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(639-1052) 
 
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Die neue Interessensphäre in den Geschlechtern und die überlieferten religiösen Traditionen und Dogmen  835. Aber hier ist es genauso wie in vielen anderen Entwicklungsbereichen – das Wesen ist sich dessen, was mit ihm vor sich geht, nicht sofort tagesbewusst. Es lebt immer noch in den alten Vorstellungen und Traditionen und beurteilt die ersten Keime natürlicher neuer seelischer Erscheinungen in seinem Innern, und namentlich im Innern seines Nächsten, die sich nicht ganz in Kontakt mit den genannten Traditionen und den althergebrachten Dogmen befinden, deren Erfüllung jahrhundertelang Sitte und Brauch war, als "abnorm", "sündig" und "strafbar". Und natürlich hat es auch seine Bedeutung, dass sich diese neuen Keime nicht allzu wild und planlos entwickeln. Das vollkommene Wesen kann nicht in einem Augenblick erschaffen werden. Aber auf die Dauer können die neuen seelischen Erscheinungen – d.h. die "neue Interessensphäre" – nicht unterdrückt werden. Früher oder später bricht sie in das Tagesbewusstsein des Wesens ein und zersetzt versperrende, veraltete Traditionen und Dogmen, ganz gleich, was es auch kostet, ganz gleich, für wie "sündig" oder "gottlos" man von diesen Traditionen auch abgestempelt wird. Was ist es denn, was wir in den vielen Ehescheidungen, den unglücklichen Ehen, der Abneigung gegen Kinder in der Ehe, der Propaganda für die Tötung von Embryonen, der Untreue in der Ehe, der unglücklichen Liebe, in einer allzu flüchtigen Tendenz zur Verliebtheit, im Verlieben der Wesen in ihr "eigenes Geschlecht", in Perversionen, Lustmord usw. zu sehen bekommen? Ist nicht all das Ausdruck von zunehmendem ehelichem Unvermögen der Wesen?
      Indem man dieses Unvermögen als "pervers", "sündig" oder "teuflisch" abstempelt, bleibt man in Kontakt mit den überlieferten ehelichen Dogmen, ist aber gleichzeitig damit der Verkünder einer Moralepoche, deren Angehörige immer mehr verschwinden. Was ist diese Botschaft daher anderes als das Echo aus einer anderen Zeit, in der das eheliche Unvermögen der Generationen noch nicht annähernd so groß war, wie es heute der Fall ist, und das deshalb durch den wohlgemeinten traditionellen Ruf von der Kirchenkanzel aus in Grenzen gehalten oder abgestützt werden konnte? Aber so ist es nicht mehr. Jetzt ist mehr vonnöten. Es sind eine ganz neue Welle von Licht und ein darauf basierendes Verständnis und eine darauf basierende Justiz vonnöten, wenn wieder Freude und Glück zwischen den Individuen herrschen sollen. Die Generationen können nicht mehr durch ein Echo abgestützt werden. Weder die Taufe, die Konfirmation, die Sakramente des Altars noch Strafe, Gefängnis oder Zuchthaus konnten, trotz ihrer tausendjährigen Existenz, die Ausweitung der Domäne dieses ehelichen Unvermögens verhindern. Nichts ist stärker in Auflösung begriffen als die Macht dieser alten Traditionen und Dogmen. Die "neue Interessensphäre" in jedem der "Geschlechter" kann nicht durch Dogmen, Verfolgung oder Strafe unterdrückt werden. Mit dem zunehmenden Wachstum dieser "neuen Interessensphäre", die die ausschließliche Bedingung für die Umformung des Wesens vom "Tier" zum "Menschen" ist, werden die genannten überlieferten Dogmen entsprechend überflüssig. Ja, sie sind in gewissen Fällen geradezu ein Hemmnis für ein normales mentales Wachstum und die natürliche Vervollkommnung des Schöpferwerks der Gottheit, für die Bestimmung und Absicht oder den Plan, den die Gottheit für den Erdenmenschen vorgesehen hat. Ja, ist es denn nicht so, dass der bloße Anblick eines Kreuzes oder eines anderen religiösen Symbols auf dem Einband eines Buches schon dafür ausreicht, dass sich viele Individuen nicht dazu bequemen können, in diesem Buch zu blättern, und noch weniger, darin zu lesen? Ist es nicht so, dass vielen bei dem Gedanken an Begriffe wie "Gottheit", "heiliger Geist", "Christus" oder ähnliches geradezu übel wird? Wie viele Menschen gibt es nicht, die vorläufig einen Bogen um das "Livets Bog" machen, weil sie eben glauben, dass es auf denselben alten moralischen Vorurteilen und Auslegungen der ewigen Lebensfazite oder Wahrheiten basiert? Sind diese Menschen "gottloser", "böser", "verdorbener" als die Dogmenanbeter? Nein, überhaupt nicht. Wer hat nicht unter diesen "abtrünnigen", "ungläubigen" oder "irreligiösen" Wesen ebenso herzensgute und liebenswerte Menschen gefunden wie unter den eiferndsten religiösen Dogmenpredigern? Und finden wir nicht in den Reihen dieser letztgenannten Wesen genauso viel Leid, Krankheit und schwere Schicksale wie in den Reihen der "ungläubigen" Wesen, obwohl die "Rechtgläubigen" doch meinen, die "Vergebung der Sünden" zu besitzen und somit die besondere Gunst oder Gewogenheit der Gottheit zu haben? Es sind nicht die Dogmen, die das allein machen, denn in dem Fall müsste es doch unmöglich sein, wirklich liebevolle Menschen unter den "Ungläubigen" zu finden, genauso wie es unmöglich sein müsste, kranke und leidende Menschen unter den wirklich "Gläubigen" zu finden, denn die Dogmen versprechen ja jedem, der an sie glaubt, die absolute Vergebung der Sünden. Und mit dieser Vergebung müsste das Leiden unmöglich sein, denn es ist ja, ebenfalls gemäß den Dogmen, eine "Strafe für die Sünden". Und wenn die "Sünden" "vergeben" sind, wozu dann noch das Leiden? Ist es nicht der besondere Widerspruch zwischen diesen Tatsachen und den Dogmen, der allmählich den Glauben an sie unterminiert und damit die "Ungläubigkeit" oder "Irreligiosität" verursacht? Und ist es nicht diese "Irreligiosität", die den modernen Erdenmenschen in besonderem Maße prägt?


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