Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Die Kollision des überdimensionalen sexuellen Begehrens mit der autoritativen moralischen Auffassung und die hieraus folgenden Konsequenzen | 1740. Wir haben bereits bemerkt, dass die sexuelle Kraft im Menschen sich als ein Hunger äußert, der gesättigt werden muss. Nun ist der sexuelle Hunger zwar kein Hunger, der tödlich ist, wenn er nicht gesättigt oder befriedigt wird, so wie es beim gewöhnlichen Hunger nach Nahrung der Fall ist, aber das bedeutet natürlich nicht, dass die Stellungnahme des Wesens zu diesem Hunger völlig gleichgültig ist. Wir müssen deshalb diese überschüssige sexuelle Kraft studieren. Diese Kraft macht sich besonders beim fortgeschritten kultivierten oder intellektuellen Menschen geltend. Je weiter wir auf die Entwicklung zurückblicken, je weiter wir in das Tierreich hinunter kommen, umso geringer wird diese überschüssige Kraft, um zuletzt in Wirklichkeit nur genau die nötige Kraft dazu auszumachen, die Fortpflanzung garantieren zu können. Hier gibt es also keine überschüssige Kraft, zu der man Stellung nehmen oder die man als "sündig" oder "gottlos" bekämpfen muss. Nur beim Erdenmenschen ist die Sexualität ein außerordentlich großes, in Nebel und Mystik eingehülltes, Problem geworden. Dass dieser Nebel und diese Mystik oder Unwissenheit hinsichtlich der sexuellen organischen Struktur im Wesen eine Unmenge von äußerst verschiedenen Moralauffassungen bewirkt haben, ist eine Selbstverständlichkeit. Sie haben also bewirkt, dass das Haremsprinzip oder die Polygamie und die Polyandrie bei gewissen Völkern zur legalen Art und Weise wurden, um den überdimensionalen sexuellen Drang zu befriedigen. Dieses Prinzip wurde also zur Moral. Was die christliche Gemeinschaft betrifft, so wurde diese Methode geradezu als allerhöchste Form von Unmoral betrachtet. Ja, innerhalb des Christentums ist man in manchen Fällen sogar so weit gegangen, dass man Zölibat oder totale sexuelle Enthaltsamkeit von Priestern oder Verkündern und Ausübern der Religion verlangt hat. Vom übrigen Teil der Bevölkerung wurde der Segen der Kirche in der Form einer kirchlichen Hochzeit zwischen Mann und Frau verlangt, bevor der sexuelle Akt ausgeübt werden durfte. Und selbst innerhalb dieser Beschränkung gab es sogar Fälle, wo man es als sündig betrachtete, wenn zwei Ehegatten das Sexualleben nur des Genusses wegen ausübten und infolgedessen keine Befruchtung beabsichtigten. Das bedeutet also, dass ein Ehepaar im schlimmsten Fall riskieren kann, nur einmal im Jahr sexuelle Befriedigung erlangen zu dürfen. Dass junge, geschlechtsreife Menschen einander sexuelle Befriedigung oder sexuellen Genuss außerhalb der Ehe schenken, ist natürlich als die Kulmination von Gottlosigkeit selbst verbannt worden und als der beste Weg in die Verdammnis. Und es ist noch schlimmer, wenn die überschüssige sexuelle Kraft sich in Form eines Verlangens äußert, nicht nur ein Wesen des anderen Geschlechts zu liebkosen, sondern auch ein Wesen des eigenen Geschlechts, welche Sympathie in Reinkultur in Wirklichkeit der Erfüllung des Gesetzes der Nächstenliebe am nächsten liegt, dann wird man in manchen Ländern geradezu bestraft und somit als "Verbrecher" angesehen. Das bedeutet also, je mehr Sympathie und Zärtlichkeit man gegenüber Wesen des eigenen Geschlechts manifestiert, desto mehr wird man als ein "Verbrecher gegen die Sittlichkeit" betrachtet. Wie soll eine Religion, deren absolutes Grundgesetz und tragendes Fundament dies ist, "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst", etwas anderes als ein Fiasko werden können, wenn sie sich ihren heiligen Dogmen und Lehrsätzen nach auf die Todesstrafe für jede Liebe beruft, die außerhalb der vom männlichen und weiblichen Geschlecht betonten liegt und jede Kulmination der Sympathie zwischen Wesen gleichen Geschlechts, oder besser gesagt, unabhängig vom Geschlecht, als einen Weg in die äußerste Finsternis betrachtet und diese Wesen außerdem als Parias, als "Verbrecher", als "abnorme" oder "kranke" Wesen verfolgt? – |
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