Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Zorn im eigenen Inneren dem Nächsten gegenüber führt zur "Schuldigkeit gegenüber der Weisheit" |
887. Wie schon erwähnt, sagt der Welterlöser: "Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder ohne Ursache* zürnt, soll dem Gericht verfallen sein".
Hier muss man beachten, dass in einigen Bibeln angemerkt wird, dass die Worte "ohne Ursache" in den ältesten Handschriften desjenigen Materials nicht zu finden sind, aus dem die Bibel allmählich entstanden ist.
Diese Worte wurden also von Verfassern eines späteren Zeitpunktes hinzugefügt.
Das ist jedoch ganz natürlich.
Sie haben die Tiefe der reinen, hochintellektuellen, liebevollen oder kosmischen Einstellung Jesu zu allem und jedem nicht erfasst.
Sie haben geglaubt, dass der Zorn natürlicherweise berechtigt war und damit frei von einem Urteil über seinen Urheber, wenn er nicht "ohne Ursache" war, d.h. wenn der Bruder am Zorn schuld war.
Diese Auffassung ist es, die bis zum heutigen Tage im Christentum unter dem Begriff "heiliger Zorn" oder "gerechte Empörung" zur Geltung kommt.
Diese Form von Zorn findet also in den ältesten Handschriften keine Begründung, d.h. in den Schriften, die aus einer Zeit stammen, die Jesu Zeit am nächsten lag.
Dass diese ältesten Schriften sich daher auch mehr in Kontakt mit der Auffassung befinden, die der Welterlöser von diesem Problem hatte, wird durch seine Worte "Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin" zur Tatsache.
Wenn ein Mensch, der von seinem Bruder oder Nächsten auf die rechte Wange geschlagen wird, zornig auf diesen seinen Bruder oder Nächsten wird, ist das also nicht "ohne Ursache".
Und doch sagt der Welterlöser, dass man in einem solchen Fall die linke Wange hinhalten soll, was ja genau gesagt bedeutet, dass man seinem Nächsten vergeben soll.
Dass dies das ist, was er meint, wird darüber hinaus unerschütterlich durch seine eigene Wesensart bestätigt.
Welche Einstellung seinen Henkern gegenüber war es denn, die er am Kreuz offenbarte?
Sagte er nicht: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun"?
Ist das nicht die eigentliche Kulmination dessen, dass man "die linke Wange hinhält, wenn man auf die rechte geschlagen wird", und gleichzeitig war diese Vergebung kein Zeichen von Naivität, sondern von hochintellektuellem Wissen.
Gibt er nicht mit den Worten "denn sie wissen nicht, was sie tun" eine hochintellektuelle Begründung für diese seine Vergebung?
Auf ein Wesen zornig zu sein, weil es etwas gemacht hat, wovon es kosmisch gesehen nichts wusste, kann doch nur dieselbe Torheit sein wie die, auf ein kleines neugeborenes Kind, das noch überhaupt nichts von der physischen Welt weiß, in die es gerade eingetreten ist, zornig zu werden. Die Vergebung des Welterlösers ist also kein Resultat einer sentimentalen Überempfindlichkeit oder eines sentimentalen Fanatismus, sondern pure intellektuelle Sympathie, die ja dasselbe ist wie kulminierende Liebe. "Dem Gericht verfallen zu sein" bedeutet also dasselbe wie, das Gesetz übertreten zu haben. Dieses Gesetz kann nur das von Jesus erwähnte Gesetz der Nächstenliebe sein, das allen gebietet, ihren Nächsten wie sich selbst zu lieben. Diese Liebe ist die "Erfüllung aller Gesetze". Da die Einhaltung des Gebots der Nächstenliebe die Bedingung für den Zugang zum "Himmelreich" war, ist es diese Einhaltung, derentwegen man "dem Gericht verfallen" ist, wenn man zornig auf einen Menschen wird. Die Wirkungen dieser Schuld können also – nicht ein zorniger Gott, sondern – nur die sein, dass man nicht in das "Himmelreich" kommen kann, sondern weiterhin an die primitive Erdenmenschenebene gebunden bleibt, wo man noch in den Zonen des Tierreichs lebt und sich dessen Prinzipien von Zorn, Kampf und Töten bedient. Man muss weiterhin der "verlorene Sohn" bleiben, der "zusammen mit den Schweinen frisst". Wie man sieht, kann das "Gericht", demgegenüber man schuldig wird, nur mit einer einzigen Sache identisch sein, nämlich der "Weisheit".** Die Worte des Welterlösers sind denn auch ihrer tiefsten oder kosmischen Analyse nach folgendermaßen auszulegen: "Derjenige, der zornig auf seinen Nächsten wird, gleichgültig aus welchem Grund, wird der Weisheit nicht gerecht und kann damit unmöglich vermeiden, zusammen mit allen gleichgesinnten Wesen eben jene Zone zu bilden, in die das tötende Prinzip gehört". ____________ * In der für die Übersetzung der Bibelzitate des "Livets Bog" verwendeten Einheitsübersetzung der Bibel (s. Anhang) heißt es: "... der seinem Bruder auch nur zürnt..." ** Ein leider nicht zu übersetzendes Wortspiel, da das dänische Wort für Gericht "dom" lautet und das Wort für Weisheit "visdom". (Anm. d. Übersetzers) |
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