Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Durch das Fegefeuer der Polverwandlung hindurch |
1864. Dass es keine vollkommene Befriedigung für das entgleiste eheliche Verlangen der maskulinen Frau und des femininen Mannes gibt, ist jedoch nicht die einzige Unannehmlichkeit, die den Wesen während ihrer Passage durch die verschiedenen Stadien der sexuellen Polverwandlung bevorsteht.
Sie sind ja alle Wesen, die mehr oder weniger vom großen Haufen oder der Herde abweichen, deren Wesen in glücklicher Unwissenheit über die sexuelle Polverwandlung leben und deren Symptome in ihrem eigenen Wesen noch nicht bemerkt haben.
Sie betrachten deshalb jegliche sexuelle Abweichung von der Sexualität ihrer Herde als abnorm und mit der aus dem Tierreich ererbten Antipathie gegen das Unnormale.
Die von der Sexualität dieser Herde Abweichenden finden deshalb viel Feindschaft und Missverständnis bei jenen Wesen der Herde, die aufgrund ihrer Unwissenheit glauben, organische Funktionen durch juristische Strafurteile verändern zu können, ja sogar Todesstrafen sind vorgekommen.
Außer dieser herabsetzenden Beurteilung von Seiten der öffentlichen Meinung ist das Verhalten dieser Wesen geradezu eines der begehrtesten Lieblingsobjekte der Repräsentanten des Klatsches oder der üblen Nachrede.
Es liegt eine Sensation in jeder Neuigkeit, die die Sexualität eines anderen Wesens betrifft.
Es gibt Wesen, die geradezu einen ständigen Hunger nach solchen Neuigkeiten haben, nicht nur, weil sie sich damit im Kreise der anderen Gleichgesinnten interessant machen können, sondern auch, weil sie in der Beschreibung mancher dieser obskuren Neuigkeiten Einzelheiten finden, die heimlich eine Art erotischen Genusses oder Wollustgefühls in ihrer eigene Psyche hervorrufen.
Sie besitzen deshalb selbst nicht die Unschuld oder Reinheit, die sie dazu berechtigen könnte, die Mitwesen zu steinigen, indem sie eine üble oder schädliche Enthüllung deren sexueller Psyche weitergeben.
Hier zufolge müssen die von der Sexualität der Herde abweichenden Wesen in einer unglückseligen Heimlichtuerei und Unwahrheit leben, um diese ihre Psyche zu verbergen.
Dass diese erzwungene Heuchelei groß genug ist, um zu bewirken, dass solche Menschen in einer Hölle von verschlissenen Nerven und den hiervon verursachten Leidenszuständen leben müssen, dürfte wohl eine Selbstverständlichkeit sein.
Durch die wachsende wissenschaftliche Aufklärung in Ländern mit einer wirklich demokratischen Regierungsform haben sich die Verhältnisse für diese Wesen sehr gebessert.
Der intellektuelle oder weiter fortgeschritten entwickelte Teil der Allgemeinheit steht jetzt im Begriff, mit der Natur dieser Wesen vertraut zu werden, wie diese Wesen auch ohne juristische Verfolgung in Frieden leben können, wenn ihre Natur also von einer solchen Art ist, dass sie keine Gefahr für Minderjährige ausmacht oder das allgemeine Schamgefühl kränkt.
Da diese vom Leben der Herde abweichende Daseinsform jedoch, wie bereits erwähnt, eines der Lieblingsthemen des Klatsches ist, wird zwischen dem Träger dieser Daseinsform und dem primitiven oder unwissenden Teil der Allgemeinheit ein stinkender, verdummender und Antipathie erweckender Rauchschleier existieren, der hier, wie in anderen Situationen, die wirkliche Wahrheit hinter den äußeren Erscheinungen verschleiert und das Lebensglück seiner Opfer im Schlamm der Verlogenheit erstickt. Es wäre ein großer Vorteil, wenn diese Repräsentanten der üblen Nachrede oder des Klatsches ein wenig an das Eldorado der Dummheit denken würden, in das sie sich vergraben, indem sie das Unbekannte mit mentalem Schlamm überhäufen, anstatt zu untersuchen, was sie eigentlich verfolgen. Sie wären dann bestürzt zu sehen, wie sie durch die mentale Lautsprechertätigkeit ihres Sensationsdrangs dazu beitragen, eine kleine Wunde der scheinbaren Abnormität bei ihrem Nächsten zu einem klaffenden Loch und einer Stelle mit allerhand mentaler Entzündung oder Beulenpest zu machen. Dieser stickige Rauchschleier der Verlogenheit und Antipathie oder der Intoleranz ist es, der den Rückenwind für eine größere oder kleinere Inquisition oder Verfolgung jener Menschen hervorruft, die vom Verwandlungsprozess der sexuellen Entwicklung geprägt sind. Die Verfolgung ist hier genauso sinnlos und grausam oder satanisch, wie das Hexenverbrennen in Jesu Namen oder der Tod auf dem Scheiterhaufen derjenigen war, die aufgrund der Entwicklung ihres Geistes begannen, durch die verdummenden Rauchschwaden der Religion oder der Sekten die faktischen göttlichen Verhältnisse oder die absolute Weisheit oder Wahrheit ahnen zu können. Was kann es denn schaden, dass zwei Wesen, die aufgrund eines Mangels an Schutz von Seiten der Gesellschaft einst in einer entschwundenen Zeit verführt wurden und aufgrund der Wirkungen hiervon auf die Irrwege der Abnormität gestoßen sind, Kontakt suchen und in gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Sympathie einander gewissermaßen stützen? – Sie bekommen dadurch eine Art Krücke für ihre eheliche Invalidität, mit deren Hilfe sie im Leben einigermaßen weiterkommen können. Diese Wesen haben ja kein Talent für die Ehe mit einem Partner des anderen Geschlechts und müssen deshalb die Zärtlichkeit, das Glück und die Wärme von Seiten eines liebevollen Ehegatten bzw. einer Gattin, der Kinder und der eigenen Familie entbehren, in der der normale, ehelich eingestellte Erdenmensch in einer normalen Ehe schwelgen, und es dadurch erreichen kann, seine volle Lebenslust, Inspiration und Freude am Dasein zu fördern und zu nähren. Derjenige, der von Natur aus von dieser Normalität oder dieser Inspiration des Lebens abgeschnitten ist, muss es notwendigerweise versuchen, dieser Invalidität auf andere Art und Weise abzuhelfen oder einen Ersatz dafür zu schaffen. Ebenso wie sich ein Mensch mit einem künstlichen Bein weiterhelfen und dadurch seine Invalidität mehr oder weniger beheben kann, wenn er sein natürliches Bein irgendwie verloren hat, muss er ja einer chronischen Invalidität auch in jeder erdenklichen Weise durch "Krücken" abhelfen. Und deshalb muss es ganz normal sein, dass Wesen, die keine Fähigkeit dazu haben, ein Eheleben mit einem Wesen des anderen Geschlechts zu führen, mit einem Wesen des eigenen Geschlechts, bei dem sie gegenseitiges Verständnis finden, Fühlung nehmen und durch die hieraus entstandene Gleichgesinntheit etwas von der Liebe oder Sympathie erlangen, ohne die kein Erdenmensch leben kann. Wie sollte ein Wesen, das von Natur aus von der Herde abweicht, Verständnis und Liebe innerhalb einer Schar von solchen Wesen finden, die sich zwar Menschen nennen, die aber noch im großen Stil nach dem instinktmäßigen Gesetz des Dschungels leben, das darauf hinausläuft, alles Lebendige in Fetzen zu reißen, was vom Leben der Herde abweicht und deshalb als nicht zum Leben berechtigt betrachtet wird? – |
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