Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Die Hauptursache der ehelichen Degeneration ist keine Primitivität oder Unmoral | 1826. Wenn es außerdem noch Eheleute gibt, die geheiratet haben und sich dann wieder drei- oder viermal scheiden ließen und sogar dazu bereit sind, mit dieser Wanderung in die Ehe hinein und aus der Ehe heraus fortzufahren, es sei denn die Behörden greifen ein und machen dieser Taktik ein Ende, dann kann man wohl nicht behaupten, dass solche Wesen sonderlich für die Ehe geeignet sind und dass sie das wahre Glück besonders in dieser Form von seelischer und psychischer Verbindung finden. Sind sie nicht eher als Wesen anzusehen, die praktisch wurzellos und somit heimatlos in der Ehe sind? – Zu behaupten, dass sie unmoralisch wären und einen gemeinen und schlechten Charakter repräsentierten, dass sie egoistisch und rücksichtslos seien, kann vielleicht bis zu einem gewissen Grad richtig sein, aber es ist absolut nicht dieser ihr mentaler oder psychischer Zustand, der die hauptsächliche Ursache ihrer ehelichen Misere ist. Je mehr wir in der Entwicklung zurückblicken, um zuletzt hinunter zu den Tieren zu gelangen, je mehr sehen wir beim Größtteil der höher entwickelten Tiere einen glänzenden ehelichen Zustand im Paarungs- und Fortpflanzungsleben, besonders unter den Wesen, die in Monogamie leben. Und man wagt wohl nicht zu behaupten, dass diese Wesen, z. B. Löwen, Tiger oder andere Raubtiere, nicht von Natur aus egoistisch und feindlich gegen andere Wesen eingestellt wären. Und doch wandert man hier nicht von Ehe zu Ehe oder verlässt das einmal eingegangene Paarungsleben, so wie es bei den vorher genannten Erdenmenschen der Fall ist. Sind diese Menschen denn noch selbstsüchtiger, noch gehässiger oder tödlicher als die Raubtiere ihren Mitwesen gegenüber? – Ja, es ist richtig, dass die dunklen Kräfte oder die mentale Winterzone gemäß des Kreislaufgesetzes in der mentalen Sphäre der Erdenmenschen kulminieren und dass es infolgedessen keinen raffinierteren und grausameren Auslöser des tierischen, tötenden Prinzips gibt als den Erdenmenschen, der sich eben im Kulminationsstadium dieser Finsternis befindet, aber hier muss man bedenken, dass es auch viele Erdenmenschen gibt, die schon längst dieses Stadium der Kriegsbegeisterung, des Hasses und Rächens hinter sich haben und auf verschiedene Weise eine große Humanität zeigen können; Menschen, die an großen allgemeinnützlichen Unternehmungen teilnehmen, bereits als geniale Künstler in Erscheinung treten und jeden Tag mit dieser ihrer Kunst dazu beitragen, den Menschen viel Freude, Unterhaltung und Unterricht zu bereiten, und damit dazu beitragen, Schule zu machen oder anderen für deren spezielle Kunst als Vorbild zu dienen. Das Eigentümliche ist, dass man gerade bei diesen Wesen die zahllosen Scheidungen und unglücklichen Ehen findet und nicht bei den robusten, primitiven und kriegerischen Individuen oder jenen Wesen, die sich im Stadium des Egoismus und der Herrschsucht befinden oder im Bereich des Eroberungs- und Unterdrückungsdrangs. Es wird damit zu einer Tatsache, dass die allgemeine Zone der unglücklichen Ehen aus jenen Wesen besteht, die in intellektueller Humanität und auf gemeinnützigen Gebieten bereits fortgeschritten sind. Hier finden wir die größte Misere in der Ehe und die brüchigsten Verbindungen im Paarungszustand. Und dieser Umstand macht es wiederum zur Tatsache, dass die Ehe unter den Wesen dieser Sphäre oder Zone im Begriff steht, etwas Sekundäres zu werden. Diese Wesen leben in großem Ausmaß für eine andere Interessensphäre, nämlich für die Ausübung ihrer Kunst oder einer besonders bevorzugten intellektuellen Beschäftigungskategorie, in der eine selbstlose, humanistische und gemeinnützige Haltung das Allgemeingültige ist. Das heißt also wiederum, dass wir hier in Wirklichkeit, allgemein gesehen, gar keine lieblosen oder rücksichtslosen Wesen vor uns haben. Nur was ihre eheliche Seite betrifft, scheinen sie amoralisch zu sein. Hier übertreten sie in hohem Maße die vorgeschriebenen Moralgesetze und werden oberflächlich, leichtsinnig und treulos. Und es kann auch nicht geleugnet werden, dass die Wesen auf diesem Gebiet ein diametraler Gegensatz zu sich selber sind, d.h. der Gegensatz zu dem Teil ihrer Psyche, der nichts mit der Ehe zu tun hat. In diesem Teil können sie wunderbare, gemeinnützige Wesen sein, die mitunter anderen viel Freude bereiten mit ihrem großen, genialen künstlerischen Können in der Schreib-, Bühnen-, Maler- und Bildhauerkunst sowie der Musik oder mit einer bedeutenden humanen wissenschaftlichen Erziehung und Schöpfung. Ihre gemeinnützige intellektuelle, künstlerische Tätigkeit und Position kann so groß sein, dass sie weltberühmt sind und von allen Nationen bewundert und geehrt werden, während sie im anderen Teil ihrer Psyche, d.h. dem ehelichen Teil, sowohl für sich selber als auch für den Ehepartner und die Nachkommen Unglück und Leiden schaffen. Man kann also diese Wesen nicht mit gutem Recht als Taugenichtse oder Subjekte ohne Moral und Bedeutung stempeln. Sie beweisen dagegen den Sachverhalt, dass sie, was die Ehe betrifft, im gleichen Maße degeneriert sind, wie sie sich in intellektueller und künstlerischer allgemeinmenschlicher Hinsicht entwickelt haben. Sie sind gespaltene Wesen geworden. Das aus dem Tierreich ererbte Paarungsprinzip, das einst Alpha und Omega war, muss nun diesem in ihrer Mentalität oder Psyche entstandenen intellektuellen, künstlerischen oder menschlichen Können den Platz einräumen. Dieser letztere Teil ihres Bewusstseins oder ihrer Psyche hat bereits in vielen Fällen allmählich die Lenkung der Lust und des Willens des Wesens übernommen. Er ist das Primäre geworden, während der Teil, der zur Ehe gehört, in Wirklichkeit nun also für dieses Wesen nur noch als etwas Sekundäres existiert. Die großen und am meisten fortgeschrittenen Künstler oder Intellektuellen bleiben weiterhin Künstler oder Intellektuelle, ganz abgesehen von der ehelichen Havarie, ja, sie werden sogar mitunter in ihrem intellektuellen Schöpfen noch genialer. Wurden nicht viele der schönsten Gedichte über Erotik und Liebe von Personen geschrieben, die an unglücklicher Liebe litten? – Aber selbst wenn solche aus Liebe unglücklichen Wesen denjenigen oder diejenige, in den oder die sie so sehr verliebt sind und die sie lobpreisen, wirklich erobern, dann dauert es bei vielen gar nicht lange, ehe sie sich in eine neue Verliebtheit und in hiermit verbundene Qualen in Bezug auf Scheidung oder Befreiung von dem früher geliebten Wesen verwickeln, mitunter mit dem Risiko einer zweifelhaften Gegenliebe von Seiten des neuen Partners. Es liegt auf der Hand, dass diese Intellektuellen keine Psyche haben, die unter die überlieferten, tausendjährigen Mosesgesetze eingeordnet werden kann. Wenn das Sexualleben dieser Wesen unter die Richtschnur dieser Gesetze gezwungen würde, dann würden diese intellektuellen Wesen sich wie in eine mentale Zwangsjacke von so umfassenden Dimensionen gepresst fühlen, dass seelische Enttäuschung, Melancholie und Lebensüberdruss jede Inspiration und jeden Antrieb zu intellektuellen oder künstlerischen Manifestationen töten würden. Ihre intellektuelle Schöpfungsfähigkeit, ihr Genie, wäre wie eine Pflanze, die in der Wüste aus Mangel an Wasser, an Feuchtigkeit und Nahrung verkümmern würde. Diese intellektuellen Wesen haben also keine Psyche mehr, in der die orthodoxe, an das Mosesgesetz gebundene Ehe das Primäre sein kann. Gegebenenfalls müsste man ihre intellektuelle, künstlerische Fähigkeit, Begabung oder Genialität als Abnormität, als etwas Böses betrachten, das ihr normales Ehe- oder Paarungstalent unterminiert, also als ein Böses, das im allerhöchsten Maße bekämpft werden müsste. – Aber kann die Menschheit sich das leisten? – |
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