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Die Unsterblichkeit der Lebewesen - Inhaltsverzeichnis   

 

 
2. Kapitel
Weshalb man nicht mit Recht behaupten kann, dass die jetzige Kultur frei von Primitivität und Aberglauben ist
Aber heute, in unserer modernen und hoch aufgeklärten Zeit, können die Menschen doch wohl nicht mehr der Primitivität oder dem Aberglauben unterliegen? Wir haben doch große Lehranstalten, Universitäten und Schulen, und die Kinder haben von einem sehr frühen Alter an vorgeschriebenen Schulunterricht. Sie beginnen schon in verhältnismäßig jungen Jahren zu lesen und zu studieren. Und die meisten noch minderjährigen, normal begabten Kinder wissen heute mehr vom Leben und Dasein, als die gelehrtesten Wissenschaftler vor Hunderten von Jahren über die gleichen Dinge wussten. Und wir sehen ja auch glänzende Resultate all dieses vielen Wissens. Die Menschheit hat jetzt Wissenschaftler, Ärzte, Ingenieure, Architekten, Konstrukteure und andere Spezialisten zu Tausenden zu ihrer Verfügung bei der Gestaltung ihrer Kultur, ihres täglichen Lebens und Wohlbefindens. Die Menschen sind imstande, rein physisch Wunderwerke zu vollbringen. Man beherrscht Millionen und Abermillionen von Pferdestärken der Natur. Wir können riesige Kraftmaschinen bauen und diese für die Menschheit arbeiten lassen, sie millionenfach Nutzgegenstände ausspeien lassen. Wir können die Kräfte der Natur dazu gebrauchen, uns über die Wolken tragen und unter Wasser und über die Autobahnen der Kontinente befördern zu lassen. Die Menschen können zuhause in ihrem Zimmer sitzen und mit Freunden oder Bekannten sprechen, die sich auf der anderen Seite der Erde befinden. Sie können auch in denselben Räumen Konzerte, Musik, Gesang und Reden von den großen Bühnen und Radiostationen aller Welt hören. Eine Menschenstimme kann also über die ganze Welt gehört werden. Die Abstände und damit Zeit und Raum sind geringer geworden, so dass sie nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was sie früher für die Menschen bedeuteten. Heute können Dinge, für deren Ausführung früher Monate gebraucht wurden, in Stunden oder Minuten getan werden. Das Gleiche gilt für Erfahrungen. Die Entwicklung geht in Riesenschritten voran.
      In einer so aufgeklärten Menschheit mit so genialem Wissen und Können kann man doch wohl nicht behaupten, dass da die Rede von Primitivität und Aberglauben sein kann? Man hat doch gewiss schon längst die Primitivität und den Aberglauben in früheren Kulturen durchschaut. In unseren Tagen kann man doch wirklich nicht mehr irgendwelchen naiven Vorstellungen zum Opfer fallen, die sich in allgemeinem Aberglauben verwurzelt haben. In unseren Tagen können doch keine Hexenprozesse stattfinden. Wir sorgen doch schon dafür, eine glänzende Verteidigung mit genialen Mordwaffen zu haben, ja, wir können heute sogar mit einer einzigen Bombe eine Millionenstadt mit ihrer Bevölkerung und ihren Kulturwerten auslöschen und werden schon nach und nach die allzu aggressiven und uns zu nahe tretenden Nationen und Völker zum Schweigen bringen. Wir haben doch auch ein glänzendes Rechtswesen mit Gefängnissen und Strafanstalten, womit wir Banditen, Verbrecher und Ähnliche schon in Schach halten werden. Mit unserem glänzenden Stab von Ärzten, mit Krankenhäusern und unserer Gesundheitswissenschaft, unseren Forschungs- und Vivisektionsanstalten werden wir doch schon Krankheiten jeder Art unter Kontrolle bringen. Mit unseren glänzend ausgebildeten Fachleuten und Produktionsmöglichkeiten werden wir doch schon nach und nach andere Völker und Geschäftsverbindungen auskonkurrieren und unseren Arbeitslosen Arbeit geben. Mit unserer Sozialversorgung, Invaliden- und Altersrente haben wir doch ein glänzendes Dasein für die Kranken und Alten geschaffen. Mit unserem umfassenden Schulunterricht werden wir doch schon dafür sorgen, dass wir unser Volk auf einer hohen Kulturstufe halten. Nein, man kann doch wirklich nicht behaupten, dass in unserer auf einer so hoch entwickelten Wissenschaft gegründeten Kultur nennenswerte Gebiete von Primitivität und Aberglauben vorkommen. Wir bewegen uns doch absolut auf dem fundamentalen Weg der Tatsachen. Was sollen wir mit Religion und einer Gottheit, Evangelien und Gebet? Solche Dinge gehören doch in das Kinderzimmer und in die Phantasie von Träumern.
      Aber ist diese hier geschilderte selbstsichere Auffassung von eigener Moral und Verhaltensweise, so wie diese mehr oder weniger in den modernen und führenden Kulturstaaten zum Ausdruck kommt, nun auch auf wirkliche Tatsachen gegründet? Wenn sie das nicht ist, kann sie nur auf Glauben gegründet sein, d.h. Vermutungen. Und wenn diese Vermutungen nicht mit der Wirklichkeit zusammenpassen, ist dieses Ideal der Kulturstaaten in Wirklichkeit nur Primitivität und Aberglaube. Soll das heißen, dass da eine Möglichkeit dafür existiert, dass die Menschen der Zukunft auf unsere jetzige Kultur zurücksehen werden und in ihr so große Bereiche von Primitivität und Aberglaube sehen, dass sie finden werden, dass viele der jetzigen so hoch gepriesenen Gegebenheiten auf die gleiche Weise völlig lächerlich und naiv sind, wie die Menschen von heute finden, dass die mittelalterliche Kultur voller lächerlicher und tragikomischer Dinge war, die man damals als absolut gerecht und vollkommen lobpries und in den Himmel hob? Ja, das ist in allerhöchstem Grade möglich. Solange man in einem gegebenen Bereich, sei es innerhalb von Moral und Verhalten, im Familienleben wie auch innerhalb von Regierungs- oder Staatsformen, innerhalb der Ärztewissenschaft oder anderer Wissenschaften noch Erfahrungen ernten kann, die Fehler in der herrschenden Auffassung in diesen Erscheinungen enthüllen können, und man durch die gleichen Erfahrungen die Auffassung verbessern kann, hat diese ihre Vollkommenheit oder ihren fertigen Zustand noch nicht erreicht. Und da wird man gezwungen sein zu erkennen, dass bei jeder Verbesserung, die man imstande ist vorzunehmen, die vorherigen Einstellungen und das vorherige Wissen innerhalb des gegebenen Feldes nicht vollkommen war. Aber ein Wissen, das nicht vollkommen ist, ist in entsprechendem Grad Ausdruck für Unvollkommenheit und Primitivität. Und da man nicht behaupten kann, dass die in der Gegenwart geltenden kulturellen Vorlagen, Gesetze, Gesellschaftsverhältnisse und Gebräuche so vollkommen sind, dass in den betreffenden Bereichen keine Erfahrungen gemacht werden können, die belegen, dass dort Mängel und Fehler enthalten sind, die durch diese neuen Erfahrungen verbessert werden können, kann man auch nicht mit Recht sagen, dass die jetzige Kulturepoche vollkommen und damit frei von Primitivität und Aberglauben ist.


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