Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Alle egoistischen Unternehmungen, sowohl öffentliche wie private, münden letzten Endes in selbstlosen Erscheinungen |
1755. Hier möchte man vielleicht einwenden, dass das Entstehen vieler der genannten Kulturveranstaltungen und Kulturwerte nicht auf eine besonders selbstlose Gesinnung zurückzuführen ist.
Sie sind aus dem Geschäftsprinzip heraus geschaffen worden.
Sie haben sich in weitem Umfang als Unternehmungen erwiesen, die zu Beruf und Verdienst werden konnten, und viele Personen oder Initiatoren solcher bedeutenden, Arbeit schaffenden oder gemeinnützigen Institutionen oder Unternehmen sind gerade dadurch unglaublich wohlhabend oder reich geworden, dass sie diese in Gang gesetzt haben.
Ist es nicht eben der allgemeine Sachverhalt, dass es Unternehmen innerhalb der Industrie, der Fahrzeugfabrikation und Herstellung von anderen Kraftmaschinen gibt, die unter sehr bescheidenen und primitiven Verhältnissen anfingen und am Ende zu gigantischen Unternehmen mit Tausenden von Arbeitern geworden sind und ihre Stifter zu den reichsten Menschen der Welt gemacht haben? –
War nicht gerade der Gedanke, diese Bereicherung zu erzielen, eher die Triebkraft dieser Urheber als dies, der Menschheit zu dienen? –
Glaubt jemand, dass die Mitwesen dieser reichen Wesen im Allgemeinen, außerhalb persönlicher Freundschaft und einer Art Snobismus, gratis Anteil an den Gütern und aufgetürmten gigantischen Vermögen dieser umfangreichen Reichtumsquelle bekommen konnten? –
Mussten nicht die Arbeiter solcher Unternehmen streiken oder viel Energie und Kampf ins Werk setzen, um einen so großen Teil von diesem riesigen Einkommen abzubekommen, dass sie wenigstens den erforderlichen täglichen Lebensbedarf decken konnten? –
Basieren nicht alle diese großen Unternehmen hauptsächlich auf der Bereicherungsmöglichkeit? –
Wer inszeniert sie aus rein menschenfreundlichen Gründen? –
Leben nicht die Initiatoren solcher gigantischen Unternehmen in der Regel in großen Palästen mit Parks und Anlagen und mit einem Stab von Dienstpersonal? –
Leben sie nicht sogar in einem verschwenderischen Genuss der Kulturgüter, ja zuweilen bis an die tödliche Schwelgerei, während ihre Arbeiter in Sklaverei, Armut und Elend verschmachten müssen, wenn diese es nicht nach und nach verstanden haben, sich durch Organisationen und Vereinigungen zu schützen? –
Dies scheint nicht auf eine Sympathie hinzudeuten, die anders und von einer höheren Natur ist als die des Tieres.
Es ist ganz richtig, dass die rein oberflächliche Triebkraft dieser Unternehmen in den meisten Fällen kein besonderes Maß an Selbstlosigkeit aufweist, sondern eben ein Produkt der Bereicherungsabsicht und des Selbsterhaltungstriebs der betreffenden vorgesetzten und unterstellten Wesen ist. Die wirkliche und wahre Analyse der Dinge ist jedoch nicht einzig und allein mit einer oberflächlichen lokalen Analyse abgetan. Es gibt ein noch höheres Gebiet, von dem aus das Leben betrachtet werden muss, um richtig und gerecht beurteilt werden zu können. Dieses höhere Gebiet ist der Platz und der Zweck der Dinge in der Gesamtheit. Und hier kann es wohl nicht geleugnet werden, dass ein Krankenhaus nicht einzig und allein deswegen erbaut wurde, um den Maurern und übrigen Handwerkern Arbeit zu schaffen, ebenso wie es auch nicht logisch sein kann anzunehmen, dass solche Institutionen nur errichtet wurden, um Ärzten und Krankenschwestern ein Auskommen zu verschaffen. Der Zweck eines Krankenhauses muss doch schließlich dieser sein, dass es eine Institution ist, mit deren Hilfe verletzten und kranken Menschen, falls möglich, zu Gesundheit und Bewegungsfähigkeit verholfen werden kann. Verhält es sich nicht genauso mit dem Bauen von Schulen und Lehranstalten? – Niemand glaubt wohl, dass diese nur errichtet wären, um ausschließlich den betreffenden Baumeistern und Handwerkern und später den Lehrern Existenzmöglichkeiten zu schaffen? – Der endgültige Zweck bei der Einrichtung dieser Erscheinungen muss wohl in höchstem Grade dieser sein, allgemeinen Zutritt zu Unterricht und Bildung zu schaffen. Das Gesetz- und Rechtswesen mit seiner Polizei hat doch auch einen höheren Zweck als nur eine Existenzmöglichkeit für die vorgesetzten und unterstellten Wesen dieser Staatsverwaltung zu sein. Ist die Absicht mit dieser Staatsverwaltung nicht gerade die, soweit wie möglich das Leben und das Menschenrecht der Wesen zu wahren und zu schützen? – Wenn wir uns die Regierungen in der Welt ansehen, dann kann wohl auch hier nicht gesagt werden, dass es deren höchster Zweck ist, eine Existenzmöglichkeit für Könige, Präsidenten, Minister und Parlamentsabgeordnete usw. zu schaffen? – Ist nicht der höchste und eigentliche Zweck aller Regierungen ohne Ausnahme der, geordnete und kulturelle Gesellschaftsverhältnisse zu schaffen? – Verhält es sich nicht genauso mit allen kulturellen Erscheinungen der modernen Gesellschaft? – In welchem Ausmaß diese Institutionen und Erscheinungen, jede für sich, es erreichen oder dazu im Stande sind, ihren besonderen Zweck zu erfüllen, ist ausschließlich eine Frage der Entwicklung. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, dass ihr gemeinsamer Zweck nur der ist, die Gesellschaftsverhältnisse zu verbessern. Ihr innerster und stärkster Lebenskern sind also Kräfte, die unausweichlich in Richtung von Humanität, Selbstlosigkeit oder Menschenliebe gehen. Ja, so deutlich wirken diese Kräfte sogar hinter den im Äußeren egoistischsten oder selbstsüchtigsten Unternehmungen, dass sie in den meisten Fällen diese sogar in eine mehr oder weniger humane Richtung lenken können. Ist es nicht zuweilen so, dass große Privatunternehmen, d.h. Geschäfte, die auf einem alles durchdringenden Raubbau basieren, mit ihrer wirtschaftlich überlegenen Macht viele kleinere Firmen oder Geschäftsunternehmen unter ihre ausplündernde Diktatur oder zu Bankrott und Untergang gebracht haben? – Und haben sie nicht dadurch, dass sie die angeeigneten Werte dieser Unternehmen als eigenes Privatvermögen angehäuft haben, es zu gigantischem Wachstum gebracht? – Und ist es dann nicht so geendet, dass dieser Gründer des gigantischen Vermögens am Lebensabend ganz oder teilweise diesen von der Gesellschaft geraubten Reichtum in der Form von erheblichen Kapitalien für kulturelle Zwecke an die Gesellschaft zurückgegeben hat? – Der Kreislauf macht sich auch hier geltend. Die auf egoistische Weise angeeigneten oder eroberten Werte werden immer irgendwie früher oder später zur Gesellschaft zurückkehren. Nichts kann auf die Dauer oder für immer Privateigentum bleiben, selbst wenn ein Besitz einige Generationen lang geerbt werden kann. Wir sehen folglich, wie private gigantische Vermögen in einem ständig ansteigenden Ausmaß zur Gesellschaft zurückfinden. Riesige Unternehmen mit Hunderten oder Tausenden von Arbeitern, die mit dem Zufriedenstellen der Trunksucht oder dem unnatürlichen Drang nach berauschenden Getränken spekulieren, haben geradezu Institutionen oder Fonds einrichten müssen, wodurch ein Teil des Millionenüberschusses des Unternehmens wieder in die Gesellschaft zurückfließt zur Unterstützung von Kunst und Wissenschaft und zu anderen kulturellen Zwecken. Was das Steuerwesen des Staates betrifft, so ist dieses ja auch eine Institution, die nicht nur deswegen entstanden ist, um ihrem Personal ein Auskommen zu schaffen. Die Absicht mit dem Steuerwesen kann nur die sein, es zu einer Institution oder einem Werkzeug zu machen, durch das der Staat die Werte der Gesellschaft so regulieren kann, dass sie sich nicht in allzu großem Ausmaß als Privatvermögen auf Kosten dieser Gesellschaft anhäufen. Dass diese Regulierung des Vermögens oder der Werte durch das Steuerwesen noch nicht vollkommen ist, ja zuweilen sogar als unverschämt und ungerecht aufgefasst werden kann, ist ja auch eine Entwicklungsfrage, für die die Zeit und die Erfahrungen nach und nach Abhilfe schaffen werden. Wie wir hier gesehen haben, deuten alle sowohl privaten als auch öffentlichen Maßnahmen und Unternehmungen in die humane Richtung, obwohl sie oberflächlich gesehen noch viel Besorgnis, Kummer und Leid verursachen und, wie schon erwähnt, in vielen Fällen sogar ungerecht zu sein scheinen. Es lässt sich infolgedessen nicht leugnen, dass hinter all diesen offiziellen und privaten Erscheinungen Kräfte am Werk sind, die im Grunde genommen absolut nicht "tierisch" oder selbstsüchtig sind und eben deshalb in selbstloser Weise dahin steuern, eine verbesserte Gesellschaftsordnung zu schaffen, völlig unabhängig davon, ob die privaten, religiösen und politischen Interessensphären, aus welchen sie stammen, eventuell an der Oberfläche in hohem Grade selbstsüchtig sind und, jede für sich, nur für das Erreichen der im Staat für sie selber günstigen materiellen Vorteile auf Kosten der anderen arbeiten. Selbst wenn alle verschiedenen Stifter der privaten, religiösen und politischen Vereinigungen also in ihrem Auftreten zu Selbstsucht oder Egoismus neigen – so wie die einzelnen Individuen untereinander auch in großem Ausmaß am liebsten nur für eigene Vorteile arbeiten –, offenbaren sich doch hinter ihrer gesamten Manifestation selbstlose Kräfte und entsprechende, von diesen Kräften geschaffene, privat und öffentlich mehr oder weniger uneigennützige Unternehmen und Institutionen. |
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