Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Nikodemus kam nicht zu Jesus, um die "Vergebung der Sünden" zu erhalten, sondern um an der hochintellektuellen Seite seiner Verkündigung oder Botschaft teilzuhaben | 866. Ganz anders steht es mit genau den Menschen, die überhaupt nicht "glauben" können. "Glauben" ist kein Willensakt, sondern ausschließlich eine Fähigkeit. Entweder man hat diese Fähigkeit oder man hat sie nicht, ganz unabhängig davon, ob man das will oder nicht. Wenn man sie aber nicht hat, kann man auch nicht die "Vergebung der Sünden" erhalten und ist dann gemäß der Aussagen der "Gläubigen" hilflos verloren. Es ist nicht verwunderlich, dass auch solche Zweifler zu Jesus kamen. Dass er keinem dieser Zweifler gegenüber die Formel gebrauchte "Deine Sünden sind dir vergeben", ist genauso natürlich. Sie kamen ja nicht, um "etwas" zu bekommen, wovon sie nicht glaubten, dass es existiert, so wie ja auch Nikodemus nicht gekommen war, um die "Vergebung der Sünden" zu erhalten. Hier ist deutlich zu sehen, dass es "andere Dinge" geben konnte als eben die "Vergebung der Sünden", die die Menschen zum Welterlöser hinziehen konnten. Dass Nikodemus in der Nacht zu Jesus kam, zeigt, dass ihm sehr an einem Gespräch mit diesem großen Eingeweihten gelegen war. Dass es dabei nicht um ein Gespräch über Zeremonien oder Tempelhandlungen – weder in Gestalt der Taufe noch anderer religiöser äußerer Erscheinungen – ging, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Nikodemus war ja selbst Pharisäer und Ratsherr, also ein zu jener Zeit gelehrter Mann, und daher in der damaligen autorisierten Weisheit gut bewandert. Dass er den Welterlöser nicht aufsuchte, um eine Erläuterung zu einer Zeremonie zu bekommen, sondern vielmehr, weil er danach hungerte, eine Antwort auf das Mysterium des lebendigen Lebens zu erhalten, wird durch sein Gespräch mit Jesus zur offenkundigen Tatsache. Aus den Bruchstücken dieses Gesprächs, die durch die Bibel überliefert sind, kann man entnehmen, dass es genau dieses Mysterium des lebendigen Lebens war, was zur Sprache kam. Jesus sagte ja nicht zu Nikodemus "Ohne dass jemand von neuem – getauft – wird", sondern vielmehr "Ohne dass jemand von neuem – geboren – wird" usw. Es gibt absolut nichts, was dafür spricht, dass der Welterlöser nicht ganz genau das gemeint hat, was er hier direkt gesagt hat, so wie auch mit aller Deutlichkeit hervortritt, dass Nikodemus einen geistigen Hunger spürte, den er durch die damaligen geistigen Autoritäten, die Schriftgelehrten und Priester, nicht befriedigt bekommen konnte. Wenn aber sein Hunger etwas zum Ausdruck brachte, was er nicht durch diese Autoritäten befriedigt bekommen konnte, dann konnte das ja nur etwas von jener neuen Weisheit sein, mit der Jesus gekommen war, um die Welt zu bereichern. Hat er nicht selbst zu Jesus gesagt "Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist". Da es aber nicht die "Vergebung der Sünden" war, die der Ratsherr beim Welterlöser suchte, konnte sein Anliegen nur von dem Hunger beseelt sein, teilzuhaben an dem höheren oder intellektuelleren Teil der Verkündigung oder Botschaft Jesu. |
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