M0904
Judasmentalität
Von Martinus
1. Judas war im absoluten Sinne weder ein Verräter noch ein Schurke
Jahrhunderte hindurch wurde Judas als ein Menschentyp dargestellt, der zu dem Erbärmlichsten und Gemeinsten gehört, was man sich vorstellen kann, ein Schurke, der unter der Vortäuschung ein Jünger Christi zu sein, den Welterlöser verriet, ihn schlichtweg verkaufte oder für den rein materiellen Gewinn, die dreißig Silberlinge, die ihm von den Hohepriestern ausbezahlt wurden, der Kreuzigung auslieferte. Hier hat sich die christliche Nachwelt in eine große Täuschung verstrickt. Von tausenden von Kanzeln auf der ganzen Welt wird Judas noch heute als ein Schurke verdammt, der eine nicht zu vergebende Tat begangen hat und dem in Wirklichkeit nichts anderes als der Selbstmord und die ewige Verdammnis bevorstand. Die Wahrheit ist jedoch, dass Judas in Wirklichkeit überhaupt nicht der Typus eines Schurken oder Verbrechers ist. Es ist überhaupt nicht dieser Menschentyp, der der Menschheit in Judas Gestalt offenbart wird. Judas ist im absoluten Sinne weder Verräter noch Schurke, dazu war er viel zu sehr an der Erlösung der Menschheit, an ihrer Führung aus der Finsternis hin zum Licht interessiert. Wie hätte er sonst Jesu Jünger werden können? – Glaubt man, der Welterlöser hatte keine Menschenkenntnis? – Glaubt man, es fehlte ihm der psychologische Sinn? – Glaubt man nicht, dass er wusste, mit wem er es zu tun hatte? –
Wäre Judas in dem Sinne, wie die christliche Nachwelt ihn betrachtet, ein Schurke, ein Bandit gewesen, wäre er niemals Jesu Jünger geworden. Das, was Judas ins Unglück führte, war in Wirklichkeit keine Banditennatur, die sich durch die Bekanntschaft mit Jesus Vorteile aneignen, ja ihn wegen nur dreißig Silberlingen geradewegs dem Tod und Untergang ausliefern wollte. Nein, das war etwas ganz anderes. Die Banditennatur hatte er in Wirklichkeit überwunden. Das war doch eine Bedingung, um Jünger des Welterlösers zu werden. Diese Überwindung ist die erste Überwindung der Hüter der Schwelle, und sie ist absolut notwendig, um an der großen Arbeit der Welterlösung teilnehmen zu können. Judas neigte vielmehr allzu sehr nach der anderen Seite. Er war ein Mensch mit einer überdimensionierten Begierde, die Menschen, und die Juden im Besonderen, von ihrer Knechtschaft oder dem römischen Joch, der römischen Besetzung Palästinas, zu befreien. Er gehörte zu den Menschentypen, die man heute Enthusiasten nennt, Wesen, die mit einer solchen Glut in ihrer Sache aufgehen, dass sie mehr oder weniger zu Fanatikern werden. Sie verlassen mit ihrem Verhalten, mit ihrer Propaganda den Boden des Normalen, des Schicklichen.
2. Judas wollte Jesus vorauseilen
Was Judas betrifft, so war er in Wirklichkeit von Jesu Verkündigung und Mission so begeistert, dass er gar nicht abwarten konnte, bis es Jesus passte, dass sie bekanntgemacht oder offenbart würde. Er hatte also viel größere Eile, die Welterlösung in Szene zu setzen, als der Welterlöser selbst. Er wurde tatsächlich ungeduldig. Es kamen ihm verständlicherweise die Gedanken, dass Jesus viel zu liebevoll und viel zu geduldig sei. Es würde viel zu lange dauern, wenn nicht andere eingriffen. Und er fühlte sich dann selbst dazu berufen, die Dinge in Szene zu setzen. Dadurch, dass er in Szene setzte, dass die Hohepriester kämen, um Jesus zu verhaften, würden sie schon sehen, wer er war. Sie würden schon sehen, dass er Gottes Sohn war, ein Wesen, dass man natürlich unmöglich verhaften konnte. Man würde ohnmächtig oder tot umfallen, wenn man Hand anlegte an den, der Tote auferweckte, Blinde sehend und Lahme gehend machte, die Menschen vom Aussatz und anderen Krankheiten befreite usw. Und wenn sie erst einmal Jesu Größe erlebt hätten und hier ihre eigene Ohnmacht konstatieren müssten, würde Jesu Mission so über die Großen dieser Welt siegen.
Von diesem Enthusiasmus war Judas besessen. Die Absicht war ja eine gute, aber die Art und Weise wie sie verwirklicht werden sollte, war nicht die richtige. Judas wollte also Jesus vorauseilen. Er eilte also dem Herrgott und damit den Ereignissen voraus. Dadurch musste er lernen, dass nur Gott allein den Tag und die Stunde für das Schicksal und die Führung der Menschheit bestimmt. Deshalb musste der Wille des Welterlösers mit dem Willen Gottes verbunden sein. Gerade deshalb sagte Jesus immer: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.
3. Die Judasmentalität ist innerhalb aller religiösen Bewegungen die vorherrschende
Aber das war also bei Judas nicht der Fall. Hier war es nicht Gottes Wille, sondern Judas' Wille, der geschehen sollte. Wenn Judas seine Haltung in ein Gebet zu Gott umgeformt hätte, was er ja nicht tat, hätte das so aussehen müssen: Vater, nicht dein, sondern mein Wille geschehe. Also das genaue Gegenteil von dem, worauf sein Meister eingestellt war. Und es war diese Haltung, die für Judas, ebenso wie für alle späteren "Judasse" innerhalb der christlichen Welt gefährlich wurde. Gibt es denn andere Wesen innerhalb des Christentums, die zu "Judassen" wurden? – Die Judasmentalität breitete sich überall gewaltig aus. Wenn alle religiösen Sekten und Gemeinschaften für sich in Anspruch nehmen, die Erlösung der Welt zu besitzen und dass der Weg zur Erlösung ausschließlich darin besteht, in ihre besondere Gemeinschaft oder Sekte aufgenommen zu werden, hat man hier den Herrgott übergangen. Als man sich erlaubte, die Vergebung der Sünden zur Handelsware zu machen, hat man auch hier den Herrgott übergangen. Wenn man Menschen unter Androhung einer ewigen Verdammnis, einer ewigen Hölle, bekehren will, greift man auch hier zu Maßnahmen, die nicht Gottes Wille, sondern Judas' Wille sind. Ja, ist es nicht die Judasmentalität, die innerhalb aller religiösen Bewegungen von heute vorherrschend ist, und ist es nicht genau deshalb, dass sie alle ohne Ausnahme am Absterben sind? – Sind nicht Christi Bergpredigt und die übrigen Worte, die direkt vom Welterlöser ausgesprochen wurden, der wahre Weg zur Erlösung und keinesfalls die Drohung mit der Hölle? – Krieg, Kampf und Strafe sind nicht das wahre Christentum; diese Maßnahmen wurden von "Judassen" innerhalb des Christentums ergriffen. Das sind Wesen, denen die Bekehrung oder die Verbesserung der Menschen nicht schnell genug gegangen ist. Und sie werden eine Kreuzigung in Szene setzen. Die Wirkungen werden dieselben sein wie die, die Judas gegenüber dem Welterlöser in Gang setzte. Müssen wir nicht auf Hexenverbrennungen und Kirchenbann, als Formen der Kreuzigung, inszeniert durch die Judasmentalität, zurückblicken? – Eine Mentalität, die in solcher Eile ist, dass sie überhaupt nicht die Zeit hat, zu vergeben oder die rechte Wange hinzuhalten, wenn sie auf die linke geschlagen wird.
4. Die von Judas geführte Menschheit ist dabei, Selbstmord zu begehen
Und was geschieht dann mit den "Judassen"? – Sie werden alle in der Selbstmordmentalität enden. Ist die Judas-geführte Menschheit heute nicht im Begriff, Selbstmord zu begehen? – Wenn Menschen sich darin ausbilden, Menschen zu ermorden, und diese Mentalität alles andere in Bezug auf Ausbildung und Schöpfung in den Schatten stellt, dann ist es ja so, dass die Menschheit die Menschheit ermordet, also sich selbst. Heute wollen die Menschen sehr gerne den dauerhaften Frieden haben, aber sie wollen nicht den Weg gehen, den der Welterlöser gewiesen hat, nämlich den, dass man innen in sich selbst den Frieden erschaffen soll. Man kann ihn unmöglich für andere durch Krieg, Diktatur und Strafe oder Verstümmelung erschaffen. Jeder Mensch, der im Namen Jesu und im Glauben Frieden zu schaffen, Krieg führt, Rache übt und straft, ist ein "Judas" und wird dahin kommen, geistigen Selbstmord zu erleben.
Das Manuskript endet mit diesen Worten:
Erkläre hier die Erlösung im Totenreich. Wie "Judasse" hier leichter Frieden erlangen können, während wirkliche Banditen hier keinen Frieden finden können, sondern zurück müssen, um die Wirkungen ihres eigenen mörderischen Treibens zu erleben und zu erfahren. Erkläre, wie sie hier den Welterlöser treffen und seine Stimme hören: Ich bin gekommen, die Verlorenen zu finden und zu erlösen.
Vorschlag für ergänzende Lektüre:
"Durch das Fegefeuer" im deutschen Kosmos 2/1992. Artikel-ID: M0484.
Dieser Artikel ist die Wiedergabe eines Manuskriptes für einen Vortrag, welchen Martinus im Martinus-Institut am Palmsonntag, den 6. April 1952 gehalten hat. Reinschrift und Abschnittüberschriften von Torben Hedegaard. Gutgeheißen im Rat am 09.04.2020. Erstmals im deutschen Kosmos 2023-1 erschienen. Artikel-ID: M0904. Übersetzt aus dem dänischen Kosmos 2022-1, Vincent Stadlmair.
© Martinus-Institut 1981, www.martinus.dk
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