewesen, die Stoffe, Materien oder Bewegungen, dass der Schöpfungsprozess in der Natur, die Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen für sie anders aussehen als für den gewöhnlichen uneingeweihten Erdenmenschen, wird hier selbstverständlich.
3. Die eingeweihten Wesen können nicht an ihrem physischen Organismus erkannt werden, sondern nur an ihrem geistigen Wissen
Wer und wo sind diese eingeweihten Wesen? – Es kann für die gewöhnlichen Menschen schwer sein, zu glauben, dass es solche Wesen gibt. Sie werden alle einwenden, dass sie noch nie ein solches Wesen getroffen oder gesehen hätten. Und das ist ja ganz richtig. Zum einen ist das kosmisch organisch eingeweihte Wesen eine große Seltenheit auf der Erde und daher unbekannt, ja, seine Existenz wird geradezu geleugnet. Zum anderen kann man dem eingeweihten Wesen auf der physischen Ebene in Fleisch und Blut nicht begegnen, solange man nicht imstande ist, ihm geistig zu begegnen. Selbst wenn man wirklich ein solches Wesen treffen sollte, würde man nur einen physischen Körper sehen, der so ist wie alle anderen erdenmenschlichen Organismen, ja, er kann sich in Bezug auf Schönheit nicht einmal immer mit dem des gewöhnlichen Erdenmenschen messen. So geradezu physisch getarnt ist das eingeweihte Wesen.
Das, was dieses Wesen zu einem eingeweihten Wesen macht, sind nicht hervorstechende physische Eigenschaften, wie ein Virtuose im Boxen, Gewichtheben, Fußball oder Radsport zu sein. Dann wäre es ja für den gewöhnlichen Erdenmenschen sehr leicht, den Eingeweihten zu identifizieren. Das Fundament für das Auftreten des eingeweihten Wesens sind ganz andere Eigenschaften. Dieses Andere ist etwas Psychisches, etwas Geistiges, etwas, das direkt physisch auf der materiellen Ebene oder in der Gedankensphäre, die die allgemeine erdenmenschliche Mentalität oder das erdenmenschliche Bewusstsein begrenzt, unsichtbar ist. Dieses psychische Etwas, das für das eingeweihte Wesen fundamental ist, ist ein dem Uneingeweihten gegenüber herausragendes, kolossales kosmisches Wissen, das wiederum dasselbe ist, wie ein Wissen über die ganze psychische Seite des Daseins, also die Seite des Lebens, worüber der gewöhnliche Mensch noch nichts weiß. Ob ein Mensch viel oder wenig Wissen besitzt, kann ja äußerlich nicht ohne weiteres gesehen werden. Es enthüllt sich erst, wenn das eingeweihte Wesen dieses Wissen in Wort und Schrift manifestiert. Aber selbst dann wird es dem gewöhnlichen Menschen sehr schwerfallen, dem Eingeweihten zu begegnen, weil er nämlich dieses Wissen nicht verstehen und noch viel weniger glauben kann, dass es genau wie das physische Wissen auf direktem Erleben und direkter Erfahrung basieren kann. Der gewöhnliche Mensch ist daher geneigt zu glauben, dass das eingeweihte Wesen ein Fanatiker ist und seine Lebensauffassung Fantasie, Hirngespinst oder Abnormität.
4. Man kann nur den Menschen treffen und sehen, mit dem man auf gleicher Wellenlänge ist
Das kosmisch eingeweihte Wesen als einen Fanatiker zu sehen, als ein krankes oder abnormes Wesen, ist ja dasselbe, wie den Eingeweihten nicht zu sehen. Den Eingeweihten zu sehen und ihm zu begegnen, bedeutet, mit diesem Wesen auf eine mentale Wellenlänge zu kommen. Ohne diesen Kontakt kann der uneingeweihte Mensch weder dem eingeweihten Wesen begegnen noch selbst eingeweiht werden. Er muss in seiner Unwissenheit oder in den mentalen Niederungen bleiben, wo man, wie die Tiere, nicht weiß, was man selbst oder was ein Lebewesen ist. Nur den Menschen, mit dem man auf gleicher Wellenlänge ist, kann man treffen und sehen. Ein herausragender Sportler kann einen anderen Sportler beurteilen oder erkennen. Ein guter Fußballspieler oder jemand, für den dieser Manifestationszweig sein Ein und Alles ist, kann einen anderen Fußballspieler treffen und sehen und beurteilen. Ob dieser andere Fußballspieler aber auf anderen Gebieten großes Wissen oder große Fähigkeiten besitzt, kann er weder sehen noch beurteilen. Es ist also nur der Fußballspieler in dem Anderen, dem er begegnen kann. Ob dieser andere ein werdender Professor Bohr oder ein anderer Gigant der theoretischen Physik oder einer anderen Wissenschaft ist, kann der bloße Fußballspieler also nicht beurteilen. (Professor Bohr war, soweit ich weiß, einmal ein guter Fußballspieler).
5. Wir können nur den Teil des Daseins erkennen, wo wir selbst Wissen besitzen
Und so verhält es sich mit allen Beurteilungen von Menschen durch Menschen. Sie können Dinge nur mit Hilfe derselben Dinge beurteilen. So wie Physik nur durch Physik erkannt werden kann, so kann Geist oder geistiges Wissen nur durch Geist oder geistiges Wissen erkannt werden. In Bereichen des Lebens oder Daseins, wo wir selbst kein Wissen haben, können wir das, was wir sehen, selbstverständlich nicht erkennen. Unsere ganze Beurteilung des Lebens und Daseins, unsere eigene Identität und unser Schicksal inbegriffen, können wir also nur kraft unseres vorhandenen Wissens erleben und erkennen. Dieser unser intellektueller Bereich ist somit unser einziger Suchscheinwerfer. Nur in diesem Licht können wir sehen. Da, wo wir kein Wissen haben, liegt das Leben oder Dasein in einer nachtschwarzen mentalen Finsternis vor uns. Hier ist der Lebensweg unsichtbar. Dies sollte sich jedes uneingeweihte Wesen geradezu mit Leuchtbuchstaben ins Bewusstsein schreiben. Dann würde es vermeiden, unbekümmert auf den Wegen zu wandeln, wo Engel nicht zu gehen wagen, und die geradewegs in den Schwefelpfuhl oder die Götterdämmerung hinunterführen, die wieder dasselbe ist wie alle Erscheinungen aus der Domäne der unglücklichen Schicksale.
6. Logische Schöpfung kann nur durch einen zweckmäßig denkenden Schöpfer geschehen
Um einen Menschen beurteilen zu können, muss man also im Voraus ein Wissen über die Struktur des Lebewesens besitzen. Hat man das nicht, kann man ja auch nichts über die höchste Struktur des Lebens im Menschen wissen. Wir sehen dann einfach die physische Seite eines Menschen oder das an ihm, was innerhalb der Bereiche liegt, wo wir Wissen und Sinne für das direkte Erleben besitzen. So wird der Mensch für uns lediglich zu seiner Außenseite, mit der wir dank unseres Wissens und unserer Sinne in Kontakt kommen können. So wird er für uns nur zu einem Fußballspieler, Maurer, Tischler, Mathematiker, Arzt oder Minister, Räuber, Bandit, Bettler oder Fürst usw. Sind das aber Bezeichnungen, die die wirkliche Analyse des Menschen zum Ausdruck bringen? – Sind nicht alle Menschen etwas ganz anderes als das, was mit den genannten oder ähnlichen Bezeichnungen ausgedrückt werden kann? – Was drücken diese Bezeichnungen aus? – Sie drücken bloß spezifische Manifestationsmethoden aus. Eine spezifische Organisation von Energie und Stoff, die wiederum als logische Schöpfung hervortritt. Aber Manifestationsmethoden, die eine logische Schöpfung hervorbringen, können ja nicht selbständig existieren. Sie können ja nur als Wirkungen einer Ursache existieren. Hier in diesem Fall ist die Ursache ein denkender Schöpfer. Wäre es kein denkender Schöpfer, könnte die Schöpfung ja nicht logisch, d.h. plan- oder zweckmäßig, sein. Man hat ja nie gesehen und wird es nie sehen, dass tote Stoffe etwas Zweckmäßiges erschaffen können. Nur ein Lebewesen kann Willen und Absichten haben und dieses sein Begehren zur Manifestation in der Materie bringen. Überall, wo logische oder zweckmäßige Schöpfung stattfindet, kann das nur kraft eines unsichtbaren, zweckmäßig denkenden Schöpfers geschehen.
Hinter allen erschaffenen Erscheinungen und damit auch hinter dem Menschen existiert ein logisch denkender, unsichtbarer Schöpfer. Das, was wir vom Menschen und was wir vom Tier sehen, sind also spezifische zweckmäßig geschaffene Erscheinungen. Wir sehen sie entstehen und wieder vergehen. Sie werden geboren und sterben. Dadurch ist der Aberglaube entstanden, dass das Lebewesen ein sterbliches Wesen ist, das erschaffen wurde und wieder vergehen muss. Warum haben die Menschen diese Auffassung? – Ja, ist das nicht deshalb, weil sie hier vor etwas stehen, wovon sie kein direktes Wissen haben? – Sie müssen sich deshalb an das halten, was sie mit ihren physischen Sinnen sehen. Und da sehen sie nur Schöpfung, Entstehen und Vergänglichkeit, ganz nach einem logischen Plan. Aber den unsichtbaren Schöpfer, der die Ursache der Dinge ist und der einzig und allein den Nutzen von dieser logischen Schöpfung haben kann, sehen sie nicht. Dieser unsichtbare Schöpfer kann mit den physischen Sinnen nämlich nicht gesehen werden. Diese sind nämlich nur darauf angelegt, Schöpfung zu erleben, sie sind keine Werkzeuge zum direkten Erleben des Schöpfers. Dass hinter der physischen, sichtbaren Manifestation ein solcher denkender und damit erlebender Schöpfer steht, wird dadurch zur Tatsache, dass die Schöpfung logisch ist. Dass sie logisch ist, bedeutet, dass sie zweckmäßig und damit dafür bestimmt ist, einen Zweck zu erfüllen. Aber ein zweckmäßig aufgebautes Ding verrät ein zutage getretenes Begehren und dessen Erfüllung, was wiederum Willen und logisches Denken verrät. Also sehen wir hier eine ganze Serie physisch unsichtbarer Äußerungen eines ebenso unsichtbaren Urhebers jenes Begehrens und der Realisation von dessen Zufriedenstellung.
7. Der Mensch ist ein lebendiger, denkender, manifestierender und erlebender Geist
Das Erleben dieses unsichtbaren Schöpfers kann also nur durch den Gedanken oder das Denken, das wiederum ein psychisches Erleben ist, geschehen. Hinter den physisch sichtbaren Schöpfungsprozessen existiert also ein psychischer Urheber, aber da Psyche dasselbe wie Geist ist, ist ein Mensch ebenso wie jedes andere Lebewesen also ein hervortretender Geist. Die äußere physische Erscheinung ist also nur etwas Sekundäres in der Analyse des Lebewesens. Das Primäre, das Wirkliche, die absolute Wahrheit über das Lebewesen ist also, dass es ein Geistwesen ist. Als Folge davon kann es nur mit Hilfe des Geistes oder geistiger Sinne erlebt werden. Was ist dann geistige Wahrnehmung? – Das ist logisches Denken, Intuition oder Aneignung von geistigem Wissen. Derjenige, welcher nur auf der Grundlage von physischem Wissen lebt, ist ein geistig unwissendes und damit ein dementsprechend geistig totes Wesen, das nur die physische Seite des Lebewesens auffassen kann. Da diese nur zeitlich oder vergänglich ist, glaubt dieser Mensch, dass dies die Analyse des Lebewesens ist. Er versteht also nicht, dass diese Analyse nur die Analyse des Körpers oder des physischen Organismus ist. Er fasst den Schöpfer als identisch mit der Analyse der geschaffenen Dinge auf, da er nichts anderes als die physisch erschaffenen Dinge sehen kann. Er besitzt noch nicht genügend Geist oder Psyche, Denk- oder Bewusstseinsfähigkeit, um sich in den unsichtbaren ewigen Schöpfer hineinzudenken, der er selbst hinter seinem physischen Organismus ist.
Der Mensch ist also ein lebender, denkender, manifestierender Geist. Aber dadurch wird er ja gerade als Abbild Gottes sichtbar. Was ist Gott anderes als der unsichtbare, logisch denkende und schaffende Geist hinter allen logisch aufbauenden und abbauenden Kräften der Natur? – Findet sich hier nicht genau derselbe Auf- und Abbauprozess wie im physischen Organismus des Menschen oder des Lebewesens? – Wenn sich somit hinter dem physischen Organismus jedes Lebewesens ein schaffendes, auf- und abbauendes, und daher diese beiden Prozesse überlebendes Ich oder unsichtbarer Schöpfer befindet, warum sollte sich dann nicht hinter allen anderen logischen physischen Schöpfungsprozessen der Natur, hinter Aufbau und Abbau, ebenfalls ein entsprechendes, diese beiden Prozesse überlebendes und erlebendes Ich befinden? –
8. Jedes Lebewesen ist eine ewige Offenbarung Gottes
Für den entwickelten Forscher und Denker kann es somit ein Zeichen für die höchste Logik oder wissenschaftliche Einstellung und damit eine theoretische Tatsache sein, dass der "Mensch" nur der vorübergehende Ausdruck für einen im Organismus erlebenden, denkenden und schaffenden ewig unvergänglichen und damit unsterblichen Geist ist, ebenso wie all die verschiedenen Prozesse der Natur oder des Universums nur der Ausdruck für einen durch diese physischen Schöpfungsprozesse hindurch logisch denkenden, schaffenden und damit ebenfalls ewigen, unsterblichen Geist sind. Und so kann es durch logisches Denken für das uneingeweihte Wesen zu einer theoretischen Tatsache und für das kosmisch eingeweihte Wesen zu selbsterlebter Erfahrung werden, dass jedes Lebewesen und damit auch der lebendige Geist hinter dem Menschen eine ewige Offenbarung desselben Prinzips ist wie das, was wir Gott nennen. Der Geist hinter dem physischen Menschen ist somit, ebenso wie der Geist hinter jedem anderen Lebewesen, eine ewige Offenbarung Gottes.
Vortragsmanuskript von Martinus für den Vortrag im Martinus Institut am Sonntag, den 1. Oktober 1950. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Torben Hedegaard. Vom Rat gutgeheißen am 8.12.2019. Der Artikel ist bisher nicht im Kosmos erschienen. Artikel-ID: M0695. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2024/2, Vincent Stadlmair.
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
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