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Die Erschaffung der Kultur - Inhaltsverzeichnis   

 

 
16. KAPITEL
Das reduzierte Christentum und dessen Folgen
Auch das Christentum ist eine Manifestationsweise, die erst vollkommen ist, wenn sie in Bewusstsein und Wesensart des Wesens zur Genialität geworden ist. Es ist nichts Geringeres als die größte Kunst-Art, die existiert, weil es die Lebens-Kunst selbst ist. Zu leben ist in allergrößtem Umfang eine Kunst. Das kann wie sehr schlechte und primitive Kunst praktiziert werden und es kann als eine Genialität praktiziert werden, die wie eine Leben spendende und Leben fördernde Daseinsform ist, die ein in wahrem Glück, in Gesundheit und Wohlbefinden kulminierendes Verhältnis zu den Lebewesen, zur Natur, Vorsehung oder Gottheit darstellt. Das Heidentum, d.h. die noch in gewissen Situationen mörderische oder tötende Natur in der Lebenseinstellung der Menschen, kann also nicht augenblicklich entfernt werden, obwohl auch unter den Menschen einmal ein fertiger oder vollkommener Mensch gelebt hat. Obwohl das Heidentum bis zu einem gewissen Grad von der Mentalität und Wesensart des Welterlösers beeinflusst wurde, blieb es trotzdem in überwiegendem Maße oder in großen Bereichen Heidentum in Reinkultur. Und aufgrund dieses Heidentums verteidigt man seinen Zorn gegen seinen Nächsten unter dem Deckmantel, dass er "heilig" sei. Die Empörung oder Entrüstung über den Nächsten wurde ebenfalls unter dem Begriff "Gerechtigkeit" getarnt. Im Namen dessen, der da sagte, dass man wieder und wieder vergeben solle und auch dass man seine Feinde lieben und denen Gutes tun solle, die einen hassen, dass man die segnen solle, die einen verfluchen usw., verteidigt man die eigene Lieblosigkeit oder die eigene mangelnde Fähigkeit, seinen Zorn, seine Bitterkeit und Lust am Verleumden zu bekämpfen. Da gab es also keine besonderen Tendenzen, dem Wesen des Welterlösers nachzueifern, der sogar in der Kreuzigungssituation keinerlei Form von "heiligem Zorn" oder "gerechter Empörung" gegenüber seinen Henkern zeigte. Hier war in seinem Wesen nur ein inniges Mitleid mit diesen Personen zu spüren, das in dem alles erleuchtenden Liebesausbruch zum Ausdruck kam: "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."
      Aber in demselben Umfang, in dem man nun Entschuldigungen für sein heidnisches Verhalten fand und sich einbildete, dass man im Christentum selbst eine direkte Zustimmung zu diesem seinem Verhalten fand, ist es sonnenklar, dass sich die Not im wachen, tagesbewussten Leben vermehrte. Das Gesetz ist nun einmal unveränderlich, sodass "der Mensch das, was er sät, auch ernten muss", genauso wie das Lebensgesetz selbst, das Gesetz aller Gesetze, geradezu bedingt, dass man seinen Gott über alles lieben soll und seinen Nächsten wie sich selbst. War es nicht gerade dies, was von dem, der "der Weg, die Wahrheit und das Leben" war, ausstrahlte? In allen Situationen, in denen man in Auffassung und Wesensart davon abweicht, sät man also eine für sich selbst unglückliche Saat, deren Ernte einmal früher oder später, entweder in diesem oder in einem kommenden Leben, für das eigene Schicksal oder Lebenserleben genauso unglücklich sein wird. Da, wo man keine Nächstenliebe entwickelt oder nicht in den Fußspuren des Welterlösers geht, sät man eine Saat, die später die schwersten Leiden, teils im Organismus, teils im Geist und teils in der Einstellung oder im Verhältnis zu seinem Nächsten schafft. Und ist es nicht geradezu dieses unglückliche Verhältnis zum Nächsten oder zu den Mitwesen, in dem wir die Menschen von heute vorfinden?


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