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(289-638) 
 
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Krieg ist das von früheren Religionen hinterlassene Gewohnheitsbewußtsein und hat nichts mit dem Christentum zu tun  453. Hier werden einzelne Leser sicher der Meinung sein, daß Kriegssituationen in der Regel nicht gewünscht werden, sondern als unvermeidliche Notwendigkeit entstehen, z.B. als Schutz gegen Unterdrückung, als Zurückweisen von Angriffen oder Überfallen, als Verteidigung von Rechten usw. Und es ist auch richtig, daß die Menschheit in Wirklichkeit in der Entwicklung so fortgeschritten ist, daß Krieg kein so leuchtendes Ideal mehr ist wie in vergangenen Zeiten und in der Realität von seinem Urheber nicht gewünscht wird, sondern eher von ihm als eine absolut aufgezwungene Notwendigkeit aufgefaßt wird. Aber diese Seite der Sache ist ja nur die, die im Jetzt oder im Augenblick der Auslösung des Krieges sichtbar wird. Die wahre Ursache eines jeden Krieges liegt absolut nicht im Jetzt, ja sie liegt für die jetzt lebenden Erdenmenschen Jahrtausende zurück. Die Kriege, die heute erklärt oder vorbereitet werden, haben ihre wahre oder tiefste Wurzel nicht in den Ursachen, die heute als Grund angegeben werden. Diese sind in der Realität nur äußere, physische, auslösende Momente. Diese Momente sind in Wirklichkeit wiederum vibrierende Reaktionswellen aus einer längst entschwundenen Zeitperiode mit ganz anderen tagesbewußten Idealen und autorisierten Moralvorschriften als denen, die man heute als Weg zur Vollkommenheit einzuüben versucht.
      Daß es sich genau so verhält, ist immer wieder durch den Umstand unbestreitbar bewiesen worden, daß viele kriegführende Mächte eine autorisierte Moral hatten, die ein absolut diametraler Gegensatz zum Krieg war. Dies gilt namentlich für die Mächte, die sich "christlich" nennen. Hier gilt, daß der autorisierte aufgezwungene Moral- oder Religionsunterricht in den Schulen so fundamentale Vorschriften enthält wie: "Stecke dein Schwert in die Scheide, denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen" – "Wenn Dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin" – "Rächet euch nicht selbst, liebe Brüder, sondern laßt Raum für den Zorn Gottes, denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr" – "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" usw., und was eben durch Tausende von ebenso autorisierten Priestern der Staatskirchen derselben Mächte oder religiöser Institutionen gelehrt wird.
      Da das Christentum ohne diese Ideale auf keine Weise "Christentum" sein kann, ist Krieg also eine Gegebenheit, die in absolut keiner Weise unter den Begriff "Christentum" fallen kann. Daß Krieg nichtsdestoweniger als ein Schicksal auftreten kann, das eine "moralische" Notwendigkeit ist, beweist nur, daß diese "Moral" und dieses Schicksal nichts mit "Christentum" zu tun haben.
      Woher stammt dann aber diese Moral und dieses Schicksal? Die Antwort ist einfach. Sie können nur aus einer Zeitperiode stammen, die dem Christentum vorausging. Dies stimmt auch vollständig mit den wirklichen Fakten überein. Moral und Schicksal vor dem Christentum beruhten ja gerade auf Krieg. Nur wer im Kampf tüchtig war, ein Held war, war für das damalige Himmelreich qualifiziert. Ja, der Krieg war die einzige erstrebenswerte Lebensweise. Krieg war das einzige, was Zugang zu "Walhall", Zugang zur Gunst der Götter gewährte. Außerdem war diese Lebensweise die natürlichste Fortsetzung derjenigen der Tiere, von denen die Erdenmenschen ja abstammen.


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