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(289-638) 
 
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Die Entstehung und die Natur des Mitleids beruhen auf Erinnerungen aus vergangenen Zeiten  455. Aber die Wesen können nicht immer Sieger sein. Sie müssen auch eine lange Reihe von Stadien solcher Niederlagen, Verfolgungen und Unterdrückung durchleben, wie die, die ihr Siegerdasein andere Wesen gekostet hat. Dieser Leidenszustand, der immer eine Folge derjenigen Daseinsform sein wird, in der die Macht und nicht das Recht die autorisierte Lebensmoral ist, wird unvermeidlich die Mentalität der Wesen entwickeln. Diesem ständig von Gefahren erfüllten Dasein gegenüber ist der Instinkt nicht ausreichend gewesen. Das Wahrnehmungs- und Denkvermögen des Wesens wurde ungeheuer geschärft, wie auch die Unzahl von Leiden, die es erlitten hatte, ihre Spuren in seinem Bewußtsein in Form einer neuen Fähigkeit hinterlassen hat. Diese Fähigkeit ist "Mitleidsgefühl" oder die erste beginnende, zarte Basis für die ganze Entwicklung der humanen Tendenzen im Wesen. "Mitleid" ist in Wirklichkeit nichts Geringeres als eine unbewußte Rückführung von Erinnerungen an erlebte Leiden. Es unterscheidet sich von der allgemeinen Form des Erlebens von Erinnerungen dadurch, daß Orts- und Zeitbezeichnungen fehlen. Nur der Schmerz- oder Leidensbereich der eigentlichen Erinnerung kann in diesem Fall beim Erleben der Erinnerung in das Tagesbewußtsein übergehen. Diese Erinnerung wird daher vom Individuum nicht als eine Erinnerung wahrgenommen, sondern statt dessen als eine Art von Phantasiebild.
      Bei einem gewöhnlichen, vollkommenen Erleben der Erinnerung sind sowohl die Zeit als auch der Ort des Erlebnisses des erinnerten Geschehens im Tagesbewußtsein des Ichs vorhanden. Und das Ich "erinnert" sich an dieses Geschehnis wie an ein selbsterlebtes Geschehnis. Dies ist bei Erinnerungen an frühere Inkarnationen nicht der Fall. Hier sind sowohl Orts- als auch Zeitbezeichnungen, ja sogar die Anknüpfung des erinnerten Geschehnisses an das Ich als sein eigenes persönliches Erlebnis aus dem Tagesbewußtsein verschwunden. Nur das Schmerzbild oder die Details des Leidens bleiben in der neuen Inkarnation im Bewußtsein des Ichs bestehen. Sie sind hier zu "C-Wissen" geworden und werden automatisch jedes Mal hervorgerufen, wenn das Individuum Zeuge von Geschehnissen wird, die mit den Leidensbildern in den aus der Vergangenheit ererbten unbewußten Erinnerungen verwandt sind.
      Da diese Erinnerung aber unbewußt ist, weil das Ich sich an sie nicht als persönliches Erlebnis erinnert und sich auch nicht an die Zeit oder den Ort ihres Entstehens erinnert, wird sie von ihrem Urheber überhaupt nicht als Erinnerung wahrgenommen. Die Details der Leiden in der Erinnerung, die die einzigen sind, die in das neue Tagesbewußtsein übergehen, werden daher vom Wesen nur als "Phantasiebilder" erlebt. Diese werden, wie gesagt, automatisch hervorgerufen, wenn das Wesen Zeuge von Unglück oder Leiden eines anderen Wesens wird. Es entsteht dann eine Konfrontation zwischen dem "Phantasiebild" des Wesens und dem Geschehen, das dem anderen Wesen als Unglück oder Leidenszustand widerfährt. Mit Hilfe dieser automatischen Konfrontation zwischen dem äußeren Geschehen und dem "Phantasiebild" des Wesens, das ja, wenn auch unbewußt, ein Aufbau mobilisierter Erinnerungsbilder aus dem eigenen Selbsterleben des Wesens ist, bekommt es die Fähigkeit, das äußere Geschehen zu beurteilen. Wie richtig diese Beurteilung sein wird, hängt also davon ab, wie nahe verwandt sein aufgebautes "Phantasiebild" mit dem äußeren Geschehen ist. Ob eine Verwandtschaft vorliegt, hängt wieder davon ab, ob das Wesen überhaupt ein der neuen Begebenheit ähnliches Geschehnis oder eine ähnliche Situation erlebt hat. Hat es das nicht, hat es keine Fähigkeit, diese zu beurteilen oder sich begreiflich zu machen. Ja im besten Fall kommt vielleicht noch ein Ansatz zur automatischen Mobilisierung der unbewußten Erinnerungsbilder vor. Wenn aber keines von ihnen mit den Einzelheiten der äußeren Begebenheit verwandt ist, kann das Wesen nicht gefühlsmäßig auf sie reagieren, gleichgültig wie schmerzlich oder des Mitgefühls würdig sie auch sein mögen. Das Wesen bleibt dem Geschehnis gegenüber völlig kalt.
      Ist aber die äußere Begebenheit des Nächsten solcher Natur, daß der Zuschauer viele verwandte Einzelheiten dazu in seinem unbewußten Erinnerungsmaterial hat, wird die automatische Mobilisierung das "Phantasiebild" entsprechend korrekter machen und sein Urheber empfindet dadurch in entsprechendem Ausmaß das Leiden seines Nächsten, kann sich dieses völlig begreiflich machen und wird, wenn keine stark hemmenden Kräfte eingreifen, zugunsten der Befreiung seines Nächsten von dessen Leiden reagieren. Und diese Reaktion nennen wir "Mitleid".


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