Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Die christliche kirchliche Sündenerlaßtheorie, die verlassen werden muß, damit die Enthüllung des Lebensmysteriums absolut vollkommen und in Kontakt mit der wachsenden wissenschaftlich eingestellten Mentalität der Erdenmenschheit werden kann |
570. Da einige der hier angeführten Grundfazite des Lebensmysteriums in gewissen Punkten mit der heute herrschenden autoritativen kirchlichen Auffassung des Lebensmysteriums kollidieren, wird es nützlich sein, ein wenig bei diesen Kollisionen zu verweilen, um uns dadurch einen orientierenden Überblick zu verschaffen, bevor wir in unserer Erforschung der Grundfazite des Lebensmysteriums weitergehen.
Da das Lebewesen, wie schon erwähnt, der Urheber seines eigenen Schicksals ist, ist das Dasein hundertprozentig gerecht, d.h. es ist eine Offenbarung der Kulmination der "Liebe", also ein Fazit, das in jeder anderen beliebigen Analysenreihe des Lebensmysteriums als der hier aufgeführten absolut unmöglich wäre. Wenn die Lebewesen nicht ewige Wesen wären, sondern mit der Empfängnis und der physischen Geburt einen wirklichen "Anfang" hätten, worauf die kirchliche Auffassung hinausgeht, wären sie als "erschaffene" und damit als "zeitliche" Erscheinungen zu bezeichnen, was die kirchliche Autorität ja auch geltend macht. Wenn die Lebewesen aber "zeitliche" Erscheinungen wären, könnten sie niemals etwas anderes werden. Sie würden bis in alle Zeiten den auf ihre Geburt folgenden Zeitraum repräsentieren. Sie würden ein Alter repräsentieren, wären so und so alt. Von einem "ewigen Leben", wie es die genannte Autorität den "Erlösten" verheißt, kann somit keine Rede sein, denn "ewige" Wesen, die ein "Alter" haben – das kann nur Ausdruck für eine Analyse sein, die den abnormen Gebrauch der Denkfähigkeit ihres Urhebers zeigt. Aber davon abgesehen wäre man ja auch in einer Situation, in der man die Lebewesen als "erschaffene" Erscheinungen auffaßt, gezwungen, die Auffassung zu akzeptieren, "daß Etwas aus Nichts entstehen kann". Um zu erkennen, daß auch diese Analyse ein Ausdruck für den abnormen Gebrauch der Denkfähigkeit ist, braucht man keine besondere Begabung. Wenn die Lebewesen "erschaffene" Erscheinungen wären und ihre Talente, ihre Begabung und ihr Hervortreten ein Produkt der "Vererbung" wären – wo bliebe dann die Gerechtigkeit und damit die Liebe in der Welt? Wie kann es gerecht sein, daß ein Wesen eine angeborene schwache Gesundheit, eine primitive Begabung hat, als Bettler leben muß, wenn es andere Wesen gibt, die mit einer strahlenden Gesundheit geboren werden, ungeheure Reichtümer erben, gesellschaftlich angesehen, geehrt und geachtet sind? Warum werden einige Wesen als Pygmäen und als Buschmänner geboren und andere als Wesen, die hohen Kulturgesellschaften angehören? Warum müssen einige Wesen Tiere sein, die zur Schlachtbank geführt oder Opfer der Mordlust von Jägern werden, während andere Wesen geboren werden, um Metzger und Jäger zu sein? Kann es denn Ausdruck für kulminierende Liebe sein, kann es diese beweisen, wenn es keine andere Ursache für ein Schicksal voller Sorgen und Leiden oder für ein Schicksal voller Seligkeit und Wohlbefinden gibt – außer eben dieser einen, nämlich der "Vererbung"? Was oder wer steht hinter der "Verteilung" dieser höchst unterschiedlichen Formen von "Vererbung"? Während unserer Schulzeit oder durch die christliche autoritäre Auffassung haben wir ja gelernt, daß es einen "allmächtigen" und "allwissenden" Gott gibt. Aber ein so kulminierender Gegensatz zur Liebe wie der, den die hier angeführte "Vererbungsverteilung" darstellt, ist für die christliche Gottheit ja nicht gerade schmeichelhaft. Wenn diese Gottheit "allwissend" und "allmächtig" wäre, dann müßte sie ein "sündiger" Gott sein, der selbst all die Liebesgebote übertritt, deren Einhaltung die kirchliche Auffassung von den Menschen verlangt. Den verschiedenen von ihm "erschaffenen" Lebewesen einen so kolossal ungleichen Start am "Beginn" ihres Lebens zuzuteilen und dann trotzdem von jedem einzelnen Wesen das gleiche Schlußfazit am Ende des physischen Lebens zu verlangen, kann niemals Ausdruck von Liebe sein. Es wird gefordert, daß man beten und seine "Sünden" bereuen soll. Kann es aber richtig sein, daß das "erschaffene" Individuum beten und sein eigenes Wesen bereuen soll? Es hat sich ja nach der kirchlichen Auffassung nicht selbst erschaffen, sondern ist ein Produkt der Schöpfungsfähigkeit Gottes. Die Gottheit hat also "Sünder" erschaffen. Wenn die Gottheit aber "allwissend" ist, dann müßte sie dies doch gewußt haben. Und da Gott gleichzeitig "allmächtig" ist, kann dies kein Mangel oder keine Unvollkommenheit seiner Schöpfungsfähigkeit sein. Diese Gottheit kann daher nur bewußt und mit voller Absicht "Sünder" erschaffen haben. Aber mit voller Absicht Wesen zu erschaffen, von denen Gott schon im voraus weiß, daß sie in einer "ewigen Hölle" enden werden, wo "Heulen und Zähneklappern" herrschen, enthüllt eine Bewußtseinstendenz, die nur dem Begriff "Perversität" oder der Kulmination von Abnormität oder dem Gegensatz jeglicher Logik und damit der Liebe zugerechnet werden kann. Müßte nicht hier Reue am Platze sein? Es kann doch nicht das "Erschaffene", es muß doch vielmehr der "Schöpfer" sein, der die Unvollkommenheit des "Erschaffenen" zu bereuen hat. Daß eine Lebensauffassung mit einer so ungeheuerlichen und vom Liebesgesetz abweichenden Konsequenz Not, Krieg und Verstümmelung in der Welt nicht abschaffen konnte und daß die ganz wenigen, die fähig waren und gewagt haben, diesen Gedankengang zu Ende zu denken, diese schreckliche Verirrung verstanden haben und in ihrer Verzweiflung den tiefsten Protest ihrer Seele gegen diese dämonische Unwahrheit mit den bekannten Worten "die Wege Gottes sind unerforschlich" hinausschreien mußten, wird hier selbstverständlich und ist leicht zu verstehen. Daß man versucht hat, die obengenannte unglückliche Konsequenz dadurch auszugleichen, daß man die Leidensgeschichte des Welterlösers als "Strafe" für die "Sünden der ganzen Welt" auffaßte, kann nicht zur Freude der Gottheit gereichen, denn ihre Mentalität wird hierdurch aufs Neue als "krank" oder "abnorm" festgelegt, und zugleich werden Gottes Wege für den Wahrheitssucher noch rätselhafter. Eine Gottheit, die den wirklichen "Sündern" unter der Bedingung die "Vergebung der Sünden" erteilt, daß sie anstelle der Sünder ein "unschuldiges" oder "sündenfreies" Wesen verstümmeln und peinigen darf, offenbart keine Gerechtigkeit, geschweige denn Liebe. Hier kann ja nur davon die Rede sein, daß die "Strafe" um jeden Preis vollstreckt werden soll. Ob sie den Schuldigen oder Unschuldigen trifft, ist für die Gottheit ganz untergeordnet. Nur die Vollstreckung der "Strafe" an einem Wesen ist Ziel und Zufriedenstellung der Gottheit. "Heulen und Zähneklappern" zu sehen, muß somit der größte Genuß dieser Gottheit sein, da sie deren Manifestation so konsequent verlangt, obwohl sie die "Schuldigen" freigegeben hat. Die himmlische Gerechtigkeit zeigt sich hier der irdischen weit unterlegen, denn in der irdischen gibt es niemanden, der so und so viele Jahre Zuchthaus oder Strafe für ein anderes Wesen auf sich nehmen darf. Die irdische Gerechtigkeit ist nur daran interessiert, daß die Strafe den Schuldigen trifft. Sie würde ja auch ihre eigene Existenz in dem Augenblick völlig überflüssig machen, in dem sie dazu überginge, der hier beschriebenen himmlischen Gerechtigkeit zu entsprechen. Aber eine Lebensauffassung, deren äußerste Konsequenzen die himmlische Gerechtigkeit der irdischen unterlegen machen, kann die Menschen natürlich nicht zu größeren Idealen hinführen. Wenn die höchste Moral unter derjenigen steht, die schon als irdisches Rechtswesen praktiziert wird, kann sie nicht weiter von Interesse sein. Und wir sehen denn auch, daß immer mehr Plätze in ihren Kirchen oder Tempeln leer bleiben und zugleich ihr hier beschriebenes Gottesbild die Wesen nicht in besonderem Maße animieren kann, die "rechte Wange hinzuhalten, wenn sie auf die linke geschlagen werden". Eine Gottheit, die selbst "straft" und "rächt" und von der man die "Vergebung der Sünden" kaufen oder um sie feilschen kann, indem man ein anderes Wesen die Leiden für die eigenen Ausschweifungen übernehmen läßt, steht so sehr jeglicher Logik und damit allen Liebesgesetzen des Lebens entgegen, daß der Glaube daran von allen verworfen werden muß, die wirklich die wahre oder absolute Enthüllung des Lebensmysteriums erleben wollen. Dieser "Glaube" ist ja ein "Schleier", der in der Mentalität des Erdenmenschen all die Liebesgesetze oder die alles überstrahlende Intellektualität oder die logische Schöpfung zudeckt, die wir im Leben selbst oder in der Natur, in den Wesen und in der Materie außerhalb des erdenmenschlichen Machtbereichs unverschleiert sehen. Wenn dieser "Schleier" nicht, wie hier geschehen, zur Seite geschoben würde, dann bliebe das Leben oder das Dasein weiterhin ein "Mysterium". Und der Forscher käme niemals zur wirklichen Erkenntnis der Wahrheit. Wenn aber der Schleier zur Seite geschoben wird, dann wird er eine neue große Tatsache in Erscheinung treten sehen, die als natürliche Fortsetzung der oben schon genannten elf Grundfazite die letzten Erscheinungen des Lebensmysteriums klar und deutlich zur Wirklichkeit machen wird, nämlich die Enthüllung der Gerechtigkeit oder der Liebeskulmination, womit das Weltall, in dem "wir alle leben, uns bewegen und sind", in alle Ewigkeit offenbart wird. Wenn die Lebensauffassung der Wesen, auf die Weise wie eben gezeigt, entgleist ist, sich von jedweder Logik oder Wirklichkeit entfernt hat, dann liegt das allein an dem Umstand, daß man sich irgendwann ganz vom Wissen über Reinkarnation oder Wiedergeburt entfernt hat. Und mit dem Glauben, daß das Lebewesen sein Leben mit der Geburt beginnt, hat man versucht, mildernde Umstände oder eine Verteidigung der Kalamitäten zu finden, die – offenbart in Form der Sündenvergebungstheorie und des Mottos "Gottes Wege sind unerforschlich" – dadurch entstanden sind, und hat, vollkommen abweichend von der Auffassung des Welterlösers selbst, geglaubt, damit die Welt "erlösen" zu können. So viel Gutes die betreffende Theorie in dieser wirklichkeitsfernen Lebensauffassung auch bewirkt haben mag, so hat sie doch keine ganz zufriedenstellende Sicherheit schaffen können. Dies ist leicht in dem Unwillen und in der Furcht zu konstatieren, die ihre Anhänger oft davor haben, sie logischer Überprüfung oder Forschung auszusetzen. Ja sie betrachten eine solche Überprüfung geradezu als sündig und fordern die Wesen mit suggerierender Kraft auf, an die überlieferte Lebensauffassung nur zu "glauben", und drohen sogar dem, der den Glauben nicht akzeptiert, mit "Verfluchung", "Strafe", "Hölle" oder "ewiger Verdammnis". Aber eine Lebensauffassung, die ein Nachforschen oder eine logische Überprüfung nicht dulden kann und daher blind geglaubt werden muß, kann keine Weltkultur tragen, in der mächtige Schulen, Universitäten und Lehranstalten immer mehr das Fundament für die Schaffung von Mentalität bilden, als Kirchen und Tempel es tun. Dies soll keine Kritik an den Kirchen und Tempeln sein, die ja höchst göttlich sind und in der Gefühlsentwicklung der Wesen eine große Mission erfüllt haben. Aber jetzt ist die Erdenmenschheit dabei, in ein Entwicklungsstadium zu gleiten, in dem sie nicht mehr mit Hilfe gefühlsmäßiger Einwirkung, durch Zeremonien und alte Traditionen, geführt werden kann. Jetzt ist es das klare Licht der Intellektualität oder des Verstandes, das Einzug in jedes einzelne Individuum halten soll. Es soll mit seinem Gehirn und seinem Verstand die Logik des Lebens, d.h. die höchste Weisheit und Liebe, in den Erscheinungen der Natur erleben. Weisheit und Liebe werden als intellektuelles Sonnenlicht von allen zukünftigen Unterrichtspalästen aus erstrahlen und werden Krieg, Mord und Verstümmelung zu Aberglauben, Torheit und Primitivität und die ewigen Fakten zu wissenschaftlichen Faziten machen. Ein Lebenserleben, das sich in einer solchen Kultur geltend macht, führendes und tragendes Element wird, kann keine angelernte, überlieferte Dogmenwelt sein, die nicht untersucht oder erforscht werden darf. Es muß die wirkliche Seele der neuen Kultur selbst sein, es muß das Leben selbst sein, es muß eine so große Wahrheit sein, daß die Kulmination der Intellektualität auf absolut keine Weise dieses Lebenserleben als eine Fälschung vernichten kann, sondern vielmehr gezwungen ist, es als eine unerschütterliche Tatsache, die in Kontakt mit der Ewigkeit hervortritt, zu bestätigen, eine Tatsache, die "eins mit dem Weg, der Wahrheit und dem Leben" ist. |
Kommentare bitte an das Martinus-Institut senden.
Fehler- und Mängelanzeigen sowie technische Probleme bitte an Webmaster senden.
Seitenübersicht