M0745
Wie lernt man, seinen Nächsten zu lieben?
Von Martinus
1. Die Bewusstseinsentfaltung des unfertigen Menschen ist eine wechselhafte Variation von Antipathie und Sympathie
Den Menschen wurden viele Lebensregeln gegeben, u.a. die "zehn Gebote". Aber in Wirklichkeit existiert nur ein einziges Gebot: das fünfte. Alle anderen Gebote sind nur Variationen dieses Gebotes. Es umfasst nämlich alle Übertretungen. Jede Übertretung der anderen Gebote ist eine Form von Tötung oder Mord. Wenn es heißt, "Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen oder betrügen, du sollst nicht ehebrechen" etc., so ist jede dieser Handlungen eine Form von Tötung oder Mord. Alles, was damit zu tun hat, dass man seinen Nächsten nicht liebt, ist also dasselbe, wie in entsprechender Form dessen Leben zu zerstören. Da, wo man nicht freundlich ist, ist man unfreundlich. Da, wo man keine Sympathie hat, hat man Antipathie. Sympathie und Antipathie sind mentale Entfaltung. Das ist Bewusstseinsempfindung. Das ist die seelische Seite der Lebensmanifestation beim Lebewesen. Die Bewusstseinsentfaltung des unfertigen Menschen ist eine wechselhafte Variation dieser Antipathie und Sympathie. Da Antipathie mentale Kälte, Verärgerung, Bitterkeit oder Wut gegenüber dem einen oder anderen ist, und daher der Lebensfreude dieses Wesens entgegenarbeitet und im schlimmsten Fall ein Attentat auf dessen physischen Organismus auslösen kann, das zum Untergang dieses Objektes der Antipathie führen kann, ist der Begriff Antipathie somit schlichtweg ein Ausdruck für Mord. Gedankenarten, die in Antipathie resultieren, resultieren also in mehr oder weniger hohem Grad in Mord, und derjenige, welcher diese Gedankenart manifestiert, ist – ein Mörder.
2. Der unfertige Mensch kann die Lebenslust seines Nächsten für einige Zeit töten
Da man den unfertigen Menschen daran erkennt, dass er dieser oder jener Person gegenüber starke Antipathien hegen kann, ist also jeder unfertige Mensch in größerem oder kleinerem Ausmaß ein Mörder, abhängig von der Antipathie, die seine Gedankeneinstellung aufweist. Die Handlung des Tötens ist also etwas, das nicht nur den physischen Organismus treffen kann, sondern sie ist auch hochgradig todbringend für das Gemüt oder Seelenleben anderer. Kann denn etwas für die Seele totbringend sein? – Heißt es nicht, dass man zwar den Leib, aber nicht die Seele totschlagen kann? – Das ist richtig, man kann durch tödliches Einwirken gewiss den Untergang des physischen Organismus herbeiführen und es ist ebenso richtig, dass man nicht auf dieselbe Weise die Seele töten kann. Das verhindert aber nicht, dass man die Seele gewisser anderer Menschen manchmal mit seiner Antipathie verletzen kann. Das bedeutet also, dass man ein Wesen dazu bringen kann, da, wo es zuvor wahre Lebensfreude oder gesundes Wohlbefinden empfunden hat, jetzt Trauer und Niedergeschlagenheit zu erleben. In einer solchen Situation hat man ja in diesem Menschen die Lebensfreude für eine gewisse Zeit getötet. Und hier ist die Tötungskapazität der Menschen noch weit größer als auf dem körperlichen Gebiet. Gibt es nicht viele von den zwei Milliarden Menschen der Erde, deren Lebensfreude zerstört ist? – Ist die Zahl derer nicht groß, die deprimiert und nervlich zusammengebrochen sind? – Gibt es nicht viele, die die Lebenslust verloren haben? – Sie können nicht in weniger als Millionen oder mit sechsstelligen Zahlen gezählt werden.
3. Das große Problem in der Welt ist das Verhältnis des Menschen zum fünften Gebot
Mord besteht somit nicht nur in der Zerstörung physischer Organismen, sondern auch in der Sabotage an der Lebenslust und Lebenskraft anderer Wesen. Und wir sind hier bei dem großen Faktor, der die Ursache für die Unterminierung der Kultur und des Friedens auf der Welt ist. Das größte Unglück der Menschen ist, dass sie in größerem oder kleinerem Ausmaß Lebenslustzerstörer oder Lebenslustmörder sind. Und das noch schlimmere ist, dass sie es nicht einmal recht bemerken. Ja, in vielen Situationen ahnen sie überhaupt nichts von ihrer speziellen Situation. Es ist hier also nicht wie beim Mord auf der physischen Ebene. Da sehen sie durchaus die Auswirkungen ihres Tötens oder Mordens, d. h. also auf die physischen Organismen. Deshalb sind Tausende und Abertausende von Menschen hier viel achtsamer bei ihrem Um-sich-Schlagen. Millionen und Abermillionen von Menschen können sich hier so weit in Schach halten, dass sie keine physischen Organismen töten, wenn sie auch einer kleinen Rauferei nicht immer aus dem Weg gehen. Ja, ist es in gewissen primitiven Kreisen nicht geradezu ein Sport, d. h. ein Ideal, um-sich-schlagen zu können? – Warum sonst versammeln sich Millionen von Menschen, um einen Boxkampf zu sehen? –
Das große Problem in der Welt ist also das Verhältnis des Menschen zum fünften Gebot. Es wird von den Menschen sowohl bewusst als auch unbewusst übertreten. Die ganze Menschheit ist somit eine Wesensgruppe von Übertretern des fünften Gebots. Da die Übertretung Mord oder Tötung der normalen Lebensfreude des Wesens bedeutet, versteht man besser die Situation der Kriege aller gegen alle, in der sich die Menschheit befindet. Der Weltfrieden, d. h. der Frieden aller mit allen, kann nur durch die Einhaltung des fünften Gebots erreicht werden, was also bedeutet, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben. Das ist der einzige Zustand, der alle Antipathie, die ja die todbringende Energie ist, beseitigt. Wie aber beseitigt man diese Antipathie? – Was ist die Ursache für diese Antipathie? – Wenn sie überwunden werden kann, dann werden ihrer Beseitigung sowohl die Kultur als auch der Frieden auf dem Fuße folgen. Ja, was ist denn die Ursache für Antipathie? – Die Ursache für Antipathie sind unentwickelte Bewusstseinsbereiche im Wesen. Das liegt am unfertigen und damit primitiven Zustand des Wesens. Es steht sich hier noch auf der Tierstufe. Es entspricht nämlich nicht der menschlichen Mentalität, Antipathie zu empfinden, die in größerem oder geringerem Maße Hass darstellt. Wenn es sich aber um eine unfertige Mentalität handelt, ist es eine Frage der Entwicklung. Und sie kann nicht plötzlich durch eine Ohrfeige oder eine andere Form von Brutalität aufgehoben werden. Ein Wesen wird durch eine Ohrfeige nicht in irgendeiner Richtung zum Genie. Das unbegabte Kind oder Wesen kann nicht mit einem Rohrstock kurzerhand zu einem begabten Wesen gemacht werden.
4. Niemand kann anders sein, als er eben im gegebenen Augenblick ist
Soll man denn solche unfertigen Wesen lieben, deren unfertiger Entwicklungsstand in reinem Banditentum zum Ausdruck kommt? – Man soll die Person lieben, aber das bedeutet nicht, dass man ihr Banditentum liebt. Diesem gegenüber darf man ruhig Antipathie empfinden. Aber hier ist es gar keine Antipathie. Hier handelt es sich lediglich um Abstoßung. Von toten Dingen kann man sich bloß angezogen oder abgestoßen fühlen. Nur das Lebendige kann normalerweise geliebt oder gehasst werden. Das Problem, sich an die Einhaltung des fünften Gebots zu gewöhnen, besteht also darin, sich anzugewöhnen, immer Sympathie für die Person hinter dem Banditentum zu haben. Eine Person zu hassen, weil sie weniger entwickelt ist, ist ja fürchterlich unlogisch. Und es passiert genau in einer solchen Situation, dass man zum Lebenslust-Mörder wird. Es sind ja die weniger Entwickelten, die Liebe brauchen. Haben die Kinder nicht mehr Verständnis und Sympathie nötig als die Eltern? – Die weit entwickelten Menschen brauchen nicht annähernd so viel Verständnis und Sympathie, wie die weniger entwickelten, die auf Grund ihres Unverstands mit dem Leben in Konflikt stehen und in den daraus folgenden Qualen und Nöten gefangen sind. Wie kommt man aber zu einem Verständnis seines Nächsten, das die eigene Antipathie gegen ihn beseitigt? – Das tut man durch die Geisteswissenschaft. Sie zeigt, dass niemand anders sein kann, als er eben in jedem gegebenen Augenblick ist. Jede törichte Handlung hat ausschließlich ihre Wurzel in der Unwissenheit ihres Urhebers in der besonderen Situation, die zu der Handlung geführt hat. Auf einen Menschen wütend zu sein, weil er unwissend ist, ist ein mörderischer Anschlag auf den betreffenden. Man begeht hier eine Art von Mord oder Totschlag. Man ist im selben Grad – Mörder.
Das Manuskript schließt mit folgenden Worten:
Erkläre weiter die Geisteswissenschaft als Lebenskraft. Als Weg zur Großen Geburt. Als der Weg zur vollen Lebensquelle oder als der Weg dahin, den Menschen zum Herrn des Lebens zu machen. Das kann er unmöglich sein, solange er physisch und mental mordet und tötet. Denn da ist er selbst eine Manifestation der Unwissenheit und Primitivität und – muss selbst ermordet werden, um seine todbringende Handlungsweise zu erleben. Man muss zu einer mentalen Sonne werden, dann gibt es kein übertretbares fünftes Gebot mehr. Dann ist man für alle seine Mitwesen die Lebensquelle selbst.
Der Artikel ist die Wiedergabe eines Manuskripts, das Martinus als Vorbereitung für den Vortrag im Martinus-Institut am Sonntag, den 26. April 1953 geschrieben hat. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Torben Hedegaard (zusammen mit Trine Möller und Mette Lüchow). Vom Rat gutgeheißen am 19.1.2023. Der Artikel ist bisher noch nicht im Kosmos erschienen. Artikel-ID: M0745. Aus dem dänischen Kosmos 2024-2 übersetzt von Vincent Stadlmair.
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