Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Das "B-Begehren" ist das Verlangen des Verliebten nach dem Besitzen und der Gegenliebe des geliebten Wesens | 1819. Aber im Paradies gibt es immer eine Schlange, und so ist es auch hier beim irdischen Erleben des Paradieses. Das "A-Stadium" der Verliebtheit existiert nicht besonders lange in Reinkultur. Es dauert also nicht lange, ehe bisher verborgene, niedrigere Kräfte anfangen, sich geltend zu machen. Die stark sympathische Einstellung des Verliebten zum geliebten Wesen ist nicht jene Liebe oder Selbstlosigkeit, die sie zuerst zu sein schien, ja, sie ist in Wirklichkeit gar keine Liebe. Die Sympathie der Verliebtheit zeigt nur oberflächlich einen Hauch von Liebe auf. Ihrem innersten Wesen nach ist diese Sympathie pure Selbstsucht, die ja das Gegenteil jener wahren Liebe ist, die die Erfüllung aller Gesetze ist. Die Verliebtheitsliebe oder die Paarungssympathie ist eine Erscheinung, die auf die Dauer überhaupt nicht ohne Nahrung existieren kann. Aus dem A-Begehren entsteht also mit der Zeit ein neues Begehren, das den Besitz des geliebten Partners und dessen Gegenliebe fordert. Dieses Begehren wollen wir hier in unseren Analysen als das B-Begehren der Verliebtheit bezeichnen. Wenn dieses Begehren nicht befriedigt und das Besitzen des geliebten Wesens nicht erreicht wird, dann stagniert die Verliebtheit oder die Paarungsliebe. Und mit dieser Stagnation wird der wahre Entwicklungsstandard des verliebten Partners offenbar. Die Grenze des wahren Sympathievermögens dieses Partners zeigt sich in der Regel nun als etliche Stufen unter dem Sympathiegefühl liegend, das die Verliebtheit zum Ausdruck brachte. Ja, der Standard dieses Sympathiegefühls kann sogar so gering sein, dass er in Wirklichkeit nur Kälte allen Mitwesen gegenüber ausdrückt. Die Nächstenliebe fehlt also fast ganz und gar. Und in einer Situation, in der das geliebte Wesen seinen Anbeter nicht auch so lieben kann, wie er oder sie von ihm geliebt wird, wird sein allgemeines Gefühl, das, wie gesagt, eigentlich mentale Kälte ist, im schlimmsten Falle geradezu zu tödlichem Hass dem Geliebten gegenüber. Dieser Zustand liegt hauptsächlich allen Eifersuchts- und Ehedramen zugrunde und macht den Verliebten oder den Anbeter bestenfalls zu einem unter aufgezwungener Resignation begrabenen Opfer der Melancholie oder des Lebensüberdrusses, den wir "unglückliche Liebe" nennen. |
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