Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Wenn das Individuum beginnt, starke Sympathie für sein eigenes Geschlecht zu empfinden. Platonische Liebe | 855. Nach dieser kleinen Aussicht von den Höhen wollen wir wieder zur Passage des verlorenen Sohnes durch die fleischliche Zone zurückkehren, um ihn dort wiederzufinden, wo er "Kunde" bei den Prostituierten seines eigenen Geschlechts ist. Hier ist er (sie) also zu einem Wesen geworden, in dem das Frühlingserwachen des neuen Reiches begonnen hat, zur Geltung zu kommen. Das Individuum ist hier ein Wesen, das begonnen hat, von der Herde abzuweichen. Es hat begonnen, in seinem eigenen entgegengesetzten Pol gehirnmäßig bewusst zu werden. Eine Seite des Bewusstseinslebens, von deren Existenz es niemals zuvor in dieser Spirale etwas geahnt hat und die völlig außerhalb des tagesbewussten Verständnisses der eigentlichen Herde oder Allgemeinheit liegt, beginnt, in seinem Seelenleben stark zur Wirkung zu kommen. Das Wesen beginnt, starke Sympathie und Bewunderung für schöne Wesen seines eigenen Geschlechts zu empfinden. Dass diese Sympathie sexueller Natur ist, ahnt das genannte Individuum am Anfang noch nicht. In diesem Stadium ist die bewusste sexuelle Anziehung des Wesens noch ausschließlich auf das andere Geschlecht eingestellt. Die Anziehung zum eigenen Geschlecht ist noch eine nur innerliche platonische Sympathie oder Wärme. Deshalb finden wir diese Wesen in großem Ausmaß innerhalb des ehelichen Bereichs vor und sehen sie in vielen Fällen noch als glückliche Ehepartner und Väter hervortreten. Ihre besonders herausragende Sympathie für Wesen ihres eigenen Geschlechts erweckt noch keine besondere Antipathie oder Aufmerksamkeit, insbesondere da sie durch ihre platonische Unschuld geradezu schön und edel wirkt. Dieser Bewusstseinszustand ist es, der den sogenannten "unverbrüchlichen Freundschaften" zwischen Wesen desselben Geschlechts zugrunde liegt. Es ist die erste schwache Morgendämmerung einer ganz neuen sexuellen Welt, die in ihren Herzen reflektiert wird, lange bevor sie vor ihren äußeren Sinnen und Blicken über den Horizont gekommen ist. Diese Reflexion einer kommenden neuen sexuellen Mentalität oder des genannten platonischen Freundschaftsverhältnisses ist es auch, die der Auffassung zugrunde liegt, dass Liebe oder innige Freundschaften nichts mit Sexualität zu tun haben. Aber in Wirklichkeit ist diese platonische Liebe nur die "Stille vor dem Sturm". Die platonische Situation liegt ausschließlich an dem noch außerordentlich zarten Zustand der neuen Sexualität im Verhältnis zu dem noch dominierenden gewöhnlichen sexuellen Zustand im Individuum. Die Fähigkeit, eine andere Art von sexuellem Genuss zu erfassen, muss, genau wie alle anderen Fähigkeiten, erst entwickelt werden. Das Wesen muss deshalb auch hier eine Art Embryozustand durchleben. So wie sich der kleine Embryo im Mutterleib bewegen kann, lange bevor er geboren wird, so kann auch das neue sexuelle Bewusstsein beginnen, sich im Individuum zu bewegen, bevor es zu Wissen und Wollen geworden ist. Und so sind es die "Embryobewegung" oder die beginnenden Reaktionen dieses neuen sexuellen Zustands, die der "platonischen Liebe" zugrunde liegen. Das ist dasselbe wie die Schwangerschaftssymptome eines neuen sexuellen Zustands. |
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