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(289-638) 
 
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Die Erinnerungen aus früheren Leben und ihre Bedeutung für die gegenwärtige Wahrnehmung des Wesens  634. Aber kraft der vielen Leidenserfahrungen, die das Wesen während der Erdenleben durchgemacht hat, hat es eine entsprechende neue Fähigkeit bekommen. Diese Fähigkeit ist das, was wir "Phantasie" nennen. Diese Fähigkeit beruht wieder ausschließlich auf "Erinnerungen" aus früheren Erdenleben oder ist aus diesen Erinnerungen aufgebaut. Und die "Erinnerungen", die ihre tiefsten Spuren im Bewußtsein oder in der Phantasie des Wesens hinterlassen haben, sind natürlich die an jene Leiden und Qualen, die das Wesen durchgemacht hat. Aber die "Erinnerungen" hieran unterscheiden sich von den Erinnerungen aus seinem jetzigen Erdenleben dadurch, daß, während letzere hauptsächlich mit vollständig realistischer Detaillierung im Tagesbewußtsein auftreten, diese Detaillierung bei den "Erinnerungen" aus früheren Erdenleben völlig fehlt.
      Was ist es aber, was von diesen "Erinnerungen" aus der fernen Vergangenheit dieses Wesens in seinem Bewußtsein noch vorhanden ist? Das ist eine "Wiedererkennungsfähigkeit". Die große Rolle, die die Erinnerungen in der Wahrnehmung des Individuums spielen, ist wie gesagt die, das Wesen zu befähigen "wiederzuerkennen". Man kann also in jeder Form von Wahrnehmung beobachten, welch große Rolle diese "Wiedererkennungsfähigkeit" spielt. Wenn man einem Erlebnis gegenübersteht, zu dem man keinen entsprechenden früheren Fall kennt, dann nennt man das Erlebte in einer solchen Situation "etwas Neues". Diesem "Neuen" steht man in dem Maße verständnislos gegenüber, wie es einem an früheren Erlebnissen ähnlicher Natur in seinem Bewußtsein fehlt. Und man spekuliert darüber, was das wohl sein könnte. Aber diese Spekulation ist eben nur eine Mobilisierung des eigenen Erinnerungsmaterials.
      Wenn man nun in diesem Material Erinnerungen findet, deren Detaillierung analog zu einigen Details in dem Neuen ist, dem man gegenübersteht, wird man ganz automatisch diese Details verstehen, während man die Details, zu denen man keine Analogien in seinem Bewußtsein finden kann, nicht verstehen wird. Die Lösung des Rätsels kann dann nur durch rein praktische Untersuchungen erworben werden, durch die man sich Kenntnisse über die Natur und das Wirkungsfeld der unbekannten Details aneignet. Diese neuen Kenntnisse werden so zu "Erinnerungen", durch die man die gleiche Situation bei einem neuen Zusammentreffen wiedererkennen kann, ohne die rein praktische Untersuchung wiederholen zu müssen. Wenn wir einen Eisenbahnzug sehen, brauchen wir diesen natürlich nicht sofort praktisch zu untersuchen, um zu konstatieren, daß es wirklich ein Zug ist. Unsere Wiedererkennungsfähigkeit ist in diesem Bereich so stark, daß schon das Geräusch des fahrenden Zuges genügt, um sofort zu wissen, was wir vor uns haben. Wenn man sich nun jedoch vorstellt, daß ein Pygmäe aus dem Urwald des Inneren Afrikas plötzlich vor ein solches Kulturprodukt gestellt würde, dann wäre diese Erscheinung für ihn völlig unbegreiflich. Er hat nämlich eine Entsprechung zu dieser für ihn neuen Situation in der Vergangenheit nicht erlebt. Erst nachdem er mit der Natur und Bestimmung eines Zuges vertraut geworden ist, hat er die Erfahrungen oder "Erinnerungen" erhalten, durch die er den Zug wiedererkennen kann, wenn er einer neuen Begegnung mit diesem gegenübersteht. Ja, die Erinnerungen geben ihm sogar eine so große Erweiterung seines Wahrnehmungsbereiches, daß es nicht einmal erforderlich ist, daß der Zug genau dieselbe Detaillierung oder Konstruktion aufweisen muß, um als Zug aufgefaßt oder wiedererkannt zu werden. Dasselbe gilt für uns selbst. Wenn wir eines Tages eine lange Reihe aneinander gekoppelter, wagenähnlicher Erscheinungen auf einer angelegten Bahn oder einem Weg entlang fahren sehen, ja es brauchen nicht einmal Schienen auf dieser Strecke zu liegen und der Zug braucht auch keine Lokomotive mit Schornstein und Rauch zu haben, dann werden uns unsere "Erinnerungen" an eine Dampflok trotzdem eine ziemlich sichere Vorstellung davon geben, daß es eine Art Zug ist, den wir in der neuen Situation vor uns haben. Aber genauso wie mit dem Erleben des Zuges verhält es sich auch mit allen anderen Erscheinungen im Erleben des Lebens. Es sind nicht so sehr die äußeren buchstäblichen Details einer Erscheinung, sondern vielmehr das Prinzip oder der Kern hinter den Details, die wir als Mittel zur Wiedererkennung bei der Begegnung mit derselben Erscheinung in unserer Erinnerung bewahren. Darum kann die Erscheinung bis zu einem gewissen Grad ohne weiteres verändert sein und wir werden sie dennoch genauso wiedererkennen, wie wir auch bei dem Zug dazu imstande waren. Ein Kulturmensch unterscheidet mit Leichtigkeit ein menschliches Erzeugnis von den Hervorbringungen der Natur, auch wenn er natürlich nicht immer mit derselben Leichtigkeit die besondere Natur oder Mission des Erzeugnisses erahnt.


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