Lesen und suchen im Das Dritte Testament
| Logik - Inhaltsverzeichnis |
2. Kapitel |
| Schwere Hindernisse für die Erkenntnis der Wahrheit |
Dass es sich wirklich so verhält, wie eben beschrieben, das wird durch die vielen sehr unterschiedlichen Lebensanschauungen und die vielen voneinander sehr verschiedenen Auffassungen über den Sinn des Lebens, von denen die Welt so voll ist, zur Tatsache.
Was sind die Bibliotheken der Welt mit ihren Tausenden von dicken Werken anderes als eine in Druck umgeformte, unermessliche Sammlung höchst verschiedenartiger Auffassungen von ein und derselben Realität, nämlich – der "Wirklichkeit"?
Dass diese "Wirklichkeit" durch Meinungen vom Leben, durch moralische Begriffe ausgedrückt ist, die zuweilen weit auseinandergehen und gegensätzlich sind und die dennoch behaupten, die Wahrheit, ein unerschütterlicher Ausdruck der Wirklichkeit zu sein, zeigt ja unfehlbar, dass ihre verschiedenen Urheber die Wirklichkeit durch verschieden "gefärbte Brillen" gesehen haben. Sie sind von Geschöpfen oder Personen geschaffen worden, deren Verstand sich in einem entsprechend sehr unterschiedlich, mehr oder weniger entwickelten Zustand befand. Wenn aber die Welt voller Weltanschauungen, Lebensauffassungen, moralischer Begriffe und dogmatischer Behauptungen ist, die als Gegensätze erscheinen, ja, selbst "wissenschaftliche" Behauptungen widersprechen zuweilen anderen "wissenschaftlichen" Behauptungen, woran soll sich dann der moderne Mensch halten? – Einige der führenden Personen der Welt von heute halten Krieg, allgemeine Wehrpflicht, Militarismus, Eroberung von Landgebieten und Unterdrückung des Volkes und der rechtmäßigen Besitzer dieser Gebiete, Diktatur, Standrecht, Guillotinen, Galgen, elektrische Stühle, körperliche Tortur und Verletzung für moralisch berechtigt und für den einzigen Weg zu wahrem Zusammenschluss, zu Glück und Wohlstand eines Volkes. Und jedes Abweichen hiervon in Richtung größerer Humanität, friedlicher Lösungen und Übereinkommen halten sie für Torheit, Naivität und Schwäche. Andere genauso anerkannte und berühmte Menschen kämpfen gerade für größeren Humanismus, für friedliche Lösungen aller Fragen, für die Abschaffung von Krieg, Todesstrafe und Verletzungen, betrachten die Anwendung von Brutalität im Dienste der Moral als menschenunwürdig, als Rechtsverstoß gegen alle höhere Kultur und Zivilisation und betrachten jedes Abweichen hiervon als Barbarei, Heidentum oder Primitivität. Es gibt Hunderte von Reformatoren, auf religiösen wie auch materiellen Gebieten, die sich darauf berufen, dass gerade ihre Ideen das höchste Ideal und das besondere Moment sind, das die Welt erlösen soll. Fast alle glauben, "den Stein der Weisen" gefunden zu haben, und verfechten ihre Ideale mit einer Hartnäckigkeit, Aufdringlichkeit und Intoleranz, die in Hinsicht auf Humanität oder wirkliche Menschenliebe noch viel zu wünschen übrig lassen. Die Folge ist, dass sich die Reformatoren gegenseitig bekriegen, dass sie versuchen, so viele Anhänger für ihre Partei zu gewinnen wie möglich. Ehrgeiz beherrscht das Bewusstsein, Reklame und Überredungskunst florieren, Übertreibungen blühen. Und inmitten dieses Wirrwarrs werden neue Generationen geboren. Dieses Chaos macht Schule für Jungen und Mädchen, die einmal Eltern, Erzieher, Volksführer und Bürger im Gemeinschaftsleben werden sollen. Die heranwachsende Jugend soll hier die Lebensgrundlage, das unerschütterliche Vertrauen zur Gerechtigkeit des Lebens, zu Humanismus und Liebe finden, ohne die es wirklich unmöglich ist, Sorgen, Widerwärtigkeiten, Katastrophen, Verletzungen und Leiden zu überwinden. Kein Wunder, dass die heranwachsende Jugend von dieser eigentümlichen Schule, von diesen unvollkommenen Verhältnissen und Zuständen geprägt wird. Kein Wunder, dass sie in all dieser Disharmonie, in all dieser Unlogik, die sie von klein auf erleben musste, den wirklichen Sinn des Lebens nicht finden kann. So werden einige Kinder in Wohlstand und Luxus erzogen, erleben es, dass sie selbst wie auch ihre Eltern und ihre Gleichgestellten aufgrund ihrer großen Besitzungen, ihrer Extravaganz in den mondänsten Orten der Welt, ihrer Villen an der Riviera, ihrer Paläste, Lustschlösser und Jagdschlösser, ihrer eleganten Wagen, Luxusschiffe, Lustyachten, ihrer kostbaren Schmuckstücke und feinen Kleider, ihrer großen Dienerschaft usw. nur dazu da sind, um von fast allen Menschen auf der ganzen Welt, wohin sie auch immer kommen, bedient, gefeiert und angebetet zu werden. Wie sieht die nüchterne Wirklichkeit für Kinder auf diesem Niveau aus? – Muss ihnen nicht der Glaube suggeriert werden, dass sie eine Art von "Übermenschen" seien, vor denen sich alle zu verneigen haben, denen alle zu gehorchen und zu dienen haben? – Müssen sie nicht notwendigerweise glauben, dass alle minderbemittelten Wesen, u.a. ihre aufwartende Dienerschaft und das untergeordnete Personal, geringere Wesen im Dasein, eine Art niedriger stehender Geschöpfe, eine Art "Sklaven" sind, eben weil sie gezwungen sind, sich kaufen zu lassen, um zu arbeiten, zu dienen? – Und werden sie nicht weiterhin dadurch in diesem Glauben bestärkt, dass sie dazu erzogen werden, ihr untergeordnetes Personal mit "Du" und beim "Vornamen" anzureden, ohne dass dies jemals gegenseitig sein darf? – Ist nicht zwischen diesen Kindern und der wirklichen Wahrheit eine hohe chinesische Mauer errichtet? – Wie sollen sie lernen, dass man nicht auf die Welt gekommen ist, um "sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen"? – Wie verhält es sich aber mit den Kindern und Jugendlichen der Dienerschaft, der Arbeiter oder der unbemittelten und untergeordneten Klassen? – Fällt es diesen leichter, die Wirklichkeit zu sehen? Wenn sie ständig bis zu einem gewissen Grade in einer Umwelt leben müssen, in der Eltern und Angehörige Opfer einer großen wirtschaftlichen Sklaverei sind, dann scheint das wenig dazu geeignet zu sein, Sympathie gegenüber den Männern und Frauen jenes Luxusdaseins zu schaffen, wenn sie ständig ein ewiges Verzichten auf die Befriedigung vieler berechtigter und gesunder Wünsche, eine dauernde Enttäuschung der Hoffnung und der schönen Träume von Freiheit und Unabhängigkeit, ein unablässiges Eingemauertsein in dunklen Werkstätten und lärmenden Fabriken, ein anhaltendes Begrabensein in Kontorräumen, in Zahlen und Abrechnungen, eine Überlastung der Nerven mit Verantwortung und Pflichten, was wiederum einen Aufenthalt in Heilstätten und Krankenhäusern mit gekrümmten Rücken, zitternden Händen, geschwächter Geisteskraft nach sich zieht, ein viel zu frühes Altern bei kümmerlichem Lohn, der kaum ausreicht, um den Hungertod zu verhindern, erleben – alles nur, um die materiellen Werte zu erzeugen, die das zuvor genannte Luxusdasein der besitzenden Klasse erfordert, sowie den kleinen Betrag, welcher der arbeitenden Klasse zugestanden wird, damit sie das Leben gerade so weit fristen kann, dass es weiterhin zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Grundlage der besitzenden Klasse oder dieser in Luxus lebenden Personen dienen kann. Dass es Ausnahmen gibt, dass es im Luxus geborene Personen gibt, die außerordentlich sympathisch sind, die für ihre Untergebenen gute Verhältnisse schaffen, dass es ebenfalls auch Untergebene gibt, die große Sympathie für ihre Vorgesetzten haben und hier im Leben mit ihrem untergeordneten Dasein zufrieden sind, das ändert natürlich nichts an der Wahrhaftigkeit der zuvor gegebenen Analyse, ändert nichts an der Tatsache, dass die Verhältnisse in tausend und abertausend Fällen so sind wie oben beschrieben. Und müssen Kinder dieser in Wirklichkeit stark ausgebeuteten Klasse in ihrem Heim, in ihrer Umgebung und durch ihre Freunde und Gleichgestellte nicht oft Zeuge zu starker Kritik an und herabwürdigendem Spott über diese "besitzende Klasse" werden? Wird hier nicht eine Verachtung, eine Art Hass gegen diesen Stand gezüchtet? Wie soll diese in diesem Milieu heranwachsende Jugend angeregt werden, in "dem reichen Mann" oder in "der reichen Frau" den "Nächsten" zu sehen, den man "lieben soll wie sich selbst"? Dass die Vertreter der besitzenden Klasse in ihrer Extravaganz zuweilen trotzdem imstande sind, Mitgliedern des untergeordneten Standes zu imponieren, so dass diese sich sehr gerne bei den ersteren einschmeicheln oder in Gunst bringen wollen, beruht ja nur auf dem Umstand, dass sie sich durch diese Gunst einen wirtschaftlichen Vorteil erhoffen oder dass die Vertreter der besitzenden Klasse für die Gunstsuchenden die Verkörperung ihrer eigenen Sehnsucht und geheimen Träume von Reichtum und Unabhängigkeit sind. Dies hebt aber natürlich die Tatsache nicht auf, dass das Luxusdasein nur aufgrund des Missbrauches oder der ungleichen Verteilung des Arbeitsertrages existiert. Wie sollten wohl andererseits die "Armut" und die Existenz einer wirtschaftlich "herrschenden Klasse" und einer "arbeitenden Klasse" möglich sein? Und die Sache wird natürlich dadurch nicht besser, dass Tausende von Männern und Frauen überhaupt keine Arbeit bekommen können und damit von dem allgemeinen und natürlichen Leben der Gemeinschaft rein wirtschaftlich völlig abgeschnitten sind. Da Geld ja noch in großem Ausmaß die Welt regiert und den Zugang zu allen lebensnotwendigen Gütern verschafft, sowohl zu denen, die das Gemüt erheitern, als auch zu denen, die den Körper erhalten und ernähren sollen, muss ein Mensch, der sozusagen keinen Zugang zu Geld hat, das Leben, die Moral und das Dasein ganz anders auffassen als derjenige, der Geld im Überfluss besitzt. In einem solchen Menschen herrschen ja dieselben Sehnsüchte und Träume wie in anderen Menschen. Aber wie soll er zur Erfüllung seiner Träume gelangen? – Es gibt ganz gewiss in einigen Ländern eine "Sozialhilfe"; diese reicht aber kaum zur Miete und zur Nahrung. Und das Leben fordert mehr. Das junge Blut, der mit Energie angefüllte Mensch, kann nicht nur fürs Schlafen und Essen leben. Da aber ein Leben über diese Grenze hinaus mehr kostet, als die "Sozialhilfe" bieten kann, und da er keine Arbeit bekommen kann, ist der natürliche oder rechtlich anerkannte Weg für einen solchen Arbeitslosen ja gänzlich versperrt. Wie soll aber ein solcher Mensch, der im kalten Winter vielleicht in Lumpen und mit durchlöcherten Schuhen gehen muss, während er andererseits Zeuge dessen wird, dass es Menschen gibt, die Werte von mehreren Millionen Dänische Kronen besitzen, Menschen, in deren Schränken sich Kleidung und Schuhe in großen Mengen anhäufen, wie soll er verstehen, dass es "Sünde" ist, aus diesem Schrank ein Paar Schuhe für seine kalten und nassen Füße zu nehmen, nachdem er den Besitzer dieser Schränke vergebens um Hilfe in seiner unglücklichen Lage gebeten hat? – Wie soll man verlangen, dass dieser Mensch das siebente Gebot verstehen soll: "Du sollst nicht stehlen"? – Ist man in einer solchen Lage nicht gezwungen, dauernd aktiv und erfinderisch zu sein, um Auswege zu finden und um zu Geld zu kommen? – Da alle gesetzesmäßig anerkannten Wege gesperrt sind, muss diese erfinderische Tätigkeit ja darauf hinausgehen, Methoden zu suchen, welche die Gesetze umgehen. Dieses Umgehen glückt nicht immer gleich gut, und der Mensch kommt in Lagen, die juristisch nicht einwandfrei sind und deshalb als "verbrecherisch" gestempelt werden. Der arme Mensch ist "Verbrecher" oder "Verbrecherin" geworden, verliert seine bürgerlichen Rechte und ist nach abgesühnter Strafe wieder hauptsächlich darauf angewiesen, sich nur auf "ungesetzliche" Weise zu ernähren, da ein Gefängnisaufenthalt ja einem schwarzen Stempel in seinen Papieren gleichkommt. Dieser Makel ist eine Warnung an alle Arbeitgeber, an die sich der arme Mensch eventuell um Arbeit wenden könnte. Wie soll ein Mensch, der erst einmal auf eine solche schiefe Bahn geraten ist, die Gemeinschaft "lieben" lernen? – Dass es Geschöpfe gibt, die durch Völlerei, Laster und Faulheit auf dieselbe schiefe Bahn gekommen sind, macht die Sache ja nicht besser. Aus diesem Niveau erwächst ja keine besondere Inspiration oder Aufmunterung, dem Prinzip zu folgen, "die linke Wange darzubieten, wenn man auf die rechte geschlagen wird"; und namentlich nicht in einer Gesellschaft, die durch das Schaffen von unglücklichen Lagen und schiefen Bahnen ihre eigenen Geschöpfe schlägt und in stiefmütterlicher Unbarmherzigkeit viele ihrer Kinder von den wirklichen moralischen Gütern der Zivilisation und der Kultur ausschließt, sie in einer Unterwelt des Verbrechens, der Entwürdigung und Hoffnungslosigkeit gebunden hält. Was lernen Kinder, die in diesem Milieu geboren sind, von Gott? – Was verstehen sie von Moral, Ehrlichkeit und Religiosität? – Kein Wunder, dass die merkwürdigsten und widersprüchlichsten Vorstellungen darüber entstehen, was gesund, moralisch oder berechtigt ist. Das große Lebensproblem "Was ist Wahrheit?" ist immer noch Mystik. Aber wie sollten auch die heranwachsenden Generationen, die in den oben geschilderten verschiedenartigen, einander widersprechenden Denkweisen geboren sind, die Möglichkeit haben, diese universale Weltfrage zu verstehen oder die richtige Antwort zu finden? – Wie sollen sie an Nächstenliebe, Wahrheit und Gerechtigkeit glauben, wenn alles um sie herum in großem Stil Ungerechtigkeit, Brutalität und Zufall zu sein scheint? – Wie soll das große Hauptfazit des Weltalls "alles ist sehr gut" in einem solchen Milieu sichtbar, glaubwürdig und annehmbar werden? – |
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