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Lesen und suchen im Das Dritte Testament
   Ziff.:  
(2396-2664,E) 
 
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Wenn man eine Moral und Lebensweise von seinem Nächsten verlangt, die zu leisten er noch nicht genügend entwickelt ist  2410. So versteht man hier, dass es Situationen geben kann, in denen die Betreffenden, oder einer von ihnen, so weit in der Entwicklung zurück sind, dass sie überhaupt nicht einmal die Fähigkeit haben, theoretisch zu vergeben, ganz gleich wie nützlich und logisch dies für die Betreffenden auch sein würde. Und hier können die Wesen es nicht vermeiden, im Krieg zu leben. Ein Mensch kann also nichts dafür, wie groß seine Liebesfähigkeit oder die sympathischen Anlagen sind, wie er auch ebenso wenig dafür kann, welche Erfahrungen er heute hat oder nicht hat. Nach dem Wissen und der Klugheit, die er erst zu einem späteren Zeitpunkt erhält, kann er heute unmöglich handeln. Und hier geschieht es, dass der unfertige Mensch sehr oft sein zukünftiges Schicksal verdirbt, sowohl in seinem gegenwärtigen als auch in kommenden Leben, da er nicht versteht, dass sein Nächster keine größere, humanere oder gerechtere Lebensweise zeigen kann als die, die seiner Kapazität, der Grenze oder dem Höhepunkt seiner Entwicklung entspricht. Die Entwicklung, die er noch nicht erreicht hat, kann ihm selbstverständlich keine erhöhte Kapazität geben. Wenn das, was die Menschen von der Lebensweise der Mitmenschen erwarten, nicht immer geleistet werden kann, da es die Kapazität ihrer Lebensweise übersteigt, die der Gipfelpunkt der Entwicklung, des Wissens und Könnens dieser Wesen ist, werden die Menschen zornig und bitter auf solche weniger entwickelten Menschen und wollen sich an ihnen rächen oder sie strafen. Und sind nicht die Gefängnisse, Zuchthäuser und Strafanstalten der Staaten oder Nationen zu diesem Zweck errichtet worden? – Und nennt man nicht solche unterentwickelten Menschen "Verbrecher"? – Kann etwas törichter oder ein größerer Irrtum sein, als von einem Menschen zu verlangen, dass er Handlungen oder eine Lebensweise manifestieren soll, die himmelhoch über dem Gipfelpunkt dessen liegen, was er als Idealismus oder Moral auffassen oder verstehen kann? – Es ist also töricht, seinen Nächsten vom eigenen Gesichtspunkt aus zu beurteilen. Er kann nur von seinem eigenen Gesichtspunkt oder von der Entwicklungsstufe aus beurteilt werden, auf der er sich im Augenblick befindet und nicht von der Entwicklungsstufe aus, auf der man selbst steht, da das ja eine Stufe sein kann, die höher als seine ist, wie es natürlich auch eine Stufe sein kann, die niedriger als seine ist.


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