Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Wer ist "asozialer" ‒ die Gesellschaft oder der Räuber? |
1331. Innerhalb dieser beiden Pole sah sich die übrige Erdenmenschheit in Standesunterschiede und Klassen eingeteilt, je nach dem Besitz von "Kapital" oder "Bankkonten" jedes einzelnen Individuums.
Jeder natürliche Standesunterschied, d.h. der angeborene "Geistesunterschied", der intelligenzmäßige und gefühlsmäßige Unterschied, der intellektuelle und moralische Unterschied, wurde hier als völlig untergeordneter Faktor vollständig beiseitegelassen neben der alles bestimmenden Bedeutung der Klassentrennung, die durch die Größe des Kapitalbesitzes oder "Bankkontos" repräsentiert wird.
Die eventuell ganz unbegabten Söhne eines reichen Mannes wurden "Oberklassewesen", "Direktoren" und Spitzenpersonen in den großen Unternehmen ihres Vaters oder ihrer Familie, ganz unabhängig davon, ob sie naiv, weniger begabt oder primitiv waren, es sei denn, dass sie geistig so arm waren, dass sie für abnorm oder unzurechnungsfähig erklärt werden mussten, und genauso hatte der Sohn eines armen oder mittellosen Mannes bei der Besetzung solcher Posten natürlich keine Chancen, völlig unabhängig davon, wie viel Begabung oder Qualifikation und Ausbildung er für den Posten trotz allem vorzuweisen haben mochte.
Daher auch die Redensart "Der Teufel schützt die Seinen".*
Dass die "Oberklasse" auf diese Weise einen großen Prozentsatz an Individuen aufweisen musste, die leicht zu Müßiggängern, Schwelgern und Verschwendern wurden, so wie die "Unterklasse" auf dem ökonomischen Gebiet zur Heimat für einen großen Prozentsatz an sogenannten "asozialen" Individuen wie "Dieben", "Räubern", "Hochstaplern" oder "Schwindlern" werden musste, ist eine Selbstverständlichkeit.
Wenn der Mittellose keine Arbeit bekommen kann und somit keine Möglichkeit hat, sich auf dem sogenannten "legalen" Weg ein Einkommen zu verschaffen, dann bleibt ihm ja kein anderer Ausweg als der "illegale" Weg, also der, der eben genau der Weg des Tieres ist, um sich seinen täglichen Lebensunterhalt zu verschaffen.
Aber ist das in Wirklichkeit ein "Verbrechen"? –
Es ist ja längst zur Tatsache geworden, dass die Beherrschung der Gesellschaft durch das "falsche Geschäftsprinzip" in keinerlei Weise für eine absolut vertrauenswürdige Sicherheit im Hinblick darauf gesorgt hat, dass jedermann der Arbeitslosigkeit und der hieraus folgenden Mittellosigkeit entgehen kann.
Wenn aber die Gesellschaft dem Individuum dies nicht garantieren kann, dann wird dieses Individuum ja dadurch auf den "Zustand des Tieres", auf die Lebensbedingungen des "Tieres" zurückgeworfen.
Es kann nichts anderes tun, als sich der "Selbsthilfemethoden des Tieres" zu bedienen.
Es muss "sich selbst nehmen", wenn es nicht vorzieht, sich zum Sterben hinzulegen.
Wer ist hier in diesem Fall "asozialer": die Gesellschaft oder der "Dieb" und "Räuber"?
____________ * "Fanden hytter sine" (dänische Redewendung) bedeutet, dass man bei einem zweifelhaften oder unmoralischen Vorhaben gut wegkommen kann, wenn man von Gleichgesinnten geschützt wird. [Anm. d. Übers.] |
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