Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Unglückliche Liebe | 856. Aber das Leben steht nicht still. Und nichts kann auf Dauer im Embryozustand bleiben. Jeder Embryo muss seiner Geburt entgegeneilen. Eines Tages wird diese Geburt stattfinden, d.h. dass die mentale Verwandlung des Individuums ihm selbst auf Dauer nicht verborgen bleibt. Es wird allmählich entdecken, dass die innige Sympathie, die es in einer bestimmten Freundschaft zu diesem oder jenem von seinen Kameraden seines eigenen Geschlechts nährt, zuweilen nicht auf der Gegenseitigkeit beruht, die es sich wünschen würde. Es fängt an, viele Anstrengungen zu unternehmen, um eben diese Gegenseitigkeit bei dem anderen Partner zu stimulieren oder hervorzurufen. Da dies aber in den meisten Fällen nichts nützt, weil der andere Partner in der Regel eine so innerliche Sympathie für die Wesen seines eigenen Geschlechts überhaupt nicht empfinden kann, weil seine sympathischen Anlagen noch in dominierendem Ausmaß auf das andere Geschlecht abgestimmt sind, fangen für das erstgenannte Wesen die Widrigkeiten an. Es muss mit ansehen, wie sich das Objekt seiner Sympathie verliebt, verlobt und heiratet und dadurch noch weiter von der Erfüllung seines heimlichen Verlangens weg gleitet. Und nun kann es nicht umhin zu entdecken, dass dieses starke Interesse an den Affären des Freundes oder Kameraden seine ganze Mentalität ausfüllt. In seinem Inneren ist es sehr niedergeschlagen. Es empfindet, dass der Freund gleichsam für es selbst verloren ist. Es leidet dieselben Qualen wie ein Mensch, der verlobt ist und dessen Partner ihn verlassen hat, es leidet an "unglücklicher Liebe". Dieser unglückliche Zustand ist hier noch schlimmer als in den gewöhnlichen oder "normalen" Verhältnissen, in denen der verlassende Partner ein Wesen des anderen Geschlechts ist. Hier kann das Wesen wenigstens durch Vorwürfe dem verlassenden Partner gegenüber eine Art Entladung für seine Trauer oder Missstimmung erfahren, und es kann erwarten, bei anderen Menschen Mitgefühl zu finden. Aber in einer Situation, in der ein Wesen unglücklich darüber ist, dass sich ein Kamerad zu einem Wesen des anderen Geschlechts hingezogen fühlt, ist es davon abgeschnitten, Vorwürfe zu machen, und es kann auch kein Mitgefühl bei anderen Wesen erwarten, da es ja gezwungen ist, seinen Zustand geheim zu halten, um nicht entdeckt zu werden und dadurch von seiner Umgebung als Paria oder Sonderling abgestempelt und zum Objekt von hiermit verbundenen Unannehmlichkeiten und Hohn und Spott zu werden. Das Individuum muss hier also mit seinem unglücklichen Zustand ziemlich einsam leben und zudem noch auf alle möglichen Arten versuchen, dem "verlorenen" Freund gegenüber Freude und Glückwünsche vorzugaukeln, damit auch er nichts bemerkt. Es schließt sich vielleicht später einem neuen Kameraden an und erlebt dieselbe Geschichte von vorn. Und so kann es ihm passieren, dass es in der Realität lange Perioden des geschlechtsreifen Teils seines Lebens in dieser Weise verbringt. Zwischen diesen Perioden kann es noch ein Auflodern des sogenannten "normalen" Zustands, in dem es sich von dem anderen Geschlecht angezogen fühlt, erleben. Ja, die Anziehung kann so stark sein, dass das Individuum hier sogar heiratet und in vielen Fällen in dieser Ehe Kinder bekommt. Diese Ehe kann jedoch einer harten Belastung ausgesetzt sein, wenn eine neue Periode des sogenannten "unnormalen" Zustands innerhalb derselben Inkarnation wieder eintritt. |
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