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M0830
Das größte Lebensfundament "Ich und der Vater sind eins"
Von Martinus

1. Christus wurde mit Gott gleichgestellt
Wir kennen den Ausspruch des Welterlösers Christus, dass er und der Vater, was hier die Gottheit bedeutet, eins seien. Dieser Satz ist innerhalb des Christentums selbst in einem beinahe alles überschattenden Maße missverstanden worden. Er hat dazu beigetragen, dass man zu der Auffassung gelangte, dass Christus in Wirklichkeit gar kein Mensch war, sondern ganz einfach Gott selbst, der für eine gewisse Zeit die Gestalt eines Menschen angenommen hatte, um auf diese Weise unter den Menschen zu wandeln. Und man hat ihn ja auch allmählich dazu erhöht, etwas ganz Einzigartiges zu sein, etwas, das überhaupt kein anderes Wesen imstande wäre, zu werden. Man hat ihn dazu erhöht, ein Teil jener Dreieinigkeit zu sein, die man als die Gottheit selbst ansieht.
Diese Dreieinigkeit bezeichnen wir also als "den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist". Und hier stellt Jesus von Nazareth oder Christus den "Sohn" dar. Wir haben gelernt, dass die Gottheit diese Dreieinigkeit ist. Sie ist drei und doch nur Eins. Diese Auffassung hat dann wiederum dazu geführt, dass man vom wirklichen Verständnis des Christus und seiner Mission gänzlich abgekommen ist. Man fasst ihn irrtümlich nicht als Mensch, sondern als die Gottheit auf und richtet seine Gebete an ihn. Dass man zu ihm statt direkt zu Gott betet, hat jedoch keine so große Bedeutung. Die Schutzengel, deren Aufgabe es ist, die Gebete der Menschen zu hören, missverstehen die Situation nicht. Sie sehen anhand eines solchen Gebets, was in der Situation des Betenden vor sich geht, und nehmen dazu Stellung, unabhängig davon, ob das Gebet an Christus oder direkt an Gott gerichtet ist.
2. Der christliche Kultus ist entgleist
Dagegen hat die irrtümliche Auffassung des Christus als Gottheit eine Art von geistiger Entgleisung im Hinblick auf christliches Verhalten bewirkt. Indem Christus nicht als "Mensch", sondern als Gottheit betrachtet wurde, kam man zu der Auffassung, dass man sich seine Wesensart, da sie Gottes eigene Wesensart ist, unmöglich aneignen kann. Kein Mensch kann sich eine solche aneignen. Er ist mit der "Erbsünde" geboren und kann nur mithilfe der Gnade Gottes erlöst werden oder der Sünde entkommen. Gute Taten sind bedeutungslos. Wir vermögen selbst überhaupt nichts. Nur durch Jesu Blut und Gottes Gnade können wir Sündenvergebung bekommen und erlöst werden.
Dadurch entgleiste der christliche Kultus. Anstatt der Läuterung der eigenen Gesinnung besondere Aufmerksamkeit zu schenken und sie von den egoistischen und animalischen Tendenzen zu befreien, die Antipathie und Krieg mit dem Nächsten erzeugen, was wiederum zum Krieg aller gegen alle führt, glaubt man, es würde nur darum gehen, sich auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes einzustellen. Man stellt sich mehr auf den unsichtbaren oder abstrakten Teil der Gottheit ein als auf den wirklich sichtbaren und direkten Teil der Gottheit, den unser Nächster verkörpert. Der christliche Kultus oder die christliche Gottesverehrung wird so zur Anbetung einer Traumwelt anstelle der Verehrung einer realistischen, konkreten Welt.
Die Theorie der Sündenvergebung schuf somit eine Methode, mittels derer man meint, Erlösung oder geistige Güter erlangen zu können, ohne Verantwortung für seine Handlungen oder Taten übernehmen zu müssen. Diese Theorie wurde sogar so sehr übertrieben, dass man geradezu damit begann, die Sündenvergebung zu einer Handelsware zu machen. So konnte man beim Papst die Sündenvergebung nicht nur für die Sünden kaufen, die man begangen hatte, sondern auch für die Sünden, die man erst in Zukunft, sei es bewusst oder unbewusst, begehen würde. Eine größere Entgleisung von der Wahrheit gibt es in Wirklichkeit nicht. Anstatt den Menschen dahin zu entwickeln, Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen, entwickelte die Theorie der Sündenvergebung den Menschen dazu, sich im schlimmsten Fall vor dieser Verantwortung zu drücken und Vorteile zu erlangen, die zu erlangen er in höchstem Maße unreif und daher unwürdig war.
Die wichtigste Praxis der christlichen Weltreligion besteht heute folglich darin, den Menschen die Vorstellung beizubringen, dass sie durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit Sündenvergebung für die Verbrechen oder Sünden, die sie an ihrem Nächsten begangen haben, erhalten können, wenn sie Gott im Namen Jesu darum bitten, und dass dies der einzige Weg zur Erlösung oder zum Paradies ist. Die Wesen des Paradieses werden so zu einer Ansammlung von Wesen, die gesündigt und gegen ihre Mitwesen Verbrechen begangen haben, aber begnadigt wurden. Das Paradies, das kommende tausendjährige Reich oder Himmelreich, ist also eine Heimstätte für eine Ansammlung von begnadigten Verbrechern oder Sündern. Aber Gott wollte den Menschen doch nach seinem Ebenbild erschaffen. Ist denn der Mensch als Abbild Gottes nichts anderes als ein begnadigter Verbrecher oder Sünder? – Ist es nicht offensichtlich, dass hier etwas nicht stimmt? –
3. Die Theorie der Sündenvergebung darf nicht buchstäblich aufgefasst werden
Wenn die Theorie der Sündenvergebung wörtlich genommen werden soll, kommt es zu einer ziemlich großen Entgleisung von der wirklichen Wahrheit. Aber das kann niemandem zum Vorwurf gemacht werden. Der Irrtum beruht auf dem Umstand, dass man die Lehre von der Reinkarnation nicht annehmen konnte. Wenn der Mensch nur das eine physische Leben hatte, konnte er unmöglich in diesem einen Leben zur Vollkommenheit gelangen. Wie könnte er dann auf andere Weise zur Vollkommenheit gelangen als dadurch, dass Gott einen Schlussstrich unter seine Sünden zieht und ihn auf diese Weise von der Sünde befreit? Und da er sich außerdem als ein von Geburt an sündiger Mensch erwies, brachte man die Theorie der "Erbsünde" ins Spiel, und dass man somit unmöglich durch eigene Anstrengung gerettet werden könne. Nur durch die Gnade Gottes könne dies geschehen.
In Christus wurde man Zeuge eines Menschen, der vollkommen war, auch schon von Geburt an. Es schien keine angeborene Erbsünde in ihm zu sein, ebenso wie seine Wesensart auch als "ich und der Vater, wir sind eins" bezeichnet werden konnte. Man musste also glauben, dass er eine Ausnahme war. Er war Gottes eigener Sohn und daher frei von Sünde. Er war eine Gottheit, der man niemals ebenbürtig werden konnte. Dass er diese Vollkommenheit in früheren Leben erreicht hatte, konnte man nicht verstehen. Und so konzentrierte man sich mehr darauf, durch ihn Gnade und Sündenvergebung zu bekommen, als darauf, sein Verhalten nachzuahmen. Und das wurde seither zum Primären in der christlichen Weltreligion.
Durch die Geisteswissenschaft sieht man, dass Christus ein vollkommener Mensch war. Er war somit nicht die Gottheit selbst, die ihre Himmelshöhen verlassen hatte, um unter den Menschen zu wandeln. Wenn er sagte: "Ich und der Vater sind eins", wollte er damit nicht ausdrücken, dass er der einzig wahre Gott sei, sondern vielmehr, dass er Gottes Willen und Weltplan vollständig verstand. Er war auf einer Wellenlänge mit Gottes Absicht mit dem Menschen. Ebenso wie Gottes Wesensart in all ihrer Entfaltung Vollkommenheit erschafft, so fühlte auch Christus, dass seine Wesensart in ihrer Entfaltung Vollkommenheit erschafft. Er liebte seinen Nächsten wie sich selbst. Und er sah, dass es dieselbe Liebe war, die überall als Endresultat aller Manifestationen Gottes erstrahlte. Und seine wahre Mission war es denn auch, das Modell für die Wesensart des vollkommenen Menschen zu sein. Er konnte hier in seinem physischen Organismus mit Recht sagen: "Wer von euch kann mich einer Sünde überführen". So wie er auch sagen konnte "Ich und der Vater sind eins".
Diese Dinge waren kein Ausdruck von Größenwahn, sondern wurden gerade deshalb gesagt, damit die Menschen auf ihn aufmerksam werden und sehen konnten, ob sie denn irgendeine Sünde oder verbrecherische Tendenzen bei ihm finden konnten. Er sagte sie auch nicht, damit die Menschen ihn für eine Gottheit hielten, der sie niemals ebenbürtig sein könnten. Im Gegenteil, er sagte: "Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig".
4. Die Kulturschöpfung der Zukunft
Die Entwicklung dieser Wesensart Jesu oder des vollkommenen Menschen wird das Fundament oder das Primäre der zukünftigen Kulturschöpfung und menschlichen Entwicklung sein. Das Christentum, das auf der Theorie der Sündenvergebung und Gnade und der Erlösung durch die Kreuzigung Jesu beruht, ist eine sterbende Erscheinung. Das Christentum, das auf der Entwicklung der Wesensart Jesu beruht, wird durch die Geisteswissenschaft weiterleben und der Same sein, durch den alle Geschlechter der Erde gesegnet sein sollen. Es wird alle Verheißungen vom Kommen Christi erfüllen, d.h. die Entwicklung desjenigen Himmelreichs, das im Innern des Menschen ist, bis zu einem solchen Grad, dass das Wesen die Große Geburt erreicht und das Christusbewusstsein erlangt.
Durch dieses Bewusstsein ist der Mensch zu einem Wesen geworden, das wie Christus eins mit dem Vater ist. Es kennt den Weltplan und sieht, dass all seine Fazite in dem einen großen Fazit aufgehen, dass alles sehr gut ist, eben weil alle Formen von Energie den Menschen schließlich dazu bringen, seinen Nächsten so zu lieben, wie er sich selbst liebt. Und nur kraft dieser Wesensart kann sich das Wesen über die Materie oder die dunklen Kräfte erheben, was ein begnadigter Sünder ja nicht kann. Aber durch die vielen Leben wird auch der begnadigte Sünder zu einem Wesen, das diese Dinge überwindet und sich dadurch die Wesensart Jesu oder des vollkommenen Menschen zu eigen macht und dann zu einem Wesen wird, das durch diese verwandelte Wesensart die Auswirkungen seiner verkehrten Handlungen selbst neutralisiert. Er kann dann wie Christus sagen: "Ich bin die Auferstehung und das Leben; kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken". So ist es ausnahmslos das große Zukunftsziel jedes Menschen, eins mit dem Vater zu werden.
Manuskript für den Vortrag, den Martinus am 8. Februar 1953 im Martinus-Institut gehalten hat. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Anne Wedege. Vom Rat gutgeheißen am 29. Juni 2023. Artikel-ID: M0830. Übersetzung für den deutschen Kosmos 2025-2 von Vincent Stadlmair.

© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk

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